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Die Verbreitung der Schriften Che Guevaras

Autor:  | April 2009 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Bolivien, Literatur

Der bolivianische Autor dieses Artikels setzt sich mit Irrtümern und Übertragungsfehlern auseinander, die immer wieder in einigen Veröffentlichungen über Che Guevara zu finden sind.

 

Es ist bekannt, dass Che Guevaras „Arzthandschrift“ schwer zu lesen und zu transkribieren ist. Wer sich dieser Aufgabe widmet, muss sich deshalb auf die Umstände stützen, unter denen die Texte entstanden sind. Dies reicht bis hin zur Landschaft, die Che bereiste. Geschieht dies nicht, kommt es bei der Transkription der Tagebucheintragungen zu unverzeihlichen Fehlern.

Leider passiert genau das bei der Veröffentlichung von Auszügen aus seinem Tagebuch „Otra Vez“[1], das während seiner zweiten Lateinamerikareise entstand. Ausgangspunkt der Reise mit seinem Freund “Calica” Ferrer im Jahr 1953 war Bolivien.

Ich kenne die Ausgabe des Verlags Sudamericana aus dem Jahr 2000 nicht, befürchte aber, dass sie die gleichen Mängel wie die von mir besprochene Veröffentlichung enthält. Die Ausgabe, auf die ich mich beziehe und die ich hier kommentieren möchte, ist 2003 unter dem Titel „América Latina: Despertar de un Continente“ erschienen. Es handelt sich dabei um eine Auswahl von Tagebüchern, Briefen, Notizen und weiteren Schriften Che Guevaras aus den Jahren 1950-1967. Die Ausgabe wurde auf der Buchmesse in Havanna vorgestellt, an der ich auf Einladung des Bildungsministeriums meines Landes teilnahm, und bei der Bolivien gemeinsam mit den anderen Andenländern als Ehrengast geladen war.

Der Tagebuchabschnitt über Bolivien umfasst in diesem Band nicht mehr als acht Seiten, wobei nicht ersichtlich ist, ob der Text für diese Ausgabe gekürzt wurde oder ob das daran liegt, dass Ernesto Che Guevara de la Serna bei seiner ersten Reise durch Bolivien einfach nicht mehr niedergeschrieben hat. Es muss daran erinnert werden, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht von dem Che sprechen, sondern von einem rastlosen und sensiblen jungen Mann, der als Backpacker, wie wir es heute nennen würden, verschiedene Teile des Landes bereiste.

Ich begann die Lektüre dieses kurzen Abschnitts mit Enthusiasmus, allerdings nicht ohne mich zu fragen, ob es nicht bereits an der Zeit wäre, das gesamte Werk Che Guevaras zu veröffentlichen und so nicht mehr auf die Textauswahl anderer angewiesen zu sein. Doch die Menge an – nicht nur typografischen – Fehlern, die in diesem Abschnitt enthalten sind, verblüffte und ärgerte mich enorm.

In den bolivianischen Yungas

Sehen wir uns die Sache einmal an. Über die Reise in die Yungas steht auf Seite 68: „Sobre las laderas vegetales que se despeñaban hacia un río distante abajo, varios centenares de metros, se desperdigaban cultivos de cocos con sus típicos grados,…“ („An den bewachsenen Abhängen, die hunderte Meter tief zu einem Fluss abfallen, lagen verstreute Kokos-Anpflanzungen (cultivos de cocos) mit ihren typischen Abstufungen (grados)“[2]).

Jeder, der Bolivien kennt, weiß, dass in den Yungas seit Hunderten von Jahren Koka (coca), und nicht Kokos (cocos), angebaut wird und dass dies nicht in Abstufungen (grados) geschieht, sondern auf treppenartig angelegten Feldern, also den für die Anden typischen Terassenfeldern (gradas).

Über Che Guevaras Besichtigung der Mine „Bolsa Negra“ heißt es auf S. 70: „… la piedra que se extrae de la mina se divide en tres porciones, la que constituye el mineral con un 70 % de hez que se embolsa así: la que tiene algo de Wolfram pero en cantidades menores y la capa, vale decir que no tiene nada, que se arroja por vertederos afuera“. („… das in der Mine abgebaute Gestein wird in verschiedene Gruppen unterteilt: a) in den Gesteinsanteil, der das Erz und 70 % Abfallstoffe enthält; die Abfallstoffe wiederum werden weiter unterteilt in b) einen Teil, der geringe Mengen an Wolfram enthält und c) den Flöz (capa) der, wie erwähnt werden muss, keine Erze enthält[3] und der auf Halden außerhalb der Mine abgelagert wird.“).

Das aus einer Mine geförderte Gestein wird überall auf der Welt nach seinem geschätzten, prozentualen Gehalt an Erzen unterteilt. Allerdings heißen die nicht erzhaltigen Abfallstoffe im Spanischen zumindest in Bolivien caja (Abraum) und nicht capa (Flöz).

