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Gesten zwischen Vergangenheit und Zukunft
Die brasilianische Theatermacherin Denise Stoklos

Autor:  |  Frühjahr 2002

Langsam schiebt sich ein Stiefel am linken Bühnenrand hervor, das dazugehörige Bein folgt. Mit einem weitausgeholtem Schritt wird eine Gestalt im Anzug sichtbar, Zylinder auf dem Kopf. In Slow-Motion-Schritten bewegt sie sich geheimnisvoll und fast clownesk zur Bühnenmitte. Man denkt an einen Zirkusdirektor aus dem letzten Jahrhundert. Im Hintergrund erstreckt sich eine nahezu leere Bühne, lediglich in ihrer Mitte hängen – fast den Boden berührend – dicke Seile, davor am oberen Bühnenrand acht Fernsehmonitore. Rechts steht verloren ein Stuhl mit Kleidungsstücken, links hängt ein Mantel auf einem Gestell. Mit einem Ruck lüftet die Gestalt ihren Zylinder, ein wild abstehender blondgefärbter Haarschopf kommt zum Vorschein, unverkennbares Outfit der brasilianischen Schauspielerin Denise Stoklos. Ihr im Jahr 1997 entstandenes Stück Desobediência Civil basiert auf den Schriften des im letzten Jahrhundert lebenden amerikanischen Schriftstellers Henry David Thoreau. Es ist ein szenischer Diskurs, der sich in den letzten Stunden des Jahres 1999 abspielt, eine sowohl Abschieds- als auch Begrüßungsrede zwischen den Jahrtausenden. Vertreten ist der Autor des 19. Jahrhunderts durch seinen Text, seine Ideen und auch der an vergangene Zeiten erinnernde Frack, Attribut männlich-eleganten Auftretens scheint auf ihn zu verweisen. Die weiblichen Körperformen aber und nicht zuletzt der blonde Haarschopf führen mit dem Spannung erzeugenden Auftritt die Schauspielerin ein.

In seinem bekanntesten Text Walden betont Thoreau das schreibende Ich und seine subjektive Perspektive. Aus dem Mund von Denise Stoklos heben dieselben Worte nicht nur ihr charismatisches Auftreten hervor, sondern auch die szenische Praxis, bei der sie sich unterschiedlichste Materialien ganz selbstverständlich aneignet. Mit einer präzise gesetzten Gestik und Körperbeherrschung, der ausdrucksstarken und von komischen Momenten dominierten Mimik wie auch einem virtuosen Ausspielen ihrer Stimmtastatur tritt sie nie hinter das von ihr Ausgedrückte zurück oder schlüpft vollständig in die Rolle des Anderen, sondern spielt ihre Ideen aus bewußt subjektiver Perspektive aus.

Als Personalunion von Schauspielerin, Co-Autorin und Regisseurin hat Denise Stoklos in ihrem Stück Desobediência Civil Henry David Thoreau und seine Texte zu einem Leitmotiv konstituiert. Die Seile in der Bühnenmitte werden durch ihr Spiel zu einem Wald, Zeichen für denjenigen Ort in der Natur, an dem der amerikanische Autor Mitte des letzten Jahrhunderts für zwei Jahre Zuflucht suchte, um sich den Fesseln der bürgerlichen Gesellschaft zu entziehen. Von einem Moment zum anderen verwandelt Denise Stoklos/Thoreau im szenischen Spiel den Wald, die räumliche Seilkomposition, in ein Gefängnis. Hier mußte Thoreau während seiner Walden-Zeit eine Nacht verbringen, da er sich jahrelang geweigert hatte, die Kopfsteuer zu bezahlen. Im Eindruck dieser in Thoreaus Augen lächerlichen staatlichen Maßnahme der wohl körperlichen, aber nicht geistigen Ausgrenzung schrieb der Sozialkritiker und Befürworter der Sklavenbefreiung seinen Text Civil Disobedience, der mit seinen Gedanken zum gewaltlosen Widerstand neben vielen anderen schon Mahatma Gandhi und Martin Luther King beeinflußt hat.

