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Elector 2009 – Wahlen in Bolivien, Teil 5

Autor:  | Dezember 2009 | Artikel empfehlen
Bolivien - Elector 2009 - Wahlen in Bolivien - Teil 5

Die Umfrageergebnisse 32 Tage vor den Wahlen

Die Popularität von Evo Morales findet derzeit zu alten Werten zurück. Reyes Villa musste Verluste hinnehmen und Doria Medina hat zwei Punkte verloren. Loaysa, Veliz, Flores und Choquehuanca tauchen in den Umfrageergebnissen nicht mehr auf.

Umfrageergebnisse zu Präsidentschaftswahlen in Bolivien.

Der Tageszeitung La Razón zufolge strebt die MAS in Santa Cruz (S. C.) mindestens drei, in Pando zwei Sitze im Senat an. Der MAS-Politiker Jorge Silva habe erklärt, dass die Partei damit die Zweidrittelmehrheit im Senat sicher hätte. Im Abgeordnetenhaus hätte die MAS den Umfrageergebnissen zufolge bereits zwei Drittel der Sitze erreicht.

Umfrageergebnisse zu Präsidentschaftswahlen in Bolivien.

Die Opposition und das Scheitern ihrer Strategie

Polarisierung war das Zauberwort, mit dem sowohl internationale Wahlberater als auch die bolivianischen Kreolen der Opposition hantierten. Bolivien sei in jeder Hinsicht polarisiert, Indios gegen Mestizen und West gegen Ost. Unter dieser Prämisse plante die Opposition, bei den Präsidentschaftswahlen mit einem Abstand von maximal 10 Prozent hinter dem Erstplatzierten Zweiter zu werden und so einen zweiten Wahlgang zu erzwingen.

Bolivien ist polarisiert und den Wahlkampfberatern zufolge ist vor allem die Mittelschicht unzufrieden. Ein guter Teil dieser Bevölkerungsschicht träumt davon, den „Indio“ Morales loszuwerden. Bis zu einem gewissen Punkt sind diese Schlussfolgerungen der Wahlkampfstrategen richtig: Es herrscht eine spürbare Ablehnung der oberen Mittelschicht. Die Wahlkampfstrategen der Opposition waren und sind sich darin einig, dass hier ein geeintes Vorgehen dringend nötig ist.

Bei den Vorschlägen für die Präsidentschaftskandidaten gingen die Meinungen dagegen auseinander. Die traditionelle Oberschicht mit Leopoldo Fernández und Reyes Villa an der Spitze wünschte sich eine Kandidatin aus der oberen Mittelschicht, die Analystin Jimena Costa. Die Oberschicht von Santa Cruz unter Führung von Rubén Costas jonglierte dagegen mit dem Slogan „Indio gegen Indio“. Dafür wäre Cárdenas der ideale Kandidat gewesen. Beide Vorschläge sind interessant, da sie verschiedene Interessen widerspiegeln. Reyes und Fernández stammen aus dem Westen Boliviens, beide verbindet viel mit Cochabamba. Für sie ist es möglicherweise die letzte Chance, wieder an die Macht zu kommen. Sie kämpfen verbittert. Die Oberschicht im Osten dagegen ist unbesorgt, denn sie hat ihre Popularität bereits unter Beweis gestellt und hält weiter an ihrem Traum von der Abspaltung der Region fest.

Doch zurück zum Ernennungsprozess der Kandidaten. An Fernández und Reyes führt kein Weg vorbei. Ihnen gelang es, den MNR-Kandidaten Germán Antelo aus dem Rennen zu werfen. Der Sohn von Víctor Paz Estenssoro, dem mittlerweile verstorbenen Begründer der MNR, machte öffentlich, dass Reyes von Gonzalo Sánchez de Lozada finanziell unterstützt wird. Sánchez de Lozada und sein Vertrauter Sánchez Berzain wenden sich ebenfalls dem Westen zu, hier liegen ihre wirtschaftlichen Interessen. Mit der Ernennung Fernández’ zum Vizepräsidentschaftskandidaten haben die Präfekten der Opposition keine andere Wahl, als das Zweiergespann Reyes-Fernández zu unterstützen.

