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Die brasilianische Landlosenbewegung
Eine soziale, anti-neoliberale Kraft

Autor:  |  Sommer / Herbst 2000

Der Ursprung der Bewegung

Die „Bewegung der landlosen Landarbeiter Brasiliens“ (Movimiento de los Trabajadores Rurales Sin Tierra de Brasil – MST) vereinigt unter anderem Pächter, Lohnarbeiter, Kleinbauern, und ist ohne Zweifel die stärkste soziale Bewegung Lateinamerikas. Obwohl sie schon vor 15 Jahren gegründet wurde, begann sie erst ab 1995 auf nationaler und internationaler Ebene bekannt zu werden, nachdem sie auf ihrem 3. Kongress verkündet hatte, dass es keine Agrarreform in Brasilien geben wird, wenn sich nicht das neoliberale Wirtschaftsmodell ändert. Es kann auf diesem Gebiet nur Fortschritte geben, wenn die ganze Gesellschaft beginnt, den Kampf um Land als eine legitime und notwendige Angelegenheit zu begreifen. Die Agrarreform soll nicht nur als Flaggschiff für die landlosen Bauern angesehen werden, sondern sich in einen Kampf für alle verwandeln.

Die durch die kapitalistische Modernisierung von ihrem Land vertriebenen Bauern finden in den Städten kaum Arbeitsmöglichkeiten. Die Auswanderung in Zonen der landwirtschaftlichen Kolonialisierung stellt auch keine Lösung dar. Die extrem schlechten Arbeitsbedingungen und die Drohung der großen transnationalen Unternehmen, die Arbeiter von diesem Land zu vertreiben, nachdem sie dort schwere Arbeit bei der Kultivierung des Bodens geleistet haben, beenden den Traum Tausender Bauern, die auf der Suche nach einem Stück Land in diese entfernten Gegenden gezogen sind.

Die Zeit der Militärdiktatur hatte die Bauernorganisationen, welche Mitte der 50er Jahre entstanden waren, praktisch zerstört und somit auch den Kampf um Land für mehr als ein Jahrzehnt ausgelöscht. Ab Mitte der 70er Jahre erlebte die Bewegung durch die Arbeit der Comisión Pastoral de la Tierra (CPT) und inspiriert durch die Befreiungstheologie einen neuen Aufschwung. Priester und Laien bereisten das Land und propagierten die Notwendigkeit einer Organisierung der Landbevölkerung, um ihre Probleme nicht erst im Himmel, sondern schon hier auf der Erde zu lösen. Dank ihrer ökumenischen Ausrichtung fand eine Zusammenarbeit mit den Lutheranern statt, die eine Aufspaltung der Bewegung in verschiedene Organisationen verhinderte.

Der Kampf um Land setzte Ende der 70er Jahre im Süden Brasiliens ein, wo die Repressionen weniger stark gewesen sind. Um ein einflussreicher politischer Interessenvertreter werden zu können, musste sich die CPT jedoch zur nationalen Bewegung entwickeln. Nach einigen Jahren Kampferfahrung in verschiedenen Regionen des Landes und Anstrengungen zur Strukturierung wurde im Januar 1984 das erste nationale Treffen mit mehreren hundert Repräsentanten aus 13 Bundesstaaten, unter ihnen zahlreiche Anführer von ländlichen Gewerkschaften, veranstaltet. Dieses Treffen wird zum Gründungsdatum der Movimiento de Trabajadores Rurales Sin Tierra, der sich als autonome Bewegung, sowohl gegenüber der Kirche als auch den Gewerkschaften, definiert.

Im darauffolgenden Jahr, kurz nachdem Tancredo Neves zum Präsidenten gewählt wurde und somit die langen Jahre der Militärdiktatur endeten, veranstaltete der MST ihren ersten Kongress. Auf ihm entschloss sie sich, im Konflikt mit einigen linken Flügeln, zu einer Politik der Nicht-Paktierung mit der Neuen Republik. Nach der Auffassung einiger ihrer Anführer war die Organisation zu schwach, und eine Vereinigung mit einer großen, reformistischen Kraft hätte das Ende ihrer Existenz bedeutet. Auf der anderen Seite herrschte die Überzeugung, dass der Kampf um Land nicht dem guten Willen der neuen zivilen Regierung untergeordnet werden dürfte. Die Agrarreform würde nur vorangehen, wenn die Bauern einen überzeugenden Massenkampf anführten und vorwärts trieben. So entstand auch der Slogan: Ocupación, única solución („Besetzung, die einzige Lösung”). Diese Kampfmethode verwandelte sich in ein strategisches Instrument und blieb dies bis heute. Binnen kurzer Zeit wurden allein im Westen von Santa Catarina 18 Haciendas eingenommen und Menschen aus 40 Gemeinden mobilisiert. Vierzehn Jahre später ist es dem MST gelungen, 250.000 bis 300.000 Familien in rund 2.000 Projekten anzusiedeln. Sein Kampf um Land zählt heute 500 Landnahmen, verteilt auf ganz Brasilien.

