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Heuchlerische Pachamamisten

Autor:  | April 2012 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Bolivien, Interviewt

Beatriz Bautista kommt aus El Alto und weilte im Mai und Juni 2011 auf einer Vortragsreise in Deutschland. Daneben hatte das Mitglied des bolivianisch-deutschen Kooperationsprojekts Qhana Pukara-Kurmi noch einen anderen Grund zu diesem Besuch: Es gab viel zu besprechen zwischen den Kooperationspartnern – neue Projekte waren in Planung, und inhaltlich musste ebenfalls weiter zwischen den Partnern diskutiert werden.

Dieses Interview erschien im Juni 2011 in der Druckausgabe der ila in der Rubrik Berichte & Hintergründe. Die bisherigen Entwicklungen in Bolivien haben die Quetzal-Redaktion bewogen, es aufgrund der substanziellen Hintergrundinformationen darin und der konstruktiven und kritischen Sicht der Gesprächspartnerin von Bernd Löffler in dieses Internetmagazin aufzunehmen. Bitte berücksichtigen Sie den Zeitpunkt der Durchführung des Interview bei der Lektüre. Sehr herzlichen Dank an Beatriz Bautista und die Informationsstelle Lateinamerika e. V. Bonn für die Genehmigung zur Veröffentlichung und an Sylvia Hörner für die Nutzungsrechte des Fotos.


Beatriz Bautista - Foto: Quetzal-Redaktion, Sylvia HörnerIn den letzten Monaten haben wir häufiger von Protesten der sozialen Bewegungen gegen die Regierung von Evo Morales und die Regierungspartei MAS gehört. Was sind die Hintergründe?

Fünf Jahre lang hat es so gut wie keine größeren Proteste der sozialen Bewegungen gegen Evo Morales gegeben. Aber seit November/ Dezember vergangenen Jahres, vor allem zwischen Weihnachten und Silvester, gab es sehr starke Proteste. Der Grund: Die Regierung Morales hat die Preise für Benzin und Diesel um 35 bis 45 Prozent erhöht, ohne vorher den Konsens mit der Bevölkerung oder den sozialen Bewegungen gesucht zu haben. Der Präsident hat das Ganze sehr autoritär durchgezogen. Außerdem hat er auf eine sehr überhebliche Art und Weise anmaßende Erklärungen von sich gegeben – gegen die Bevölkerung, gegen die sozialen Bewegungen – und ist dabei davon ausgegangen, dass er immer noch großen Rückhalt in der Bevölkerung genießt. Aber die Bevölkerung und die sozialen Bewegungen, vor allem der Gewerkschaftsdachverband COB, die Minenarbeiter und die Lehrerinnen sind seit Dezember massiv gegen die Preiserhöhungen auf die Straße gegangen. Daraufhin machte Evo Morales einen Rückzieher und verkündete, dass es keine Preiserhöhungen mehr geben werde. Ein anderes wichtiges Problem: Nachdem die Bevölkerung irn Jahr 2003 so hart gekämpft hatte, war ihr etwas sehr Wichtiges versprochen worden, nämlich die Nationalisierung der Gas- und Erdölvorkommen. Aber davon kann zurzeit keine Rede sein, lediglich die Gewinne fallen höher aus. Angesichts der ganzen Hoffnungen ist die Bevölkerung momentan sehr enttäuscht von der Regierung Morales.

Auch Du scheinst sehr unzufrieden zu sein: Auf einer öffentlichen Veranstaltung in Erfurt hast du die bolivianische Regierung stark kritisiert – Warum?

Ich bin eine politische Basisaktivistin und bin auf dem Spielfeld und nicht auf der Zuschauertribüne! Meiner Meinung nach ist es Aufgabe der sozialen Bewegungen, die Realität zu erkennen. Schließlich leben und erleben wir sie tagtäglich. Als politische Aktivistin hake ich nach und stelle in Frage. Ich bin kein MAS- Mitglied und glaube auch nicht an politische Parteien, vielmehr vertraue ich den politischen Prozessen.

Du sagtest, die Regierung habe ihre Verspechen nicht eingehalten – wie sieht es z.B. mit der Krankenversicherung aus, mit dem Zugriff auf die Ressourcen oder der neuen Verfassung?

Im Hinblick auf einige wenige Punkte hat die Regierung ihre Versprechen erfüllt. Wir haben in der Tat eine neue Verfassung, in der die Existenz der indigenen Nationen, ihre Spiritualität, ihre Sprachen und Bekleidung sowie ihre Art, Recht zu sprechen, anerkannt wird. Aber bisher steht das alles nur auf dem Papier und das Papier wartet geduldig darauf, dass das jetzt umgesetzt wird. Gleichzeitig führt diese Anerkennung dazu, dass die Bewegungen, vor allem die indigene, geschwächt bzw. eingebunden werden. Über diese Frage wird zurzeit in Bolivien viel diskutiert – wird die Bewegung eingehegt, anstatt zu wachsen? Wir sehen z.B. unsere indigenen Symbole, wie die Wiphala, die indigene Fahne, die früher das Zeichen unserer Kämpfe war. Heute gilt sie als bolivianisches Symbol, und wir sehen sie nun auch in Militärstützpunkten. Das ist fürchterlich. Schließlich ist die Wiphala kein patriotisches oder nationalistisches Symbol, sondern hat einen philosophischen Gehalt und steht für den indigenen Kampf. Zu den anderen Punkten: Es gibt sehr einfache Krankenversicherungen für Schulkinder und für alte Menschen. Doch sie decken ernste Erkrankungen nicht ab und garantieren auch keine schnelle Versorgung.

