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Benedikt ist eben kein Johannes Paul
Der Papst-Besuch und die Situation der Kirche in Brasilien

Autor:  | Juli 2007 | Artikel empfehlen

Vom 9. bis 13. Mai 2007 besuchte Papst Benedikt XVI Brasilien. Es war das erste und einzige Land des lateinamerikanischen Kontinents seit seinem Amtsantritt. Eine nicht gut durchdachte Entscheidung, die besonders den Zorn von Argentinien und Mexiko weckte („wieso sind wir nicht gut genug für den Papst?“). Natürlich war das ein Geschenk für die brasilianische Presse, welche keine Möglichkeit verpasst, sich über den südlichen Nachbarn lustig zu machen.

Die Bevölkerung dagegen konzentrierte sich auf die Vorbereitungen des Besuches. Bento XVI, wie er auf Portugiesisch genannt wird [1], wird nur den Bundesstaat São Paulo besuchen, mit dem Hauptziel die Erneuerung des katholischen Glaubens im Land voranzutreiben. Dieser ist nämlich ungefähr seit dem Anfang des neuen Jahrhunderts stark durch die Pfingstkirche bedroht.

Die „Konkurrenz“ bot eine stärkere Identifikation der Armen mit Gott an, die sich innerhalb einer aus Gold dekorierten (katholischen) Kirche unwohl fühlten, und jetzt in einer billig angemieteten Halle ihre Gebete machen konnten. Dazu kam noch der amerikanische Einfluss, einen aktiveren Gottesdienst anzubieten, d.h. mit aktuellen Musikrichtungen und viel Partizipation durch die Gläubiger. Das Konzept der katholischen Kirche von Sitzen und Beten war vorbei.

Die katholische Kirche verpasste jedoch diese Gelegenheit sich zu modernisieren. Stattdessen kritisierte sie stark die neuen Bewegungen. Als die Pfingstkirche begann, sich auszudehnen und auch die Aufmerksamkeit der oberen Schichten an sich zu reißen [2], versuchte die katholische Kirche – durch einen jungen Priester namens Marcelo Rossi – eine Gegenbewegung zu starten: die charismatische Erneuerung. Priester Rossi fing an, dieselbe Taktik der Pfingstkirche zu benutzen: moderne Musik, viel Bewegung während des Gottesdienstes und die Annäherung zum Volk. Er wurde in den brasilianischen Medien sogar als Superstar-Priester bezeichnet, da er immer und überall dabei war, um für den katholischen Glauben zu werben. Diese Strategie brachte einen neuen Schwung der Katholiken mit sich, aber er kam eben zu spät. Der Ruf der strikteren aber populäreren Pfingstkirche hatte sich schon ausgebreitet und war nicht mehr zu stoppen.

Eine positive Wirkung dieses internen kleinen Krieges zwischen den Kirchen stellt die Intensivierung der Religiosität, besonders unter den Jugendlichen, dar. Auch wenn die Religiosität nicht gleich das Praktizieren des Glaubens bedeutet, wurden dadurch alte kirchliche Traditionen erweckt, wie z.B. die Nächstenliebe und das soziale Engagement in der Gesellschaft.

In diesem Kontext kam der Papst nach Brasilien, und eine seiner ersten Äußerungen nahm indirekt Bezug zur Pfingstkirche: Wenn solche Bewegungen in Lateinamerika wachsen ist es nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen, sondern nur die Bestätigung, dass der Kontinent „Durst nach Gott“ hat. Deshalb nutzte er in Brasilien auch die Möglichkeit, sich mit anderen religiösen Führungspersönlichkeiten zu treffen, um den guten Willen der Katholiken zu aufzuzeigen.

Der Papst traf sich auch mit Präsident Lula da Silva und einigen Ministern zu einem informellen Gespräch. Dazu bekam er als Ehrengast den Schlüssel der Stadt São Paulo überreicht. Aber was nur die Bewohner von São Paulo wissen, ist, wie die kilometerlangen Staus und der übermäßige Polizeiansatz das Leben in der Metropole erschwerten.

Neben dem Konflikt mit der Pfingstkirche war das Thema Abtreibung sehr wichtig, da diese zur gleichen Zeit in Mexiko gesetzlich erlaubt wurde. Während des ganzen Besuches sprach der Papst über das Recht auf Leben, und er nutzte die Chance, diese Botschaft während der Bischofskonferenz, die am 13. Mai durch den Papst eröffnet wurde, in ganz Lateinamerika zu verbreiten.

