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Gensoja in Brasilien: Fluch oder Segen?

Autor:  | Dezember 2008 | Artikel empfehlen

Brasilien ist in den letzten 20 Jahren weltweit zum zweit wichtigsten Produzenten von Soja und zum wichtigsten Sojaschrotlieferanten aufgestiegen. Entwaldung, Zunahme des Pestizideinsatzes, Zerstörung der Lebensgrundlage von indigenen Völkern und Kleinbauern, Landkonzentration, Sklavenarbeit, Landflucht und Zunahme der Armut auf dem Land sind Auswirkungen, die eine andere Seite der Sojamonokultur deutlich machen. Nach dem BSE Skandal in Europa gewann der Sojaimport an Bedeutung, denn Sojaschrot stellt den billigsten Ersatz für das inzwischen verbotene Tiermehl dar. Allein in Deutschland werden jährlich 3 Mio. Tonnen Sojaschrott importiert.

Die Landwirtschaft prägt die Geschichte und die Wirtschaftsstruktur Brasiliens. Diese Tatsache hängt mit der kontinentalen Größe des Landes, der Verfügbarkeit über enorme Naturressourcen und den sehr unterschiedlichen Klimazonen zusammen, die eine riesige biologische Vielfalt hervorgebracht haben und den Anbau der meisten Pflanzenarten der Welt ermöglichen. Diese natürlichen Potenziale wurden seit der Kolonisierung des Landes durch die Portugiesen erkannt, die nach der Vertreibung und Vernichtung großer Teile der indigenen Bevölkerung mit der wirtschaftlichen Ausnutzung begannen. Die Entdeckung von Edelmetallen und Edelhölzern sowie der danach folgende Anbau von Monokulturen wie Zuckerrohr, Kaffee, Kakao und Baumwolle, – offiziell bis 1888 noch mit dem Einsatz afrikanischer Sklaven durchgeführt –, bestimmen die meisten Exporte Brasiliens, u.a. nach Europa bis in die Gegenwart.

Die im 20. Jahrhundert begonnene kapitalistische Modernisierung der brasilianischen Landwirtschaft hat diese Wirtschaftsstruktur nicht aufgelöst. Im Gegenteil, sie basiert auf einer exportorientierten Strategie von Regierungen, um internationale Devisen zu erlangen und dadurch die Industrialisierung des Landes voranzutreiben. Insbesondere ab den 1950er Jahren wird neben den bekannten Monokulturen eine aus Asien stammenden Pflanze angebaut, die schrittweise zum inzwischen wichtigsten Exportprodukt Brasiliens wurde: die Sojabohne Glycine max, die seit Jahrtausenden in China gezüchtet wurde und dort breite Verwendung in der Ernährung findet. Riesige internationale Kredite wurden aufgenommen, um die Sojamonokultur einzuführen und den Bauern durch ein von der Regierung neu errichtetes Genossenschaftssystem subventioniert zur Verfügung gestellt. Die Bedingungen zur Bereitstellung der Kredite waren dennoch klar: Sie sollten zur Einführung der Sojaproduktion im Verbund mit dem Einsatz „moderner“ Agrartechnologien beitragen.

Infolgedessen wurden Maschinen und Ausrüstungen, modernes Saatgut, chemischeDüngemittel und Pestizide eingesetzt mit dem Ziel, die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft und die Agrarexporte des Landes zu steigern. Ein Detail, das einen wichtigen Hinweis auf den Zusammenhang zwischen dem Technikeinsatz und der Sozialstruktur gibt, besteht darin, dass die zunehmende Sojaproduktion durch die selben landwirtschaftlichen Genossenschaften vermarktet wurde, die den Bauern gleichzeitig Agrarberatung anboten und Betriebsmittel bereitstellten.

Damit große Flächen mit Soja zu geringen Kosten angebaut werden können, wird stark auf den Einsatz der Gentechnik gesetzt. Mit der Hoffnung, die Unkrautbekämpfung durch die Anwendung von Herbizid und geringerem Arbeitseinsatz zu erleichtern, zu verbilligen und dadurch den Ertrag zu steigern, wird in immer größerem Umfang die herbizidresistente Soja angebaut. Indem gentechnisch verändertes Saatgut jedoch als Eigentum eines Agrarkonzerns patentiert ist und durch die Verseuchung von Feldern eine herkömmliche Produktion verhindert wird, wird die Abhängigkeit der Bauern von technischen Inputs vollständig.

