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Capoeira
Kampf, Tanz, Tradition oder Sport?

Autor: und:  |  Sommer / Herbst 2000

Einen wissenschaftlichen Artikel über die afro-brasilianische Kunstform Capoeira zu schreiben, kann daran scheitern, dass es eine extreme empirische Vielfalt gibt. So ist es eine Redewendung, dass dort, wo fünf Capoeiristas zusammenkommen, sechs Meinungen darüber existieren, was Capoeira sei. Dieser Artikel soll einen kleinen Einblick darüber geben, was Capoeira bedeuten kann und was die streitbaren Themen dieser brasilianischen Kampfkunst sind. Um dem Leser den Einstieg zu erleichtern, werden wir anhand der beiden grundsätzlichen Stilarten, der Capoeira Angola und der Capoeira Regional sowie ihrer bedeutendsten Exponenten die Entwicklung der Capoeira im 20. Jahrhundert skizzieren. Während Mestre Pastinha (1889-1981) für die traditionelle Capoeira steht, gilt Mestre Bimba (1899-1974) als Modernisierer dieser Kunstform. Eine Interpretation, wie diese beiden einzuschätzen sind, liefert Jorge Amado: für ihn ist Pastinha der Held, so dass für Bimba nur die Rolle des bösen Buben übrigbleibt.

Worum dreht sich die Polemik? Die eher verspielten und humorvollen, aber durchaus gefährlichen Capoeira Angola wurde in den dreißiger Jahren das „moderne”, sportliche Capoeira Regional entgegengesetzt. Der Name der Capoeira Regional leitet sich aus dem Namen der Akademie von Bimba ab; er bezeichnete seine Akademie als „Centro do Cultura Fisica e Capoeira Regional”. Seit dieser Zeit wird versucht, Capoeira aus dem Entstehungszusammenhang als Kampfkunst im Befreiungskampf der Sklaven hin zu einer effektiven, wettkampforientierten Sportform zu transformieren. Den Höhepunkt dieser Entwicklung markiert der Versuch, Capoeira als olympische Disziplin zu etablieren. Für die Kritiker ist das ein Ausdruck der Kommerzialisierung und Entwurzelung.

Wozu die Aufregung? Der Wettkampfgedanke ist der ursprünglichen Capoeira fremd. Wurde die Anfang der 50er Jahre einsetzende Folklorisierung der Capoeira bereits als eine Verwässerung des kulturellen Erbes angesehen, so ist die Ausübung zum Zweck, einen anderen Capoeirista im Wettkampf zu besiegen, eine kontradiktorische Praxis. Ein Blick auf das Vokabular der Capoeira spiegelt einen Großteil der Philosophie wider. Spricht man vom Jogo de Capoeira, vom Capoeira-Spiel, so ist spielen auch wörtlich zu verstehen.

So ist beim Spiel der zwei Akteure vom camerad die Rede, nicht vom Gegner oder gar Feind. Capoeira war immer Ausdruck der Solidarität. In einem gewissen Sinne wurden auch Kräfte gemessen, jedoch in humorvoller Art und in der Regel ohne die Absicht, jemanden zu verletzen. Anders verhält es sich, wenn Capoeiristas zu Kriegszwecken oder zur Selbstverteidigung ihr Wissen auch einsetzten.

Capoeira ist eine Kampfkunst, die aller Wahrscheinlichkeit von Bantu-Sklaven aus Angola nach Brasilien gebracht wurde. Bereits existierende Rituale und Kampfpraktiken wurden in der Gefangenschaft weiter kultiviert. Hauptsächlich zum Zweck der Tarnung wurde Musik eingeführt und den Bewegungen eine tänzerische Form gegeben. Das Berimbau -ein einsaitiges Musikinstrument, das in seinem Äußeren an einen Bogen erinnert – symbolisiert die Musik der Capoeira. Die Musik hatte und hat jedoch eine weitere Funktion. Sie bildet den Rahmen für das Spiel und sie überliefert mit den Liedern die Geschichte und Philosophie der Capoeira. Dies kann auch als oral history bezeichnet werden: die Lieder und Gesänge der Capoeira kommen inhaltlich einer gesungenen Chronik gleich. Es ist von den Leiden der Sklaven, dem Befreiungskampf, der Quilombolas, religiösen Themen sowie den Heldentaten der Capoeiristas die Rede. Neben geographischem und historischem Repertoire finden sich Lobeshymnen und gezielte Ironie in den Texten wieder. Die wörtliche Überlieferung war auch „Lehrmethode” der traditionellen Capoeira, es gab keine Verschriftlichung der Techniken. Im Spiel selbst gilt es, mit Kreativität und Respekt Fallen zu stellen, sich und seinen Zustand auszudrücken und Spaß zu haben. Innerhalb eines komplexen Regelwerks kann so die Individualität ausgelebt werden, während der Egozentrik ein Riegel vorgeschoben wird. So ist es beispielsweise üblich, dass die Lieder das aktuelle Spiel kommentieren. Spielt man besonders arrogant oder aggressiv, so wird durch entsprechende Liedkommentare wieder Einfluss auf die Spieler genommen. Diese mannigfachen Funktionen der Capoeira zeichnen sie als Kunst und Lebensform aus.

Vor diesem Hintergrund, der Sorge um die Bewahrung des kulturellen Erbes, ist der nun schon über ein halbes Jahrhundert andauernde Streit zu verstehen. Für den Beitrag, den die Capoeira Regional zur Anerkennung in weiten Kreisen der brasilianischen Gesellschaft geleistet hat, sind die angoleiros nicht bereit, den Preis zu zahlen. Tatsächlich wurde Capoeira erst seit den fünfziger bzw. sechziger Jahren auch außerhalb Bahias bekannter. Richtig populär, auch als Volkssport, wurde sie in den achtziger und neunziger Jahren. Zur Zeit lassen sich zwei Prozesse beobachten. Die Capoeira Angola ist in ihrer ursprünglichen Form hauptsächlich in Salvador do Bahia zu finden. Sie profitiert auch von einem politischen Prozess, denn parallel zur Kommerzialisierung und Verbreitung ursprünglicher schwarzer Kultur setzte seit den siebziger Jahren auch eine verstärkte Reafrikanisierung ein. Dem deutschen Leser sind die Gruppen Olodum und Ile aye aus Bahia sicherlich ein Begriff. Sie stehen im kulturellen Bereich für diese soziale und politische Positionierung. Als eine Begleiterscheinung erfährt Capoeira Angola wieder vermehrten Zulauf.

Die Capoeira Regional, die einen wichtigen Schritt zur Legalisierung und Akzeptanz geleistet hat, ist weiterhin die populärere und spektakuläre Stilart. Sie wird in weiten Kreisen in ganz Brasilien praktiziert. Per Definition und Praxis ist es nun ein Wettkampfsport, d.h. es existieren verbandliche Organisationsstrukturen und es wird Geld mit Capoeira verdient.
Dominiert insgesamt die Capoeira Regional, so findet sich in den academias meist hybrides Lehr- und Spielverhalten wieder. Bewegungen, Rhythmen und Lieder beider Stilarten werden praktiziert.

* Nina Mussmann hat im Frühjahr 1999 ihr Studium der Lateinamerikanistik, Soziologie und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin abgeschlossen. Sie trainiert Capoeira.

* Bernhard Stelzl, Diplompädagoge (FH) und Politologe, experimentiert mit Capoeira und hat Spaß an der Bewegung.


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