Am 11. Mai kam es für das brasilianische Volk zu einem wichtigen Ereignis, als der Papst die erste Heiligsprechung eines Brasilianers vollzog: Frei Galvão. Galvão soll sein erstes Wunder 1990 in São Paulo vollbracht haben, indem er kleine „Pillen“ an die Kranken verteilte. Diese waren aber nur kleine Papierröllchen mit einen Gebet, die laut dem Volksmund, eine wunderliche Wirkung hatten. Dadurch versuchte der Papst, ein bisschen mehr an Charisma zu gewinnen.

Leider kann man nicht so viel von Charisma sprechen. Benedikt XVI, der eher zurückhaltend ist, schaffte es im Gegensatz zu seinem Vorgänger Johannes Paul II nicht, die Euphorie der Massen zu erwecken. Dieser reiste von Süd- bis Nordbrasilien und konnte durch seine kleinen warmen Gesten, wie z.B. das Küssen des brasilianischen Boden, das Volk hinter sich bringen. Benedikt dagegen zeigte Berührungsängste und das schlimmste für die Brasilianer war, dass er kein Portugiesisch sprach, sondern nur Spanisch.

Aber es wäre kein typischer Besuch von Herrn Ratzinger, wenn es keine polemische konservative Äußerung gäbe. In Brasilien bezog sich diese auf die Kolonisierung Lateinamerikas. Laut Benedikt XVI hatten die Ureinwohner Amerikas nur darauf gewartet, um die rettende Hand der Kirche zu greifen. Er sprach so, als ob die Konvertierung der Indianer durch die katholische Kirche etwas Gewolltes und Pazifistisches gewesen wäre. Dazu sagte er noch, dass die Wiederbelebung der indigenen Bewegungen ein Rückschritt für die Gesellschaftwäre. Es ist fast unnötig zu sagen, dass sich die indigenen Gruppen nicht über diese Aussage gefreut haben. In den brasilianischen Medien wurde das Thema gar nicht polemisiert, aber im Ausland stieß es auf starken Widerstand.

Am Ende des Monats gab der Papst zu, dass es koloniale Ungerechtigkeiten gegeben habe. Eine Entschuldigung kam allerdings nicht.Als letzte päpstliche Botschaft plädierte Benedikt XVI für die Trennung von Kirche und Politik. Eine sehr direkte Warnungan die Befreiungstheologie. In einer sehr politischen Rede erklärte er, dass die Demokratie sich in Lateinamerika konsolidiert, aber dass gleichzeitig manche veralteten autoritärenIdeologien die Zukunft des Kontinents bedrohten, was als eine indirekte Mahnung an Chávez verstanden wurde. Er beendete seinen Besuch mit einer Kritik an dem wilden Kapitalismus sowie am Kommunismus, da beide mit der Errichtung einer gerechten Gesellschaft gescheitert sind.

Am Ende kann man sagen, dass der Papst keinen Erfolg in Brasilien erzielte. Weder ein Gewinn an Charisma, noch eine Stärkung der katholischen Kirche. Zwar waren viele Gläubiger da und haben dem Papst zugejubelt, aber es hatte mehr mit der brasilianischen Gastfreundschaft, als mit ihrer Begeisterung zu tun. Wie sehr auch die Argentinier diesen Besuch kritisieren mögen, mit einem haben sie recht: es ist dem Papst nicht gelungen, das brasilianische Volk zu bewegen.

[1] Eigentlich eine falsche Übersetzung des Namens. Dieser sollte „Benedito“ heißen, der aber durch die brasilianische Kirche abgelehnt wurde, da es auf Portugiesisch eine Redewendung gibt („Será o Benedito?!“), die eine Verwunderung darstellen sollte, aber eine abwertende Bedeutung hat („Was zum Teufel?!“).
[2] Eine der Hauptmerkmale der Pfingstkirche ist, dass sie den Reichtum als ein Geschenk Gottes sieht und propagiert, dass man sich nicht schämen sollte, reich zu sein. Dafür kassiert sie auch mehr oder weniger „freiwillig“ 10% des Lohnes der Gläubiger. Etwas, was für die katholische Kirche in Brasilien nicht üblich ist. Kein Wunder, dass die Pfingstkirche jetzt eine starke Repräsentation im brasilianischen Parlament und sogar einen eigenen TV Sender hat.


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