Durch das Inkrafttreten der Patentrechte der Pflanzenzüchter wurde für die großen Chemiekonzerne der Weg zur Kontrolle des Saatgut-Chemikalienmarktes geöffnet. Die Konzerne streben danach, die Landwirtschaft durch zu industrialisieren und die Abhängigkeit der Bauern von den Chemikalien zu intensivieren. Mit Hilfe der Gentechnik wird versucht, Pflanzensorten zu entwickeln, die den Verkauf von Chemikalien besser stimulieren können. Das neue Saatgut soll besonders bei Bauern in den Entwicklungsländern durch Angebote eingeführt werden, die sie nicht ablehnen können, und zu Preisen, die sie nicht bezahlen können. Damit die Gentechnik sich als Sachzwang in der lateinamerikanischen Landwirtschaft durchsetzen konnte, wurde mit der Taktik begonnen, zunehmend Felder durch eingeschmuggeltes Saatgut zu kontaminieren.

In diesem Sinne wird die Strategie von Monsanto in Brasilien gezielt durchgesetzt, und sie vollzieht sich in folgenden Schritten: a) Bauern an das Herbizid gewöhnen, was seit Anfang der neunziger Jahre mit der Methode der „direkten Aussaat“ im Gange ist; b) staatliche Forschung beeinflussen, besonders durch die Finanzierung von Forschungen und Forschungseinrichtungen sowie durch die Verbindung zu den Forschungsinstituten und deren Leitungen; c) Saatgutbetriebe im Inland aufkaufen und monopolisieren; d) ein Gebiet auswählen und Kontamination erwarten (in diesem Fall ist Argentinien das ursprüngliche Gebiet für Lateinamerika und das Bundesland Rio Grande do Sul innerhalb Brasiliens); e) Wissenschaftler und Politiker gezielt für die Interessen des Konzerns gewinnen; f) ein Netz von Agrarberatern partnerschaftlich durch die Gründung von Beratungsunternehmen einrichten, die im Auftrag des Konzerns oder durch dessen Finanzierung arbeiten; g) riesige Werbekampagnen durchführen, besonders im Fernsehen, in Radio und Zeitungen; h) erfolgreiche Bauern als Musterbetriebe in den ländlichen Gemeinden auswählen und u.a. mit Studienreisen unterstützen; i) vollendete Tatsachen schaffen, wodurch kritische Argumente in der Öffentlichkeit an Bedeutung verlieren; j) günstige Angebote für Herbizide und Saatgut machen (also zunächst frei von Lizenzgebühren); k) gesetzliche Rahmenbedingungen durch Lobbyarbeit bzw. Einfluss auf Parlamente und Regierungen erzwingen; l) Partnerorganisationen für die Kontrolle gewinnen: Die Genossenschaften und weitere Agrarunternehmen, die für den Aufkauf der Produktion und die Versorgung mit Betriebsmitteln (insbesondere Saatgut und Herbizid) zuständig und bereit sind, für einen Anteil der Einnahmen bei den Bauern die Zahlung von Lizenzgebühren einzufordern.

Durch die Konzentration im Bereich der Agrargentechnik wächst das Forschungs- und Investitionspotenzial der Agrarkonzerne, die durch ihre oligopolistische, marktbeherrschende Stellung bei der Preisbildung für neue technische Produkte ausschlaggebend sind und die Entscheidungen der Bauern bei der Auswahl und dem Einsatz von Technik beeinflussen. Das Expansionspotenzial der Agrarindustrie im Bereich der Technikforschung macht die Investitionen in der Landwirtschaft insofern attraktiv, als es durch die Patentrechte möglich ist, einen bedeutenden Anteil der Resultate der Entwicklung der Produktivkräfte privat anzueignen. Das Weiterbestehen der Kleinbauern wird in diesem Kontext als Marktchance zum Angebot technischer Produkte gesehen und nicht komplett vernichtet, solange es dem Kapital noch nützlich ist, d.h. solange es zu dessen Akkumulation beiträgt.