Dieser Kampf hat natürlich auch einen grausamen Widerstand der großen brasilianischen Landbesitzer hervorgerufen, eine der reaktionärsten Gesellschaftsschichten der Welt, die alle Mittel genutzt haben, um den Erfolg der Bewegung aufzuhalten. Ihre Maßnahmen reichten von Verfolgung bis zu Attentaten auf Arbeiter und Führer, begleitet von Vertreibungen, Brandanschlägen auf Gewerkschaftsräume und der physischen Vernichtung von Arbeitern, Anführern und Kirchenvertretern, die am Kampf um Land beteiligt waren.

Die Gewalt wurde von einer mächtigen Organisation der Großgrundbesitzer koordiniert, der Union Democrática Rural, die außerdem auch auf politischer Ebene agierte, um zu verhindern, daß die Landlosen und Kleinbauern ihrer Rechte erobern, und sie einzuschüchtern versuchte, indem Killer und paramilitärische Gruppen angeheuert wurden. Dies erfolgte öffentlich und straffrei.

In den letzten zwölf Jahren wurden 1.167 Landarbeiter ermordet, doch es gab nur 86 Gerichtsverfahren mit sieben Verurteilungen. Nach Angaben der Comisión Pastoral de la Tierra überlebten im Jahre 1998 46 Arbeiter einen Mordversuch, 88 wurden mit dem Tode bedroht, 35 gefoltert, 164 tätlich angegriffen, 466 gefangen gehalten und 207 erlitten körperliche Schäden.

Während Fernando Henrique Cardoso mit dem Einsatz von Militär gegen den MST drohte, wurde die Bürgermeisterin von Mundo Novo, einer kleinen Gemeinde von Mato Grosso do Sul, Dorcelina Folador (Mitglied des MST), mit sechs Schüssen in ihrem Haus und vor den Augen ihrer achtjährigen Tochter ermordet.

Trotz alledem ist der MST seit ihrem 3. Kongress im Jahre 1995 bis heute eine Volksbewegung geblieben, an der alle Familienmitglieder teilnehmen und die nicht nur die gewerkschaftliche Forderung nach Land, sondern auch die politische Forderung nach Eingliederung aller vom System Ausgeschlossenen artikuliert: die ohne Land, ohne Dach, ohne Arbeit. Obwohl wegen ihres Radikalismus von den Rechten attackiert, fanden immer größere Teile der Gesellschaft in dieser Bewegung die politische Kohärenz und die Sorge um ideologische Fragen, die sie regelmäßig bei den politischen Parteien der Linken vermissten.

Die Schaffung von Organisation

Mit ihrer Überzeugung, dass nur eine starke und autonome Organisation in der Lage sei, die Ziele des MST voranzutreiben, legten die Gründer der Bewegung besonderen Nachdruck auf die Organisation der Landlosen auf der Basis kleiner Einheiten, deren fundamentaler Kern die Übereinstimmung im Kampf um die Eroberung des Landes war. Nur eine solche Organisation garantierte die Dauerhaftigkeit der Bewegung. Der Feind kann eine oder mehrere Zellen zerstören, aber niemals alle.

Die Prinzipien und organisatorischen Normen des MST sind: (l) kollektive Leitung, um die Personalisierung von Macht in bestimmten Posten zu vermeiden; (2) Aufgabenteilung, um die Teilhabe aller zu ermöglichen und Zentralisierung und Personalunionen zu verhindern; (3) Professionalismus, der in der Liebe und Hingabe zum Kampf um Land zum Ausdruck kommt und in den Bemühungen, die gestellten Aufgaben zu meistern; (4) Disziplin, deren goldene Regel der Respekt gegenüber den freiwillig akzeptierten Spielregeln ist; (5) Planung aller Aktivitäten, die unternommen werden; (6) der Geist des Lernens und (7) die Verbindung mit der breiten Öffentlichkeit. Ein Anführer, der sich weit weg von den Massen befindet, ist wie ein Fisch außerhalb des Wassers. Und schließlich (8) die Übung von Kritik und Selbstkritik, mit Hilfe derer gegenwärtige Fehler korrigiert werden sollen, um das zukünftige Handeln zu verbessern.