Für Denise Stoklos ist der „Zivile Ungehorsam“ eine Metapher, die für die Möglichkeit steht, „in die Richtung zu blicken, die nicht vom Establishment angezeigt wird.“ In ihrer szenischen Collage verbindet sie Thoreaus Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft des letzten Jahrhunderts mit Anspielungen auf die brasilianische und auch globale Realität einer vom Neoliberalismus und von Korruption gezeichneten und weite Bevölkerungsschichten ausgrenzenden Gesellschaft. Humorvoll spielt sie auf Alltagsabsurditäten der Gesellschaft an, erwähnt das Zerreißen ihrer Einkommenssteuer-Erklärung als Protestakt gegen das ungerechte Steuersystem und sorgt damit im brasilianischen Publikum für spontane Reaktionen. In kurzen sketch-hafte Episoden geht sie auf „Gesellschaftspathologien“ ein: in einem virtuos-komischen Tango verkommt eine sich zum Ausgehen zurechtmachende und mit sich unzufriedene Frau – in ihrem Selbstwertgefühl sichtbar von den marktorientierten, idealtypischen Weiblichkeitsbildern eingeschüchtert – zur Karikatur ihrer Selbst. Auch hier spiegelt sich ein Gesellschaftsbild wieder, das nach Aussagen der Künstlerin entscheidend von dem Gedankengut des amerikanischen Linguisten und Gesellschaftskritiker Noam Chomsky, des brasilianischen Geographen Milton Santos und der amerikanischen Essayistin Viviane Forrester geprägt ist. Auf der Bühne deklariert sie diese zeitgenössischen Denker zu Gefängnisgenossen Thoreaus.

In einer ebenso virtuosen wie komischen Szene stellt die Künstlerin das Zurückgreifen auf „fremde“ Texten aus, verwandelt die doch „so einfache“ Lektüre eines sich selbst zersetzenden Textes von Gertrude Stein in eine akrobatische Zungengymnastik und läßt den die Homosexualität thematisierenden Satz zu Klang und Rhythmus werden. Die darauffolgende „tiefergehende“ und „damit auch langsamer anzugehende“ Lektüre eines offenbar spiritistischen „Führers der Körperfluide“, gemeint sind die Energieströme im Körper, verbindet sie mit Szenarien der allen Menschen gemeinsamen, doch so selten kommentierten Erlebnisse bei der Darmentleerung und kreiert damit eine der komischsten Szenen der Inszenierung. Das Verlesen all dieser Texte, auch dem darauf folgenden der Stimmlosen, den sie stumm vorträgt, fügt sich zu einer polyphonen Collage zusammen, die in allen Momenten auf den Akt der Kommunikation anspielt. Möglichkeit und Unmöglichkeit von Verständigung führen Denise Stoklos trotz aller Gesellschaftskritik jedoch nicht zu einem düsteren Zukunftspessimismus, sondern wenden sich an die (sich selbst) erneuernde Kraft jedes Individuums. „Erneuere dich vollständig jeden Tag; tu es wieder und wieder und immer wieder.“ heißt es nach Thoreau bei Denise Stoklos. Ehre erklärt sie zu einem Schlüsselwort: gleichzeitig erscheint es auf allen Bildschirmen. Mit diesem Appell an eine persönliche Haltung, an den Glauben an das Wort und die Kommunikation greift Denise Stoklos auf eine brasilianische Tradition zurück, klingen doch in den meisten ihrer Worte und Aufrufe die Ideen des revolutionären Pädagogen Paulo Freire an, den sie in einer bewußten Umkehrung der zeitlichen Chronologie als Mentor Thoreaus deklariert. In seiner Pädagogik der Unterdrückten hat sich Freire seit den 60er Jahren für eine problemorientierte Erziehung engagiert, die „concientização“ (das Bewußtwerden) der eigenen Lebenssituation als Beginn einer Befreiung gesetzt und dabei Dialog und Kommunikation zu den zentralen Begriffen seiner pädagogischen Theorie gemacht. Am Ende des Stückes zeigt sich Denise Stoklos von ihrer persönlichsten Seite: in ihrer Rolle als Mutter nimmt sie im Generationensprung ein Freire-Buch ihrer Pädagogik studierenden Tochter zur Hand und liest „als letzten Diskurs des Milleniums“ mit klarer Stimme eine Textstelle daraus vor. Begleitet von der Melodie und dem Text von „Corsário“, einem Lied der brasilianischen Musikerin Elis Regina mit Texten von João Bosco und Aldir Blanc verläßt die Künstlerin – ebenso wie sie auf die Bühne gekommen ist – mit großen und weiten Schritten den mit Spannung und Emotionen geladenen Raum: „Meu coração tropical está coberto de neve (…) Meu coração tropical partirá esse gelo, irá…!“ (Mein tropisches Herz ist schneebedeckt. Mein tropisches Herz wird dieses Eis brechen.)

