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Marktwirtschaft und Informeller Sektor

Autor:  |  Sommer 1996

Über Bolivien und seine derzeitige neoliberale Politik zu reden, heißt, auch vom informellen Sektor zu sprechen. Er ist eine Folge der neuen Wirtschaftspolitik, die unter der Regierung des MNR (Movimiento Nacionalista Revolucionario) mit Unterstützung internationaler Kreditorganisationen durchgesetzt wird.

Die Informationen über Bolivien widerspiegeln oft nicht die hohe Anzahl an Problemen, die hier vorherrschen – Bolivien gilt als das am wenigsten entwickelte und ärmste Land Südamerikas. Natürlich müssen die Nachrichten durch die internationalen TV-Ketten und Zeitungsverlage verkauft werden, aber ein Bild, das nur annähernd die Situation wiedergibt, wird von den großen Medienkonzemen nicht gezeigt. Deshalb klingen die Schlagzeilen über Bolivien meistens so: Staatsstreiche von Militärs oder politischen Verschwörern, das Problem mit der Koka-Pflanze und dem Kokain und damit verbunden die Arbeit der DEA (Drug Enforcement Agency). Diese kämpft gegen den Rauschgifthandel auf bolivianischem indigena-Gebiet. Das sind die Nachrichten, die über Bolivien im Spektrum der Weltgemeinschaft Auskunft geben sollen. (…)

Für die Sachverständigen auf finanziellem Gebiet ist der informelle Sektor eine Folge des illegalen Verkaufes der Überproduktion an Koka-Blättern, aus denen später Kokain hergestellt wird. Die bolivianischen Devisen sind die Gewinne aus dem Rauschgifthandel, der nach Auffassung der Sachverständigen die Wirtschaft des Andenlandes unterstützt.

Bolivien hat nach einer Zählung von 1985 6.430.000 Einwohner (1994 rechnete man mit 7,5 Mio.) auf einer viermal größeren Fläche als Deutschland und mit drei Ärzten auf zehntausend Einwohnern. Die Kindersterblichkeit beträgt 13% (Unesco 1992) in ländlichen Gebieten, wo 65% der Bevölkerung leben. Die Analphabetenrate beträgt 25,8%, und ist somit eine der höchsten in Südamerika. (…)

Bolivien hatte 1994 eine Auslandsverschuldung von 4,962 Mio. Dollar (Information der Weltbank). Es verbraucht 40% seiner Exporteinnahmen, um diese Schulden zu amortisieren. Das Brutto-Inlandsprodukt 1994 liegt bei 983 Dollar pro Person und das Wirtschaftswachstum bei 2,1%, bei einer Inflationrate von 9% (Information der DSB – Deutsch-Südamerikanische Bank).

Die neue Wirtschaftspolitik, die in den letzten zehn Jahren Demokratie etabliert worden ist, begann mit der derzeitigen Regierungspartei, dem MNR. 1985 übernahm der MNR zum vierten Mal die Regierung in Bolivien mit Victor Paz Estenssoro an der Spitze und mit einer Inflation von 82.000%.

Zunächst wollte die Regierung Paz Estenssoro die galoppierende Inflation stoppen. Sie erließ das berühmte Decreto Supremo 21060, das u.a. folgende Maßnahmen enthält: Anordnung eines festen Dollar-Wechselkurses, freie Wareneinfuhr, Regulierung der Grundwarenpreise auf der Basis von Angebot und Nachfrage. Außerdem fielen die Subventionen für die Konsumenten weg und große Betriebe wie der Ölkonzern (YPFB) und der Minenkonzern (COMIBOL) wurden dezentralisiert.

Man gestattete Kapitalzuwachs, ohne die Herkunft des Geldes erklären zu müssen. Das war für viele ein Hinweis auf den Drogenhandel und den informellen Sektor, ja sogar eine Rechtfertigung derselben, die in den Straßen wie ein orientalischer Basar wuchern.

Im Oktober desselben Jahres sank der Zinnpreis auf den internationalen Metallmärkten. Gleich zu Beginn des Jahres 1986 reagierte die Regierung mit der Schließung der staatlichen Minen, was für die bolivianische Arbeiterklasse unvorstellbare Folgen hatte: 23.000 von 27.000 Minenarbeitern verloren ihre Arbeit. Über Nacht fanden sich 23.000 Menschen auf der Straße wieder, ihrem traurigen Schiksal überlassen. Das einzige, was ihnen übrig blieb, war, in die großen Städte oder in die Gebiete des Koka-Anbaus abzuwandern, z.B. in das 700 km von La Paz entfernte Chapare.

Mit Gonzalo Sänchez de Lozada an der Spitze des MNR und der Regierung wurde das Wirtschaftsprogramm unbarmherzig durchgesetzt, unterworfen – das ist klar – den Bedingungen, die die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) der bolivianischen Regierung stellten: von der Privatisierung staatlicher Betriebe bis zur sofortigen Schließung unrentabler Betriebe. So und mit einem schweren Angriff auf die ohnehin kaum vorhandenen Sozialleistungen beabsichtigte man, das Haushaltsdefizit zu verringern.