Diese Prinzipien werden folgendermaßen angewendet: Die großen politischen Linien werden zentral formuliert, aber an die jeweils örtlichen Gegebenheiten angepasst. Es werden große Versammlungen als Diskussionsforen für Entscheidungen vermieden, die leicht manipulierbar sind. Stattdessen bevorzugt man die Diskussion auf lokaler und regionaler Ebene, um die Ideen auf dieses Weise reifen zu lassen und sie dann auf die nächsthöhere Ebene zu übertragen, wo die Abstimmungen nur noch die Debatte formalisieren, welche zuvor stattgefunden hat. Wenn eine Entscheidung nicht von der ganzen Bewegung getragen werden kann, wird die Anwendung des Prinzips der relativen Mehrheit ausgesetzt, um nicht der Minderheit seinen Willen aufzuzwingen. Auf dieses Weise sollen auch interne Spaltungen verhindert werden, wie sie die linken Bewegungen und Parteien allzu oft quälen und meist Fehler von großer Tragweite zur Folge haben. Desweiteren sollen sich alle Mitglieder als Protagonisten fühlen, von denen jeder einzelne eine bestimmte Aufgabe im Kollektiv entsprechend seiner natürlichen Fähigkeiten und Neigungen übernimmt und das macht, wofür er sich am besten eignet.

Besetzung – eine strategische Waffe

Die Besetzung von Land hat sich als das wirksamste Instrument im Kampf um Land in Brasilien erwiesen. Sie macht den Kampf der Landarbeiter sichtbar und zwingt die Gesellschaft, eine Position zu beziehen. Gleichzeitig zeigt sie, dass, obwohl es Gesetze zugunsten der Armen gibt, diese nur anwendbar sind, wenn eine soziale Initiative existiert. Auch wenn die gegenwärtige Verfassung Brasiliens ziemlich fortschrittlich hinsichtlich der sozialen Funktion von Land (Art. 186) ist, kann nur der soziale Druck die Übergabe von brachliegenden Flächen an Kleinbauern vorwärts bringen. Die zahllosen Landbesetzungen, die der MST im Laufe ihres Bestehens erfolgreich organisiert hat, ermöglichten ihr den Erwerb eines umfangreichen praktischen Wissens in der Durchführung einer erfolgversprechenden Landbesetzung. Der MST hat sich dabei folgende fundamentale Grundsätze zu eigen gemacht: (1) Das Engagement der gesamten bäuerlichen Familie, und nicht nur des Familienoberhauptes, bildet die stärkste Massenkraft und bringt Personen aus den verschiedensten Gemeinden des Landes zusammen. (2) Zwischen allen muss das Ziel der Besetzung diskutiert werden. (3) Das zu besetzende Land und sein rechtlicher Status ist zuvor zu begutachten, auch hinsichtlich seiner physischen Bedingungen, der Existenz von Wasser, Möglichkeiten der Selbstversorgung, seiner zukünftigen Produktivität etc. (4) Es müssen Mittel beschafft werden, um Widerstand leisten zu können. Zugleich muss Vertrauen in die teilnehmenden Personen vorhanden sein. (5) Die Anreise aller zum jeweiligen Gebiet muss geplant und (6) die Massenbesetzung vorbereitet werden. (7) Ort und Zeitpunkt der Besetzung sind geheimzuhalten. Es muss geübt werden, wie man sich von der Polizei befreit, falls diese auftaucht.

Nach der Ansiedlung beginnt man die individualistischen Verhaltensweisen, die die Landarbeit bisher bestimmten, aufzubrechen. Es werden Familiengruppen mit je 10-15 Familien pro Gruppe gebildet, die einen Repräsentanten benennen. Die Arbeitsaufgaben werden in bestimmte Sektoren unterteilt: Versorgung, Bildung, kulturelle Aktivitäten und Unterhaltung, Sicherheit, Kommunikation, Finanzen etc. Täglich findet eine Bewertung der von den jeweiligen Gruppen entwickelten Aktivitäten und der Gesamtsituation im Camp statt. So wird die Fähigkeit zur Disziplin ausgeprägt und zugleich ein exzellenter Raum zur ideologischen Bildung bereitgestellt.

Reicht es, Land zu erobern?

Der MST ist sich bewusst, dass die Übergabe von Land an Bauern allein nicht ausreicht. Es müssen gleichzeitig die Bedingungen für die ländliche Arbeit geschaffen werden. Ohne Maschinen, Saatgut, Kredite, Vertriebswege für die Produkte und ohne technisches Wissen können die Fortschritte der technischen Revolution nicht genutzt werden. Aus einem Raum der Befreiung würde ein Albtraum und das Land zu einem lächerlichen Preis verkauft oder einfach verlassen werden.