Weiter unten auf derselben Seite findet man: „Al día siguiente visitamos el socarón. Llevando los sacos impermeables que nos dieron, una lámpara de carburo y un par de botas de goma, entramos en la atmósfera negra e inquietante de la mina“. („Am nächsten Tag besuchten wir den socarón [4]. Ausgerüstet mit wasserfesten Jacken, die man uns gegeben hatte, einer Karbidlampe und Gummistiefeln drangen wir in die schwarze und beunruhigende Dunkelheit der Mine vor.“)

Dem muttersprachlichen Sprecher des Spanischen ist hinlänglich bekannt, dass eine Mine keinen socarón sondern einen socavón (Stollen) hat.

Der Besuch Che Guevaras in Chacaltaya wird wie folgt geschildert (S. 71): „… hicimos un recorrido que, saliendo de La Paz, toma el club andino de Chacoltoya para seguir luego por las tomas de agua de la compañía de electricidad que abastece La Paz“. („…wir begannen unsere Tour in La Paz, von wo aus wir zum Andenverein in Chacoltoya fuhren; dann ging es weiter zu den Wasserentnahmegebieten des Elektrizitätsunternehmens, das La Paz versorgt.“) Aus jedem Touristenführer oder jeder Karte des Gebietes geht hervor, dass Che von Chacaltaya gesprochen hat, der höchsten Skipiste der Welt, auf der sogar bis vor einigen Jahren noch internationale Wettkämpfe stattfanden, bis der Schnee dort aufgrund der globalen Erwärmung fast vollständig weggetaut ist.

Die Überquerung des Estrecho de Tiquina

Über seine Fahrt entlang des Titicacasees ist zu lesen (S. 72): „Después de una viaje lindísimo bordeando el lago y de cruzar La Bolsa por Taquería, llegué a Copacabana…“ („Nach einem[5] wunderschönen Fahrt entlang des Sees und nach der Überquerung der Bolsa por Taquería[6] gelangte ich nach Copacabana…“).

Auch dem Besten können Fehler unterlaufen. Wir können wohl davon ausgehen, dass es sich um typografische Fehler handelt, wenn una viaje anstelle von un viaje[7], wie es im Spanischen grammatikalisch korrekt wäre, gedruckt steht und der Artikel La fälschlicherweise groß geschrieben ist, was den Eindruck erweckt, La Bolsa por Taquería sei ein Eigenname[8]. Aber cruzar La Bolsa por Taquería anstelle von cruzar en balsa por Tiquina (deutsch: mit dem Floß über die Enge von Tiquina übersetzen) zu schreiben, ist schon ein grober Schnitzer und eine nicht mehr hinnehmbare Nachlässigkeit. Es ist ein Mangel an Respekt gegenüber dem Autor und dem Land, das er beschreibt.

Über die Fahrt entlang des Sees in Richtung Puno heißt es (S. 73): „…salimos rumbo a Puno, bordeando el lago. Cerca de este pueblo florecieron las Bolsas de tolora de las que no habíamos visto ninguna desde Taquera“. („Wir fuhren entlang des Sees in Richtung Puno. In der Nähe dieses Dorfes gab es unzählige Bolsas de tolora[9], von denen wir seit Taquera kein einziges mehr gesehen hatten.“)

Jeder weiß, dass die Einheimischen den Titicacasee mit Booten aus Totora-Schilf (auf Spanisch: balsas de totora) befuhren, eine Schilfrohrart, die an den Ufern des Sees wächst. Auch heute ist das noch üblich. Die Konstrukteure dieser Schilfboote bauten auch die Kon-Tiki, Ra und Ra II des norwegischen Entdeckers Thor Heyerdahl, mit denen er durch seine Seefahrten bewies, dass es im Altertum Verbindungen zwischen Amerika und Ozeanien gegeben hat.

Um nach Copacabana zu gelangen, muss man die Enge von Tiquina überqueren, weder der Name Taquería noch Taquera taucht in irgendeiner Karte auf. Das hätte man herausfinden können, wenn man eine solche zu Rate gezogen hätte.

Schon auf den ersten acht Seiten über Che Guevaras Reise durch Bolivien finden sich diese gravierenden Fehler. Ich möchte mir lieber nicht vorstellen und will auch besser keinen Kommentar dazu abgeben, was auf den mehr als 500 verbliebenen Seiten hätte passieren können.

Ich als Autor und Herausgeber vieler Bücher weiß natürlich, dass das Erreichen vollkommener typografischer Perfektion eine Utopie ist.

