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Ein Gescheiterter als Vorbild? Diskussion über Che Guevara und die Zukunft Kubas

Autor:  | November 2017 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Bolivien, Kuba, Politik & Recht

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Am 15. November 2017 fand in Leipzig im Haus des Buches eine Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) statt, die dem 50. Todestag des Comandante Che Guevara gewidmet war. Das zahlreich erschienene Publikum hatte dort die Gelegenheit, mit Erwin Kohmann, dem Leiter der Che-Guevara-Gedenkstätte in Vallegrande (Bolivien), und Michael Zeuske, Professor am Historischen Institut der Universität Köln und ausgewiesener Kuba-Spezialist, über das Wirken und Vermächtnis „eines historischen Mythos“ – so der Untertitel – zu diskutieren.

Nach der Eröffnung durch eine Vertreterin der Stiftung schilderte Dr. Simone Raatz, ehemalige SPD-Abgeordnete im Bundestag, kurz, wie die Idee zu dieser Veranstaltung geboren worden war. Ein Besuch in Vallegrande und die Begegnung mit Erwin Kohmann hatten den Anstoß dafür gegeben, 50 Jahre nach der Ermordung von Ernesto Che Guevara darüber zu debattieren, was er uns heute noch bedeutet und zu sagen hat. Das Gespräch mit den beiden Gästen und die anschließende Diskussionsrunde wurden von Hinnerk Berlekamp, der in Rostock Lateinamerika-Wissenschaften studiert hatte und heute als freier Journalist arbeitet, moderiert.

Die Kombination von sehr persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, mit denen Erwin Kohmann und Michael Zeuske ihren Bezug zum Thema beschrieben, und Analysen, die sowohl auf die jüngere Geschichte als auch die neuesten politischen Entwicklungen in Bolivien und Kuba fokussiert waren, gaben der Veranstaltung ihr spezifisches Gepräge. Dem Publikum wurden auf diese Weise höchst interessante Einblicke vermittelt und Querverbindungen sichtbar gemacht, aus denen sich ein facettenreiches und nuanciertes Bild Che Guevaras herauskristallisierte, das tatsächlich jenseits der oft anzutreffenden Mythologisierung lag.

Bereits die Schilderung des langen Weges von Erwin Krohmann machte deutlich, wie vielfältig und verschlungen die Verknüpfungen mit dem Schicksal Che Guevaras sein können. Vor 73 Jahren im Schwarzwald geboren und noch im Geiste des Antikommunismus des Kalten Krieges erzogen, wurde er Franziskaner und ging nach Paraguay, wo er als von 1966 bis 1975 im Sinne der Theologie der Befreiung tätig war und mit Bauern eine Kooperative aufbaute. Nach der Verhaftung und Ausweisung durch die Stroessner-Diktatur gelangte er schließlich 1977 nach Vallegrande, wo die Leiche Che Guevaras von dessen Mördern verscharrt worden war. Er engagierte sich dafür, dass dort 1992 die erste Gedenkfeier für den lateinamerikanischen Revolutionär abgehalten werden konnte.

Besonders spannend war die Debatte, die sich um die Beantwortung dreier Fragen entspann:

Die erste ergab sich aus der Bemerkung des Moderators, dass Che Guevara bei einem offiziellen Besuch in der Sowjetunion einen Kranz am Grabe Stalins niedergelegt hatte. War der Argentinier deshalb ein Stalinist? Der Verweis auf die 216 Todesurteile, die der Comandante nach dem Sieg der Revolution in der Cabaña unterzeichnet hatte zielte dann auf Ches Verhältnis zur Gewalt. In diesem Zusammenhang richtete Hinnerk Berlekamp auch die Frage an Erwin Kohmann, wie er als Christ dazu stehe. Immerhin gebiete ihm seine Religion „Du sollst nicht töten!“ Die darauf folgende Diskussion offenbarte, dass Che Guevara in keine der gängigen Schubladen passte. So hatte er als kubanischer Minister mehrfach den Mangel an Solidarität kritisiert, der seiner Meinung nach die damalige Haltung der Sowjetunion gegenüber den um ihre Befreiung kämpfenden Völkern des „Trikont“ (Asien, Afrika, Lateinamerika) bestimmte. Hat er dies als Stalinist oder Maoist getan? Für Michael Zeuske war der Comandante schlicht und einfach ein lateinamerikanischer Revolutionär und Kommunist. Die erwähnten Todesurteile erklärten sich einerseits aus der „spezifischen Machtgeschichte Kubas“ und die damit verbundene Anwendung von Gewalt sei andererseits jeder echten Revolution immanent. Und Erwin Kohmann, der sich selbst als Anhänger der gewaltfreien Aktion bezeichnete, sah Gewalt als letztes, aber legitimes Mittel des Widerstandes gegen Diktaturen.