Der MST hat gelernt, mit einer großen Flexibilität verschiedene Produktionsformen zu unterstützen, die von der Produktion in Familienverbänden zur Selbstversorgung bis zu Kooperativen reichen, wo der Produktionsprozess eine technische Arbeitsteilung verlangt. Die entwickeltsten Ansiedlungen sind in so genannte agrovillas strukturiert. Die Wohnungen der Landarbeiter gruppieren sich auf einem Terrain, das auch eine Schule, einen Kindergarten, medizinische Betreuung, einen Versammlungsraum, ein religiöses Zentrum und eine eigene Agroindustrie aufweist. So werden dauerhafte Arbeitsplätze für die Bauern und ihre Familien gesichert und gleichzeitig intensive Formen der Kooperation praktiziert. Vor allem die Landfrau profitiert von dieser neuen Form des sozialen Zusammenlebens und der Überwindung individualistischer Verhaltensweisen.

Der MST kämpft nicht nur um Land, sondern auch gegen die Ignoranz. Die Ernsthaftigkeit, mit der man das Bildungsproblem der Landbevölkerung angesprochen hat, führte zu einer Anerkennung der Erfahrung des MST und ihrer Konzeption von einer „neuen Schule” als pädagogisches Modell für den ländlichen Raum durch die Regierung. Die Bewegung berücksichtigt dabei alle Bildungsstufen. In der Überzeugung, dass eine Organisation nur von Dauer sein kann, wenn sie eigene Mitarbeiter ausbildet, wurden zu diesem Zweck verschiedene Schulen und ein Institut für landwirtschaftliche Technik gegründet. Es gibt zudem eine medizinische Brigade, die in Kuba an der Internationalen Medizinischen Schule ausgebildet wurde, und acht Universitäten haben ein Abkommen mit der Bewegung.
Trotz der kritischen Situation, die die weltweite Linke derzeit durchlebt, hat sich der MST als eine Bewegung mit starker emotionaler Kraft etabliert. Das kollektive Gefühl eint, identifiziert und stärkt den Geist des Kampfes und des Widerstands.

Einige Daten

Brasilien

166 Millionen Einwohner auf einer Fläche von 8,5 Mio. km², von denen auf weniger als 0,7 Mio. km² Getreide angebaut wird. Der föderale Staat setzt sich aus 27 Bundesstaaten zusammen.

Situation der Landwirtschaft

Ausdehnung von 850 Mio. Hektar. Ein Teil davon ist mit Flüssen, Seen und Landstraßen belegt.Es gibt 80 Mio. Hektar indigenes Land, das sich hauptsächlich am Amazonas befindet und noch nicht aufgeteilt wurde.250 Mio. Hektar werden nicht vom Menschen genutzt und sind noch öffentliches Land unter staatlicher Gewalt.Zirka 400 Mio. Hektar sind schon Privateigentum. Davon werden kaum 15% als kultiviertes Land in ständiger oder temporärer Bearbeitung genutzt. Rund 48% dienen zur Viehwirtschaft und der Rest sind Wälder oder aus landwirtschaftlicher Sicht nicht ausbeutbare Flächen. 182 Mio. Hektar liegen völlig brach.47.000 Landbesitzer sind Eigentümer von 43% der Landflächen, in Haciendas, die 1000 Hektar übersteigen. 5,4 Mio. Landarbeiter haben zwischen 1985 und 1995 ihre Arbeit verloren.Wenn die Regierung das aktuelle Gesetz zur Agrarreform anwendet, werden nur die großen, unproduktiven Landgüter über l .000 Hektar enteignet, wovon 28.770 Güter mit insgesamt 138 Mio. Hektar betroffen wären. Damit könnten fast 10 Mio. landlose Familien angesiedelt werden. Es gibt jedoch nur 4,5 Mio. Familien ohne Land. Die Regierung geht von einer Neuansiedlung von 512.000 Familien in den letzten 15 Jahren aus. Laut MST sind diese Zahlen zu hoch, weil in sie die Verteilung von öffentlichem Land in landwirtschaftlichen Grenzgebieten mit eingeht. Außerdem werden auch die Legalisierungen von Bewohnern einbezogen. Nach MST-Angaben erreichte die Agrarreform 250.000 bis 300.000 Familien. Gleichzeitig verstärkte sich jedoch der Prozess der Landkonzentration. Rund 942.000 kleine Ländereien mit weniger als 100 Hektar machten in den letzten Jahren Konkurs. Der Gini-Koeffizient verdeutlicht, dass Brasilien hinter Paraguay das Land mit der zweithöchsten Konzentration von Landeigentum ist.

* Übers. aus dem Span.: Nora Pester.


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