Die Art und Weise jedoch, in der dieser Tagebuchauszug präsentiert wird, geht weit über die Toleranzgrenze hinaus. Handelt es sich um ein Versagen der wissenschaftlichen Koordinatorin des Centro de Estudios Che Guevara in Havanna, María del Carmen Ariet, die wir während ihres langjährigen Aufenthalts in Bolivien kennen und schätzen gelernt haben und die für ihre Arbeiten über das Denken Che Guevaras bekannt ist? Oder liegt es an der (Un)Verantwortlichkeit des australischen Verlegers Ocean Press? Ich weiß es nicht, aber María del Carmen steht nicht nur als Herausgeberin auf dem Buchcover, sie hat auch das Vorwort geschrieben.

Öffentliche Debatte

Derzeit ist – vor allem in Italien – eine öffentliche Auseinandersetzung über eine Art „Privatisierung” des schriftlichen Vermächtnisses von Che Guevara im Gange. Im Mittelpunkt dieser Debatte steht Ocean Press, also genau der Verlag, der behauptet, die Interessen der Familie Guevaras zu vertreten.

Ich halte es für angebracht und bin vollkommen damit einverstanden, dass sowohl die Familie als auch der kubanische Staat alles in ihrer Macht stehende tun, um eine bedenkenlose Vermarktung der Schriften und des Images von Che Guevara zu verhindern (Zigaretten, Unterwäsche, Bier usw.). Dies ist eine dringliche und notwendige Aufgabe. Ich finde es selbstverständlich auch richtig, dass ein Verlagshaus wie Ocean Press, das offensichtlich über zahlreiche internationale Beziehungen verfügt, das Werk Che Guevaras in verschiedenen Ländern und Sprachen veröffentlicht, wobei allerdings verlangt werden müsste, dass die Veröffentlichungen sorgsamer erarbeitet werden.
Etwas völlig anderes ist jedoch das Bestreben, die Urheberrechte an einem moralischen und intellektuellen Erbe der Menschheit zu monopolisieren und für sich zu beanspruchen.

Institutionen, die sich der Verbreitung des Gedankenguts Che Guevaras widmen oder sich mit der Erforschung der historischen Umstände seines Lebens beschäftigen, ebenso wie auf eigene Initiative arbeitende Wissenschaftler auf der ganzen Welt, zu denen ich mich zähle, müssten dann für die Veröffentlichung von Che Guevaras Texten die Erlaubnis von Ocean Press einholen und dafür bezahlen. Ein extremes Beispiel, und natürlich vollkommen inakzeptabel.

Einige der Texte blieben dann als Teil des dokumentierten historischen Erbes Boliviens unveröffentlicht. Denn selbstverständlich bitten wir niemanden um Erlaubnis und werden das auch in Zukunft nicht tun, um diese Texte der Öffentlichkeit zugängig zu machen.

Che gehört niemandem und allen.

 

 


 

 

[1] Im Deutschen erschienen unter dem Titel: Che Guevara, Ernesto. Das magische Gefühl unverwundbar zu sein: Das Tagebuch der Lateinamerika-Reise 1953-1956. KiWi, 2003.

[2] Das spanische Wort „grados“ kann auch mit „Grade“ oder „Ränge“ übersetzt werden, was allerdings auch nicht mehr Sinn ergibt (Anm. d. Übersetzers).

[3] Dieser Fehler bei der Transkription führt zu einem Inhaltsfehler. „Capa“ bedeutet „Schicht“, im Bergbau aber auch „Flöz“, also eine erzhaltige Schicht. Das wäre also genau das Gegenteil dessen, was Che Guevara eigentlich schreibt. Die Schicht, die keine Erze enthält, heißt im Bergbau „Abraum“ (spanisch: „caja“). (Anm. d. Übers.).

[4] Das Wort „socarón“ existiert nicht; es handelt sich um einen Druck- bzw. Übertragungsfehler (Anm. d. Übers.).

[5] Siehe Fußnote Nr. 7. „viaje“ (auf Deutsch „Fahrt“, „Reise“) ist im Spanischen ein maskulines Substantiv, dem korrekterweise der männliche Artikel „un“ vorangestellt werden müsste. „Una viaje“ klingt also in etwa so, als ob man im Deutschen „nach einem … Fahrt“ schriebe.

[6] Ein weiterer Druck- bzw. Übertragungsfehler, der sich nicht sinnvoll ins Deutsche übersetzen lässt. „Bolsa“ bedeutet „Börse“, „Beutel“, „Tüte“, … (Anm. d. Übers.).

[7] Siehe Fußnote Nr. 5.

[8] Anm. d. Übers.

[9] Auch dieser Fehler lässt sich nicht sinnvoll übersetzten (Anm. d. Übers.).


*Ernesto Che Guevara. América Latina. Despertar de un continente.
Gemeinschaftsausgabe des Centro de Estudios Che Guevara (Havanna)
und Ocean Press (Melbourne, New York, Havanna). 2003. S. 523.
Herausgegeben von María del Carmen Ariet García.

 

 

Übersetzung aus dem Spanischen: Franziska Pfab


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