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Candomblé
Eine afro-brasilianische Religion

Autor:  |  Sommer / Herbst 2000

Der Glaube an eine westafrikanische Götterwelt ist auch in Brasilien Teil des religiösen Alltags. Er bildet u.a. die Grundlage für die candomblé-Religion. Die Völker der Yoruba und Fon aus Nigeria und Benin haben den stärksten afrikanischen Einfluß auf Brasilien ausgeübt. Siebzig Prozent aller im 18. Jahrhundert in Bahia eingeführten Sklaven stammten aus Westafrika. Gerade Salvador, die alte Hauptstadt, von der aus der Sklavenhandel seinen Anfang nahm, gehört heute zu den Zentren des candomblé.

Kultur und Religion der Afro-Brasilianer wurden stark durch die Sklaverei geprägt. Die Verallgemeinerung aller afrikanischer Sklaven durch ihre Sklavenherren führte zu einer Solidarisierung untereinander. Bedingt durch das Verbot der Ausübung eigener religiöser Praktiken wurden viele Elemente des Katholizismus übernommen. Feste und Kulte der Sklaven fanden in Kirchen statt. Hinter katholischen Heiligen wurden afrikanische Götter versteckt. Von der katholischen Kirche wurden Bruderschaften ins Leben gerufen, die zur Grundlage der ersten terreiros de candomblé (candomblé-Häuser), den Kultzentren vieler Afroamerikaner, wurden.

In den Gemeinden des candomblé findet man feste hierarchische Strukturen. Die Religionsgemeinschaft, die família de santo („Familie der Heiligen”), wird durch die mãe de santo („Mutter der Heiligen”) oder den pai de santo („Vater der Heiligen”) geführt, wobei in den nach außen hin oftmals abgeschlossenen candomblés die Frauen meist im Mittelpunkt stehen. Ihnen sind die filhos de santo („Kinder der Heiligen”) unterstellt. Das Oberhaupt des candomblé-Hauses hat die Aufgabe, die verschiedenen geheimen und öffentlichen Feste zu leiten. Die mãe de santo muss den Ablauf der Unterweisung der Initianden überwachen. Sie benutzt das Kaurimuschel-Orakel, um den Willen der orixás, der Gottheiten, zu ergründen. Außerdem hat sie dafür zu sorgen, dass die orixás ihre speziellen Opfergaben bekommen. Die filhos de santo werden bei öffentlichen Festen von den orixás besessen, d.h. sie treten in den estado de santo („Zustand, in dem sich das Heilige manifestiert”). In diesem Zustand verkörpern sie die orixás, die zu ihnen „herabgestiegen” sind. Die filhos de santo dienen den orixás während des Aktes der Besessenheit als cavalo (Pferd). Um zu ermitteln, welcher orixá zu einer Person gehört, wirft die mãe de santo die Kauri-muscheln und liest aus ihnen. Hat man seinen orixá erst einmal gefunden, muss man sein ganzes Leben lang den Verpflichtungen ihm gegenüber nachkommen. Einen hohen Rang im candomblé-Haus haben die ogãs. Ihre Funktion in der Gemeinde ist eine Art Ehrenmitglied und fungieren als Botschafter der Kultstätte. Sie übernehmen administrative Aufgaben und unterstützen häufig das candomblé-Haus finanziell.

Die orixás aus Bahia sind geringer an der Zahl als die in Westafrika verehrten Yoruba-Gottheiten. In den terreiros-de-candomblé werden bis zu 16 orixás verehrt. Sie stehen in einem verwandtschaftlichen Beziehungsnetz, dessen Mittelpunkt Oxalá ist. Sein Vater, Olorum, steht über allen Wesen und der Schöpfung selbst. Er taucht aber selbst nicht in den candomblé-Häusern auf. Oxalá, der Oberste der orixás, war Helfer beim Schöpfungsakt. Er wird häufig mit Jesus Christus identifiziert. Er zeugte mit seinen beiden Frauen Nana und Yemanjá, die als die orixás der Fortpflanzung verehrt werden, die meisten anderen orixás. Eine besondere Rolle spielt Exü. Er ist der Mittler zwischen den orixás und den Menschen. So leitet er z.B. Bittgesuche und Nachrichten weiter. Exú gilt als das widersprüchlichste Wesen, geprägt durch seine sexuelle Triebhaftigkeit. Er hat eine Vorliebe für chaotische Situationen. Man furchtet ihn besonders deshalb, weil er nicht nur als Beschützer auftritt, sondern häufig auch diejenigen straft, die die religiösen Gebote nicht einhalten. Der Trickster Exú gilt als Wegelagerer. Unter dem Einfluss der katholischen Kirche wurde er wegen seines ambivalenten Charakters oft mit dem Teufel gleichgesetzt. Die filhos de santo von Exú haben dieselben Vorlieben wie er, so z.B. die Liebe zu alkoholischen Getränken und den Hang zu Obszönitäten.

Das komplexe Netz wechselseitiger Beziehungen wird in den verschiedenen Gemeinden häufig unterschiedlich ausgelegt. So können orixás mehrfach miteinander verheiratet sein. Sehr häufig sind inzestuöse Beziehungen anzufinden. Jeder orixá repräsentiert nicht nur Naturelemente, wie z.B. Xangô Blitz und Feuer, sondern auch bestimmte Charaktereigenschaften. So gilt Iansã als sehr kämpferische und sinnliche Frau, während Oxum als selbstversunken beschrieben wird. Diese spezifischen Eigenschaften kommen in eigenen Liedern, Rhythmen und Tänzen zum Ausdruck. Musik kann den direkten Kontakt zur Welt der orixás ermöglichen. Außerdem besitzt jeder orixá Wochentage, Tiere, Pflanzen, Zahlen sowie Lieblingsspeisen und Getränke.

Die afro-brasilianischen Religionen sind ständig Veränderungen ausgesetzt. Jedes einem orixá geweihte candomblé-Haus kann so seine eigene Spielart des Glaubens entwickeln. Nach dem Ende der Verfolgung afro-brasilianischer Religionen konnten sich diese auch in anderen sozialen Schichten etablieren. Heute finden vermehrt Weiße in den Großstädten Zugang zu diesen Religionen. Ein candomblé-Haus erfüllt in seinem Stadtviertel außer der religiösen auch wichtige soziale Funktionen. Hier können Alltagsprobleme besprochen, Kranke geheilt und soziale Beziehungen geknüpft werden.

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Stefan Schmelzer, Student der Ethnologie, Politikwissenschaft und Hispanistik an der Universität Leipzig, verstarb im Alter von 24 Jahren am 18. Juli 2000 nach einem tragischen Unfall.

Literatur:
Pinto, Tiago de Oliveira: Capoeira, Samba, Candomblé, Berlin 1991. Becker, Ralph M.: Trance und Geistbesessenheit im Candomblé von Bahia, Münster 1995.


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