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Eliane Elias: Made in Brazil

Autor:  | August 2016 | Artikel empfehlen

Eliane Elias: Made in Brazil, CoverDie Pianistin, Komponistin und Sängerin Eliane Elias veröffentlichte 2015 ihr neues Album Made in Brazil. Geboren 1960 in São Paulo, begann Elias bereits als sechsjähriges Kind, zuerst bei ihrer Mutter und danach an einer Musikschule ihrer Stadt Musik zu lernen. Ihre akademische Ausbildung wurde vom Anfang an sowohl vom Jazz als auch von traditioneller brasilianischer Musik geprägt. Bereits als Siebzehnjährige gastierte Elias bei Musiklegenden wie Toquinho und Vinicius de Moraes. Anfang den 1980er Jahren verschlug es sie schließlich nach New York, wo sie Studien an der weltweit renommierten Juilliard School of Music absolvierte und bis heute lebt.

Made in Brazil ist bereits ihre CD Nummer 24, allerdings ist sie die erste, die sie in ihrer Heimat aufnimmt. Ein Blick auf die Diskografie Elias‘ vom ersten Album Amanda (1984) bis zu den zahlreichen Platten als Bandleader oder den Gastauftritten bei anderen Musikern verdeutlicht ihre umfassende Auffassung von Musik. Ihr Repertoire besteht aus Jazz-Standards (Everything I love, 2000; I Thought About You, 2013), Samba und Bossa Nova (Sings Jobim, 1998; Brasilian Classics, 2003), anspruchsvollen klassischen Werken von J.S. Bach, H. Villa-Lobos, F. Chopin und M. Ravel (On the Classical Side, 1993) und sogar Rock und Pop (Light my Fire, 2011). Außerdem singt die Brasilianerin hervorragend, nicht nur dank ihrer außergewöhnlich musikalischen Gestaltung, sondern auch, weil sie mit ihrem Gesang Merkmale ihrer Identität zum Ausdruck bringt. In diesem Sinn kann Elias zweifellos mit Chet Baker verglichen werden, der für sie immer ein Bezugspunkt war und den sie kürzlich geehrt hat (I Thought About You: A Tribute to Chet Baker, 2013).

Made in Brazil demonstriert die vielfältigen Facetten des musikalischen Lebens von Eliane Elias. Aber auf diesem Album treffen auch drei Generationen von brasilianischen Komponisten aufeinander – Roberto Menescal (1937), Ed Motta (1971) und die Tochter Elias‘, Amanda Brecker (1984), die ihre eigene Kompositionen beisteuern. Sie ist eine Platte, die sich besonders Brasilien und der mitreißenden Musikalität der Brasilianer widmet. Den Beginn macht Brasil (Aquarela do Brasil) von dem Komponisten Ary Barroso, gefolgt von Você, was von seinem Komponisten Menescal persönlich auf der Gitarre begleitet wird. Das Duett Menescal-Elias schafft eine intime Atmosphäre, die irgendwie an das mythische Album Elis & Tom von Elis Regina und Tom Jobim aus dem Jahr 1974 erinnert. Das bestätigt sich einige Sekunden später mit dem nächsten Titel Águas de Março (Jobim). Ohne Gemeinplätze zu wiederholen – dieses Lied gehört zu den bekanntesten Liedern des brasilianischen Repertoires –, stellt die Interpretation des klassischen Stückes Jobims eine neuartige Version dar, da Elias‘ Stimme nicht vom traditionellen Klang der ersten Titel des Albums bestimmt wird, sondern hier wird sie von der Gospel Gruppe Take 6 begleitet. Searching (Elias) ist eine Ballade für Trio und Orchester. Das Elias Trio, zu dem neben Eliane Elias noch Marc Johnson (Kontrabass) und Rafael Barata (Schlagzeug) gehören, bei dem Duett A sorte do Amor ebenso von Mitgliedern des London Symphonic Orchestra begleitet wie bei dem Quartett Rio. In diesem Zusammenhang ist es lobenswert, dass die symphonischen Arrangements Rob Mathes keinesfalls die jämmerlichen Adagios alla Hollywood wiederholen, die sich nicht selten aus solchen Partnerschaften ergeben. Im Lied Rio, dem exquisiten Stück Menescals, steigt das Orchestra pizzicato in das Lied ein, was einer steigenden Flut ähnelt, die den feinen Strand überspült. Ebenso wie eine endlose See, entschwindet das Stück diminuendo sanft in der Ferne.

Im Driving Ambition (Elias/Johnson), das explizite Verweise auf Drive my car (Lennon/McCartney) enthält, verändert Elias die Instrumentierung ihres Trios hin zu einem elektrischen Format, bei dem ihr Konzertflügel durch ein Fender Rhodes ersetzt wird und die Chöre Mark Kibbles wie Echos klingen. In Einklang mit seinem Anfang endet das Album mit No tabuleiro da baiana, einem weiteren Lied Barrosos. Stücke wie Some enchanted places (Brecker) oder Incendiando (Elias) zeigen in Made in Brazil, dass in Brasilien die Musik erlebt wird und man ebenso musiziert, wie er atmet. Wenn der Amazonas die grüne Lunge der Welt ist, stellt die brasilianische Musik seit Jahrzehnten zweifellos die ständige Erneuerung und Authentizität dieser Kunst dar.

Produziert von den Kontrabassisten Steve Rodby und Marc Johnson, wurde das Album kürzlich mit dem Grammy “Best Latin Album” ausgezeichnet. Für diejenigen, die solche Auszeichnungen verleihen, wird die Musik immer noch in die kulturellen und nationalen Grenzen gezwängt. Während die in den USA oder Mittel- und Westeuropa geborenen Musiker Musik machen, spielen die Anderen sogenannte Weltmusik bzw. Lateinamerikanische Musik. Was nicht unbedingt Ausdruck der Anerkennung der kulturellen Vielfalt ist, sondern leider vielmehr mit der Aufrechterhaltung der Grenzen zwischen den Völkern zu tun hat. Was muss ein Musiker noch tun, um solche Grenzen zu überwinden? Wann werden die Auszeichnungen nach Ausdrucksformen, Inspirationsquellen und Originalität verliehen? Ebenso wie das Leben haben die Alben normalerweise Hochs und Tiefs. Made in Brazil stellt eine Ausnahme dar: Es ist ein rundum exquisites Album.

Eliane Elias: Made in Brazil

Concord Records 2015

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Bildquelle: [1] Cover


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