Reyes und Fernández hielten die These von der Polarisierung aufrecht und plädierten weiterhin für die Notwendigkeit eines geeinten Auftretens. Sie versuchten, die gesamte Opposition für ihre Zwecke einzuspannen. So bedrängten sie Doria Medina, er solle seine Kandidatur zurückziehen. Die Möglichkeit, Kandidaten auszutauschen beziehungsweise von einer Kandidatur zurückzutreten, bestand bis zum 22. Oktober. Am 12. Oktober veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Equipos Mori eine Umfrage, aus der jedoch hervorging, dass die Anhänger von Medina nicht automatisch für Reyes Villa stimmen würden; profitieren würden Evo und Juaquino.

Bei der Rechten mag die Zauberformel Polarisierung vielleicht nicht aufgehen, für die Regierung funktioniert sie aber sehr wohl. Hier gehörte Polarisierung zur Tradition und fand sich auch in den Regierungsprogrammen wieder. Reyes steht für die Weiterführung des Neoliberalismus. Evo dagegen sprach von „pichones de dictaduras”, den „Zöglingen der Diktaturen“. Die Vergangenheit beider Kandidaten lässt selbst in der Mittelschicht böse Erinnerungen wach werden. Deshalb gehen die Umfrageergebnisse so unter die Haut, sie sind so unerbittlich wie die Sonne auf dem Altiplano. Die Opposition hat ihre Höchstwerte erreicht, da gibt es keinen Spielraum mehr. Nachdem Reyes Villa bei den Umfragen im September auf 21 Prozent der Stimmen gekommen war, gingen seine Umfragewerte Ipsos Apoyo zufolge im Oktober um einen Prozentpunkt zurück. Der schwindelerregende Anstieg von 8,6 Prozent (August) auf 21 Prozent (September) hat die Illusion vom Zauberwort Polarisierung wieder aufleben lassen, was den Wahlkampfberatern jetzt, bei nur 20 Prozent, Albträume bereitet. Evo dagegen macht sich die Polarisierung zu Nutze, wenn auch im umgekehrten Sinne. Er hat sich mit seinen ehemaligen Feinden verbündet. Sehr zum Erstaunen und Leidwesen der Wahlkampfstrategen. Sie sind paralysiert. Was nun?

Die MAS und ihre ehemaligen Feinde – eine Strategie

Die Erinnerungen an die Bilder vom offenen Rassismus gegen aus dem bolivianischen Hochland stammende Indígenas sind noch nicht verblasst: Schlägertypen, die aussehen wie Rambo, prügeln auf Männer und Frauen ein. Mit Gewalt reißen sie öffentliche Ämter an sich. Alles natürlich auf Befehl ihrer Anführer. Heute sind die ehemaligen Chefs der Jugendorganisation des Bürgerkomitees von Santa Cruz (UJC) Verbündete der MAS. Doch was sind die Gründe für das Entstehen dieser derart unglaubwürdigen Situation?

Erklärtes Ziel der MAS ist es, die Wahlen im Dezember mit einer Zweidrittelmehrheit zu gewinnen. Da muss man sich nichts vormachen, dieses Ziel kann nur mit einem Sieg in allen neun Departments erreicht werden. Zwei bedeutende Schritte in diese Richtung sind schon getan. Erstens richtet die MAS jetzt ihre Aufmerksamkeit auch auf den Osten Boliviens. Früher war man der Meinung, dass es ausreiche, sich auf das Zentrum zu konzentrieren, worauf die Oberschicht der MAS Zentralismus vorwarf. Zweitens hat sich die Partei mehr zur Mittelschicht hin geöffnet. Mit diesen strategischen Schritten gelingt es der MAS, ihr Wählerpotential im Westen des Landes zu festigen. Das Problem liegt allerdings im Osten, der von der Oligarchie beherrscht wird.