Die Schulbildung ist einer der am schlimmsten betroffenen Zweige. 45.000 Lehrer wurden entlassen. Denjenigen, die ihren Beruf weiter aus-

üben konnten, reduzierte man den Grundlohn um 10% (das Einkommen eines Lehrers liegt zwischen 50 und 100 Dollar monatlich einschlließlich der zusätzlichen sozialen Leistungen, die ihm zustehen, während ein Minister über 2.000 Dollar verdient, ohne Repräsentationsaufwendundungen und andere Vergünstigungen dazu zu zählen).

Die Vernichtung der Koka-Pflanzungen ist ein weiteres Ziel der Wirtschaftspolitik der Regierung unter Sanchez de Lozada. Bis Juni 1995 sollten gemäß den Forderungen des US-Botschafters in La Paz 1.750 Hektar Anbaufläche vernichtet werden, mit dem Argument, daß Bolivien die Fläche 1992 von 45.000 auf 47.000 Hektar vergrößert habe, während es zur Deckung seines internen Bedarfes nur eine Anbaufläche von 12.000 Hektar benötige. Man beachte hier den Grad der Einmischung der USA in interne Angelegenheiten Boliviens und die starke wirtschaftliche und politische Abhängigkeit des Andenstaates.

Eine Koka-Pflanzung gibt im besten Fall vier Ernten und im schlimmsten Fall eine Ernte pro Jahr her. Die Rentabilität des Anbaus zeigt sich in dem Moment, in dem die Einnahmen der Produzenten das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen – 900 Dollar jährlich – übersteigen. Dennoch gestatten ihnen diese Einnahmen kein bequemes Leben. Dagegen bringt ihnen die Vernichtung ihrer Anbauflächen einmalig 20.000 Dollar pro Hektar für den Fall ein, daß sie beschließen, das alternative Anbauprogramm der Regierung in die Tat umzusetzen.

Die bolivianischen Bauern glauben nicht, daß das alternative Anbauprogramm, der Ersatz der Koka-Pflanze durch Zitrusfrüchte, Reis, Kaffee und typisch bolivianische Früchte lebensfähig ist. Die Pflanzung dieser Kulturen wird neue bedeutende Probleme aufwerfen. Zuerst, so argumentieren sie, müßte die Regierung ihnen die nötigen Transportmöglichkeiten

zur Verfügung stellen. Sie benötigen Landstraßen und Brücken über die Flüsse, um die Produkte auf die Märkte bringen zu können (in Bolivien existiert keine Infrastruktur, die das Land mit der Stadt und den Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte mit dem Konsumenten und den Märkten in den bolivianischen Städten verbindet).

Ein weiteres Argument ist das Preisverhältnis zwischen den Alternativprodukten und der Koka-Pflanze.

Die Koka-Blätter haben ihren Preis, ihren Markt und einen Käufer am Ort der Produktion. Dagegen hängen die Alternativprodukte von Angebot und Nachfrage, vom Wettbewerb und dem Zustand ab, in dem sie sich nach drei oder vier Transporttagen, zuerst auf dem Eselsrücken und später im Großtransporter, befinden.

Die DINACO (Dirección Nacional de la Coca) ein staatliches Organ, das die Produktion und den Verbrauch von Koka-Blättern kontrolliert, gibt zu, daß die Überproduktion an Koka-Blättern von Drogenhändlern am Ort der Produktion aufgekauft wird. Außerdem bestätigt sie, daß sich mehr als 200.000 Menschen dem Anbau widmen. Evo Morales, Gewerkschaftsvertreter der Koka-Bauern, sagt, daß ohne Zweifel 350.000 Menschen von diesem Anbau abhängig sind.

Abschließend sei gesagt, daß in den zehn Jahren Regierung von MNR und neoliberaler Politik 23.000 Minenarbeiter und 45.000 Lehrer entlassen wurden. Wohin sollten sich diese Menschen wenden? Was passiert mit dem großen Rest der Bevölkerung? Welcher Beschäftigung sollen sie sich widmen? Wo sind ihre Einkommensquellen? Ist es vorstellbar, daß hunderte, ja tausende Menschen in den bolivianischen Straßen im Drogenhandel und im informellen Sektor beschäftigt sind?

Statistiken sind nicht immer das, was sie sein sollten: eine relativ glaubhafte Anhäufung von Zahlen. In Bolivien, wo keine regelmäßigen Zählungen stattfinden, sind sie es noch weniger. Zur Aufklärung möchten wir noch sagen, daß die Koka-Pflanze – mamita kuka (Mütterchen Koka) – als sozio-religiöses Element die Wesensart der Aymara und Quechua Kultur bestimmt. Drogenhandel ist ein Verbrechen; Rauschgiftkonsum, wie zum Beispiel der Gebrauch von Kokain, ist ein Übel unserer Zeit und deswegen muß man beides mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen. Doch bekämpfen wir zuerst das Analphabetentum, die Unterernährung, die Kindersterblichkeit in Bolivien und vor allem die Armut seiner Einwohner, die Tag für Tag den unbarmherzigen Neoliberalismus überleben, indem sie eine bessere Zukunft erwarten, die niemals kommen wird!

Übersetzung: Anke Plehozki


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