Auf internationalen Konferenzen kritisiert Bolivien stets das kapitalistische Produktionsmodell und den Konsumismus im Norden. Wie funktioniert denn der Schutz der Pachamama, der Mutter Erde, in Bolivien selbst?

Die Regierung ist sehr gut darin, sich einige indigene Kategorien anzueignen, so auch das der Pachamama, unserer Natur. Aber leider herrschen in Bolivien nach wie vor Kapitalismus und Neoliberalismus. Die Regierung Morales vergibt Lizenzen zur Förderung von Naturressourcen, z.B. ist jetzt im Salzsee von Uyuni ein sehr großes indisches Unternehmen tätig, um Lithium abzubauen. Doch die Regierung berücksichtigt nicht, welche Folgen dieser Abbau mit sich bringen wird. Außerdem wird die landwirtschaftliche Anbaufläche ausgedehnt, d.h., zunehmend werden Wälder und Reservate zerstört, um mehr Reis, Baumwolle und Zuckerrohr anzubauen.

Bolivien ist darüber hinaus ein Land mit vielen mineralischen Ressourcen, was ausgedehnte Bergbautätigkeiten mit sich bringt, die wiederum die Flüsse verschmutzen und große Flächen zerstören. Es gibt keinen guten Umgang mit der Umwelt in Bolivien. Wenn es Umwehschutzgesetze gibt, werden sie nicht beachtet. Ein anderes Recht, das verletzt wird, ist die vorherige Anhörung der ortsansässigen indigenen Bevölkerung, wenn es um ihr Land geht. Alles ist purer Diskurs. Viele Leute in Bolivien nennen diese heuchlerische Haltung Pachamamista!

Gibt es denn keine Herangehensweise, um diese Ideen umzusetzen?

Die indigenen Bewegungen üben natürlich Druck aus, damit sie z.B. befragt werden, wenn es um Förderprojekte auf ihrem Land geht. Doch die Regierung führt diese vorgeschriebenen Anhörungen nicht durch. Das gängige Argument ist dann: Wir sind ein sehr armes Land, wir müssen von unseren Naturressourcen leben, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen und die Krankenversi-cherung besser zu finanzieren.

In Europa und auch in Deutschland wird mittlerweile auch das Konzept des buen vivir, des „Guten Lebens”, diskutiert. Was bedeutet dieses Konzept für Dich und was bedeutet es allgemein?

Das ist ein indigenes Konzept, das im Original Suma Qamaña beißt. Es ist allerdings sehr schlecht ins Spanische übersetzt worden. Die korrekte Übersetzung ist „Gut Zu-sammenleben”. Und das gute Zusammenleben bezieht sich für uns Indigene nicht nur auf das Zusammenleben unter den Menschen sondern auch das Zusammenleben mit der gesamten Umgebung. Das gute Zusammenleben meint auch ein gleichberechtigtes Zusammenleben. Dieses Konzept geht sehr weit, doch die Regierung von Evo Morales stellt es heute falsch dar.

Glaubst du, dass die Menschen im Norden dieses Konzept verstehen können?

Ich glaube nicht. Dieses „Zusammenleben” scheint so weit entfernt von Euch zu sein. Natürlich ist das moderne Leben eine große Versuchung: Es gibt keine Beschränkungen, es bietet dir viele wunderbare Dinge an, der Mensch ist der Herrscher über alles und alles ist möglich. Das Konzept des Suma Qamaña kann hier im Norden meiner Meinung nach nicht nachvollzogen werden.

Zurzeit bist du als Vertreterin des Projektes Qhana Pukara-Kurmi in Deutschland unterwegs. Was macht dieses Projekt?

In Bolivien sind sieben Organisationen, in Deutschland vier Organisationen daran beteiligt. Es ist ein ziemlich großes Projekt mit einer großen gemeinsamen Utopie. Ein Ziel dieses großen Traums ist der Bau eines interkulturellen Zentrums in El Alto, in dem auch eine indigene Schule untergebracht ist. Außerdem sucht das Projekt die Diskussion über die Frage, ob Interkulturalität tatsächlich möglich ist: Können wir uns wirklich verstehen, mit unseren hergebrachten Denkschemata brechen und die Grenzen zwischen unterschiedlichen Menschen überwinden? Das ist für mich ein sehr interessanter politischer Traum.

Wie sieht die Arbeit konkret aus und was ist die Zielsetzung deiner aktuellen Reise?

Hauptsächlich dient die Reise dazu, die Beziehungen zu der Gruppe hier in Deutschland zu pflegen; gleichzeitig suchen wir solidarische Unterstützung für unsere Projekte.

Du sagst, dass Du Dir nicht vorstellen kannst, dass die Gruppen im Norden das Konzept des buen vivir nachvollziehen können. Was erwartest Du Dir von solch einer Zusammenarbeit, die einige Distanzen, nicht nur räumlicher Natur, zu überwinden hat?

Meiner Meinung nach sind Solidarität und das sich gegenseitige Ergänzen sehr wichtig. In Bolivien ist es sehr schwierig große Projekte zu verwirklichen, auch wenn wir uns richtig reinhängen und sehr viel freiwillige Arbeit leisten. Es ist z.B. sehr schwierig für uns eine Schule zu bauen. Außerdem ist es für uns eine große Herausforderung, uns als indigene Einwohnerinnen eines „Dritte-Welt”- Landes mit einer Logik zu konfrontieren, die ganz anders als die unsere ist. Das allein ist für uns schon ein Erfolg – uns ideologisch auseinanderzusetzen und einen Dialog zu führen mit Menschen, die ganz anders sind als wir.

Bildquelle: Quetzal-Redaktion, Sylvia Hörner


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