Veranstaltung_Che_Kohmann_Quetzal-Redaktion_gtDie zweite Frage betraf das mehrfache Scheitern Che Guevaras. Nach Meinung Michael Zeuskes war dieser gleich dreimal gescheitert: Erstens als Mensch, da er mit seinen hohen ethischen Ansprüchen selbst seine Weggefährten überfordert habe; zweitens als Minister, weil seine ehrgeizige Industrialisierungspolitik ihr eigentliches Ziel – die Überwindung der Zuckermonokultur – nicht erreichen konnte; drittens als Revolutionär, wobei der Historiker auf Venezuela, den Kongo und Bolivien als exemplarische Fälle dieses Scheiterns verwies. Im Verlauf der Diskussion relativierte Zeuske jedoch selbst sein Urteil, indem er auf die Erziehung von zwei oder drei Generationen junger Kubaner im Geiste des guerrillero heroico verwies. Noch weiter ging Erwin Kohmann, der den Bogen seiner Argumentation bis zu Christus schlug. Damit bezog er sich weniger auf die bekannten Bilder des in Vallegrande aufgebahrten Guerillero, die an Jesus erinnerten. Wichtiger war ihm der folgende Vergleich: Wenn man sich die heutige Welt – 2000 Jahre nach Jesus’ Tod – betrachte, dann müsste man auch diesem vorwerfen, gescheitert zu sein. Dem sei aber keinesfalls so. Vielmehr wirkte Che wie alle Idealisten auf lange Dauer, indem er nachfolgenden Generationen als Vorbild im Kampf für mehr Gerechtigkeit und Menschenwürde diene. Er schloss mit den Worten: „Gerade heute brauchen wir solche Idealisten.“

Drittens wurde die Frage diskutiert, ob Ernesto Che Guevara überhaupt noch in unsere Zeit passt. Während er in Kuba seit den 1960er Jahren einen festen Platz im historischen Gedächtnis des Volkes einnimmt, hat in Bolivien erst mit dem Regierungsantritt von Evo Morales eine Debatte darüber begonnen, inwiefern die gegenwärtigen Veränderungen auch im Erbe der 1967 gescheiterten Guerilla verwurzelt sind. So schilderte Erwin Kohmann, dass sich zahlreiche ältere Einwohner, die damals Kontakt mit Che Guevara hatten, positiv an die durchziehenden Guerilleros erinnerten. Auf die Frage, warum diese dennoch nicht aktiv von der lokalen Bevölkerung unterstützt worden wären, wurde mit unterschiedlichen Wortmeldungen reagiert. So konnte sich Muruchi Poma, der damals 17 Jahre alt war, erinnern, dass die Bergarbeiter einen Monatslohn für die Guerilla spenden wollten, was für die Barrientos-Diktatur Grund genug war, die zwei größten Siedlungen der mineros militärisch zu besetzen. Der in Leipzig lebende Bolivianer, der 2007 eine Biografie von Evo Morales publiziert hatte, machte ferner darauf aufmerksam, dass Evo von seinem älteren Cousin Marcial mit den Ideen Che Guevaras vertraut gemacht worden sei. Als Gewerkschaftsführer in den Minen von Siglo XX hatte Marcial den Guerillero in seinem Haus empfangen und ihn aktiv unterstützt, was nur wenige wussten. Diese Episode macht deutlich, wie nachhaltig Ches Erbe trotz – oder vielleicht auch wegen – seiner Niederlage bis heute Wirkung zweigt.

In Bezug auf Kuba warf der Moderator die Frage auf, wie sich die Verstellungen Che Guevaras vom „neuen Menschen“ mit den gegenwärtigen Reformen vereinbaren ließen. Michael Zeuske bemerkte dazu, dass die Bevölkerung in sehr unterschiedlichem Maße von dieser Öffnung profitierte. Für große Teile der Kubaner sei Ches Vermächtnis ein wichtiges Argument gegen die sozialen Verwerfungen, die die Koexistenz zweier Währungen zeitigten. Selbst die Nutznießer der ökonomischen Reformen wären sich bewusst, dass ein sozialer Ausgleich im Interesse aller sei. Was die Zukunft Kubas anginge, kämen nach Meinung des Historikers drei Szenarien in Betracht:

Im Falle eine vollständigen oder ungeordneten Öffnung käme es zum Ausverkauf des Landes, was der worst case für Kuba sei und mit Sicherheit nicht friedlich verlaufen würde. Ein zweites Szenario wäre die Herausbildung einer Art Staatskapitalismus, in dem sich wahrscheinlich eine Elite der Neureichen – ähnlich wie in Russland – etablieren würde. Die dritte und von ihm favorisierte Möglichkeit sehe er in einer Akkumulation von unten, von der möglichst viele Kubaner profitieren sollten. Als Fazit der Veranstaltung bleibt festzuhalten, dass Ernesto Che Guevara trotz seiner Niederlagen als konsequenter Kämpfer gegen den Imperialismus, für eine menschenwürdige Welt eine unverzichtbare Quelle der Inspiration, der Hoffnung und des Lernens bleibt.


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