Die Existenz der Kleinbauern als individuelle Produzenten wird durch den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft in dem Maße erschwert, wie sie durch die schleichende gentechnische Verseuchung gezwungen werden, der Strategie der Agrarkonzerne zu folgen. Diese vertieft die Abhängigkeit, Verschuldung und Verarmung der Kleinbauern, deren tendenzieller Ausschluss vom Produktionsprozess die Landkonzentration vertieft, die Landflucht beschleunigt und die Zahl von Landlosen und zugleich Arbeitslosen erhöht, eine Tendenz, die stark zur wachsenden sozialen Ungleichheit in Brasilien beiträgt. Vor diesem Hintergrund ist die gegenwärtige Ausbreitung der Gentechnik in der Sojaproduktion zu beobachten, die seit 1999 durch eingeschmuggeltes Saatgut aus Argentinien in den Grenzgebieten stattfindet.

Bauern, die in Brasilien noch auf kleinen Anbauflächen produzieren, werden durch die Ausbreitung der Genpflanzen am meisten betroffen. Passen sie sich der neuen Technologie an, werden sie noch abhängiger von den Konzernen, und die Mehrheit von ihnen wird wahrscheinlich vom Produktionsprozess zu Gunsten der Großproduzenten ausgeschlossen. Leisten sie Widerstand, besteht dennoch die Gefahr, dass ihre Grundfläche von den Genpflanzen der Nachbarn kontaminiert wird, was es für sie unmöglich macht, herkömmliche Sorten zu produzieren.

Der Einsatz der Gentechnik in der brasilianischen Sojaproduktion intensiviert die Freisetzung von Destruktivkräften, die sich zugleich auf Natur und die auf dem Lande arbeitenden und lebenden Menschen auswirken. Die Privatisierung von natürlichen Ressourcen und von Wissen zugunsten multinationaler Agrarkonzerne und Großgrundbesitzer vertieft die soziale Ungleichheit in der brasilianischen Gesellschaft, und die Chancen des Widerstands durch die individuellen Kleinproduzenten und Verbraucher werden erheblich eingeschränkt. Während das Kapital, insbesondere Betriebsmittel, Kredite sowie die Verarbeitungs- und Vermarktungsstruktur landwirtschaftlicher Produktion zunehmend monopolisiert werden, stehen die selbst arbeitenden Bauern unter dem Druck, mit Hilfe von Technik untereinander um ihr Überleben zu konkurrieren. Die kleinbäuerliche Familienlandwirtschaft neigt dazu, sich aufgrund der angeblichen Arbeitserleichterung und -ersparnis an die beschriebene interessengeleitete Technikentwicklung anzupassen und dadurch zerstört zu werden. Der Biosojaanbau stellt aufgrund der herrschenden Agrarstruktur keine umfassende Alternative für die Familienbetriebe dar, und mögliche Perspektiven der Agrarökologie hängen stark von einer Zunahme genossenschaftlicher Organisation von Kleinbauern und Konsumenten ab. Gerade weil die in der Landwirtschaft zusammenhängenden ökonomischen, ökologischen und sozialen Probleme die materielle Existenz der Kleinbauern bedrohen, könnten kollektive Ansätze eine Chance eröffnen. Die Selbstorganisation der von der kapitalistischen Modernisierung der Landwirtschaft betroffenen Menschen würde einen gemeinsamen Lern-, Politisierungs- und sozialen Mobilisierungsprozess erlauben, der die Voraussetzung für eine andere Entwicklungsdynamik wäre.


Antônio Inácio Andrioli, geb. 1974 in Südbrasilien, ist Dozent an der Unijuí, Brasilien, sowie am Institut für Soziologie an der Johannes Kepler Universität Linz, Österreich. Antonio.Andrioli@jku.at

Bücher des Autors zu dem Thema:

ANDRIOLI, Antonio Inácio: Biosoja versus Gensoja: Eine Studie über Technik und Familienladwirtschaft im nordwestlichen Grenzgebiet des Bundeslandes Rio Grande do Sul/Brasilien. Frankfurt am Main: Peter Lang, 348 Seiten. ISBN 978-3-631-56113-3

ANDRIOLI, Antônio Inácio/FUCHS, Richard (Hrsg.): Agro-Gentechnik: Die Saat des Bösen. Die schleichende Vergiftung von Böden und Nahrung. Lahnstein: emu-Verlag, 256 Seiten. ISBN: 3-89189-152-0

Informationen zu der Arbeit von Antônio Inácio Andrioli gibt es unter: www.andrioli.com.br/de


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1 Kommentar zu “Gensoja in Brasilien: Fluch oder Segen?”

  1. Gentechnik als Sachzwang | PRAGMORRA vom 1. Mai 2012 - 15:41 Uhr

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