Schließlich entdeckt die MAS die Bürgerbewegung Santa Cruz Somos Todos, eine politische Vereinigung von „ideologischer Reinheit”. Deren Vorsitzende, Betty Tejada, kandidiert für das Senatorenamt in Santa Cruz. Das war, wie wir uns erinnern, zu Beginn des Wahlkampfes. Seitdem sind fast zwei Monate vergangen und Isacc Ávalos von der MAS verbündet sich medienwirksam mit den „erklärten Feinden“, ebenso wie mit den Anführern der früheren UJC. Die Opfer präsentieren sich gemeinsam mit ihren nun ehemaligen Peinigern, Ángelo Céspedes, Víctor Hugo Rojas und Ariel Ribera. Und kaum zu glauben, auch die Leibwächter des Präfekten von Santa Cruz, Rubén Costas, gehören zur „Allianz“. Eine weitere Neuigkeit lässt auch den Letzten vom Glauben abfallen: Auf der Liste der Verbündeten der MAS steht auch der frühere Sicherheitschef der Präfektur Santa Cruz, Jorge Aldunate. Was ist passiert?

Ganz einfach. Die Wahlkampfberater der MAS haben ihre Mittel angepasst. Nach fast zwei Monaten sind die ohnehin sehr relativ zu bewertenden Umfrageergebnisse für die MAS in Santa Cruz Stadt deprimierend. Santa Cruz Somos Todos zieht Stimmen an, ähnelt aber eher einer kleinen fleißigen Ameise, die kaum einen Strohhalm bewegen kann. Bei vielen Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern der MAS stößt diese Verbindung jedoch auf Kritik. Ihnen trat Evo mit dem Argument entgegen: „Die Wahlen werden mit Stimmen gewonnen, nicht durch Reden. Reden dienen dazu, Wählerstimmen für sich zu gewinnen.“ Fehlte nur noch, dass er darauf hinweist, dass er nicht mehr der „gesellschaftlich Benachteiligte auf Konfrontationskurs“ ist. Wie auch immer, das Wahlergebnis wird zeigen, ob die Stimmen (-) der Enttäuschten oder die Stimmen (+), die die Allianz auf sich vereinen kann, mehr Gewicht haben. Wie schon in meiner Biographie über Evo Morales erwähnt, ist Evo pragmatisch. Ob der Weg gut oder schlecht ist und ob er auf lange Sicht Probleme mit sich bringt oder nicht, steht nicht zur Debatte. Allein das Ergebnis zählt.

In diesem Sinne sind auch die Treffen von García Linera mit den mächtigsten Kooperativen im Osten des Landes zu verstehen, der Landkooperative für Elektrizitätsversorgung von Santa Cruz (CRE) sowie dem Trinkwasserversorgungsunternehmen Saguapac. Das Bündnis mit diesen beiden Unternehmen und ihren Schlägertrupps trägt schon jetzt Früchte. Auch das Sprachrohr der Rechten, die Presse, kann die Auflösungserscheinungen des rechten Lagers nicht kaschieren. Als „Erdbeben“ und „klaffende Wunde“ für das Bürgerkomitee von Santa Cruz bezeichnete der Politikanalyst Raúl Bustamante diese Anzeichen des Niedergangs treffend. Doch auch ein relativer Sieg ist möglich: Die, die sich anzupassen wissen, sind vergleichbar mit den umgebauten Toyotas, die aus Arica im Norden Chiles importiert werden. Früher hatten sie das Steuer auf der rechten Seite, heute ist es links. So ist der Lauf der Dinge, das Leben hat zahlreiche Facetten.

4. November 2009

Übersetzung aus dem Spanischen: Franziska Pfab


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