Neben Künstlerinnen wie den Mexikanerinnen Jesusa Rodriguez und Astrid Hadad gehört Denise Stoklos zu den charismatischsten Theatermacherinnen Lateinamerikas. Tourneen durch die ganze Welt sprechen für eine universelle Verständlichkeit ihrer Arbeiten. 1999 feierte sie in São Paulo das dreißigjährige Jubiläum ihrer professionelle Theaterarbeit mit einem Rückblick auf ihr Teatro Essencial, der Wiederaufnahme ihrer One-Woman-Shows Elis Regina (1982), Casa (1990), 500 anos – um fax de Denise Stoklos para Cristovão Colombo (1992) und Desobediência Civil (1997), einer Ausstellung und Lecture Demonstrations. Danach entstanden sind 1999 als kritische Auseinandersetzung mit den Feierlichkeiten anlässlich der sogenannten 500jährigen Entdeckung Brasilien Vozes Dissonantes und 2000 während einer Gastdozentur in New York das szenische Porträt der plastischen Künstlerin Louise Bourgeois I do, I undo, I redo. Erst vor wenigen Monaten hatte sie mit ihrer auf einem Gertrude Stein-Gedicht basierenden Produktion Calendário da Pedra Premiere.

Im Zentrum ihrer Arbeiten steht sowohl die szenische Präsenz der gestisch und mimisch fabulierenden Bühnenfigur Denise Stoklos als auch ihr Umgang mit den eben nicht zentralen Blickwinkeln der Ränder und Peripherien, „mißtönende Stimmen“ wie sie es in ihrer Produktion Vozes Dissonantes umschreibt. Sie selbst stammt aus dem kleinen Ort Irati im brasilianischen Bundesstaat Paraná, fern ab von der Kulturachse Rio – São Paulo.

Angesprochen auf ihre künstlerischen Referenzen bezieht sie sich am liebsten auf die brasilianischen Komiker Oscarito, Dercy Gonçalves, Zezé Macedo und Mazzaropi und die Clowns der Wanderzirkusse, auch wenn sich in ihren Arbeiten Einflüsse des epischen Theater Brechts, Grotowskis, der Pantomime und des Physical Theaters wiedererkennen lassen. Erfolgreich als Schauspielerin in den späten 60er, frühen 70er Jahren ging sie nach den repressivsten Jahren der Militärdiktatur für einige Jahre in das selbstgewählte Exil, erst nach Israel, dann nach England. Hier entstand 1980 ihre erste „One-Woman-Show“, die für ihre Produktionen bis heute typischste Arbeitsform der Soloperformance, in der sie in polyfunktionaler Arbeitsweise die Rollen von Autorin, Regisseurin, Choreographin und Solo-Schauspielerin zusammenführt. Durch die vielschichtige Lesbarkeit ihrer Stücke, ihren Humor und die kritische Bezugnahme auf das Hier und Jetzt der Zuschauer erreicht Denise Stoklos eine Universalität und einen Grad an Kommunikation, der soziale und kulturelle Unterschiede des Publikums hinter sich lässt. In ihrem 1993 veröffentlichten Buch Teatro Essencial erklärt sie die schaupielerische Arbeit, den Umgang mit Körper, Stimme, Intuition und einer – der menschlichen Überlebenskraft ähnlichen – vitalen Energie zu den Fundamenten ihres Theaters. Alle ihre Arbeiten haben einen epischen Charakter. Dabei verknüpft sie erzählerisch die kontrastreichen Szenenfragmente und schlüpft in die verschiedensten Rollen. In einer teils anarchisch anmutenden Organisation von Wort und Geste und einem dabei doch präzisen Rhythmisieren und Choreographieren von Stimme und Bewegung dramatisiert und kommentiert sie die eigenen Szenen. Das Oszillieren zwischen Eindeutigkeit und Dialektik macht ihre Stücke ebenso verständlich wie es ihnen Humor verleiht, Fragen stellt und zum Denken anregt.

Auch wenn sich Persönliches und Individuelles immer in den künstlerischen Schaffensprozess und die Auswahl des Materials einschreiben, steht bei Denise Stoklos nicht – wie das bei vielen nordamerikanischen Soloperformerinnen der Fall ist – das Autobiographische im Zentrum der Arbeit. Die selbstbewußte Betonung ihrer Persönlichkeit, die von der grotesken Karikatur bis zu einer eigenwilligen Art von Stargebärden reicht, zielt immer auf eine kritische Reibung mit den Machtstrukturen der Gesellschaft, den sozialen Ungerechtigkeiten und der fragwürdigen Ästhetik und Ethik einer kapitalistischen, patriarchalischen Gesellschaftsordnung ab.

In der selbstbewußten, humorvollen und kritischen Verknüpfung von Denkern und Stilen – wie in Desobediência Civil von Thoreau, Freire, Gertrude Stein und Elis Regina – meldet sich bei Denise Stoklos ein ebenso politisches wie ästhetisches Selbstverständnis zu Wort, ähnlich wie es schon im brasilianischen Modernismo der 20er Jahre verhandelt wurde und in den letzten Jahrzehnten immer wieder von den lateinamerikanischen Kulturtheorien thematisiert wird. Es ist eine Suche, die den eigenen Standort humorvoll hinterfragt, spielerisch Ungleiches verknüpft und auf diese Weise kreativ ihre Vitalität gewinnt.


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