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Die problematischen Beziehungen zwischen Bolivien, Chile und Peru

Autor:  | März 2011 | Artikel empfehlen

Michelle Bachelet und Ivo Morales auf einer UNASUR-Sitzung (Foto: Presidencia de la República de Chile)

Obwohl sie keine diplomatischen Beziehungen mittels Botschaftern unterhalten, erreichten die Regierungen Boliviens unter Evo Morales und Chiles – zunächst unter Michelle Bachelet und nun unter Sebastián Piñera – eine neue Qualität des Dialogs und der Annäherung. Dies gelang trotz tief greifender und umstrittener historischer und geopolitischer Probleme, die beide Länder seit mehr als einem Jahrhundert miteinander haben, während die peruanische Regierung unter Alan Garcia auch 131 Jahre nach Ende des so genannten Salpeterkriegs (spanisch: Guerra del Pacífico) nur eine vorsichtige Prognose wagt.

Der Salpeterkrieg (1879-1883), der für Bolivien den Verlust der Küstengebiete und für Peru den Verlust der Region Arica bedeutete, wurde durch die Interessen britischer Unternehmen an der Guano- und Salpeternutzung forciert. Beide Stoffe waren wichtige Ressourcen für landwirtschaftliche Düngemittel und lösten die erbitterte Rivalität Chiles mit Peru und Bolivien aus.

In den letzten Jahren eröffneten die gegenseitigen Besuche von Morales in Santiago de Chile und von Bachelet in La Paz sowie die anerkennenden Worte von Piñera und Morales neue Perspektiven in den internationalen Beziehungen und machten es möglich, dass die Armeen beider Länder Würdigungen und Maßnahmen zu Ehren ihrer jeweiligen Helden durchführen konnten. In diesem Zusammenhang ist besonders die Auszeichnung von General Antonio Cueto, dem Befehlshaber der bolivianischen Armee, durch chilenische Militärs zu erwähnen, während dem Befehlshaber der chilenischen Streitkräfte, General Miguel Fuentealba, die gleiche Ehrung durch seine bolivianischen Kollegen zuteil wurde.

Dennoch gibt es praktisch keine Aussicht auf eine Lösung des größten Konflikts der beiden Länder – die Forderung Boliviens nach einem souveränen Zugang zum Meer. Dies wird durch die Aussagen des Konservativen Sebastián Piñera und des Außenministeriums in Santiago unterstrichen, dass es in dieser Angelegenheit einer äußerst vorsichtigen Herangehensweise bedürfe, obwohl andere binationale Themen durchaus auf den außenpolitischen Agenden beider Länder stehen.

Diese diplomatische und geopolitische Lage gestaltet sich durch die nicht zurückzuweisende Klage der peruanischen Regierung gegen Chile vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Beschränkung von Land- und Seerechten im Grenzgebiet noch vertrackter. Diese Klage ist zu einem strategischen Schachzug geworden, in dem Bolivien eine wichtige Rolle spielt, obwohl dahingehend keine offizielle Diskussion geführt wird.

In diesem Konflikt haben die Regierungen in Santiago und Lima, erstere durch ihren Generalkonsul und letztere durch ihre Botschaft, darauf gesetzt, eine bestimmte Haltung Boliviens zu erreichen, die ihre jeweiligen Erwartungen unterstützt. Wenige Monate vor der endgültigen Entscheidung durch den in solchen Angelegenheiten zuständigen Internationalen Gerichtshof haben beide Regierungen all ihr diplomatisches Geschick aufgeboten.

Entscheidend ist in diesem Fall die weiterhin bestehende Hoffnung Boliviens auf ein souveränes Gebiet an der Meeresküste zwischen den Staatsterritorien Perus und Chiles, entweder dort, wo der internationale diplomatische Konflikt angesiedelt ist, oder auf dem Gebiet, das vor dem Krieg bolivianisch war und heute von Chile kontrolliert wird, was jedoch Chiles territoriale Einheit zerstören würde.

Bei einem Treffen in La Paz im vergangenen Juli entwickelten die Vize-Außenminister Boliviens und Chiles, Mónica Soriano und Fernando Schmidt, eine Agenda mit 13 Punkten, viele davon sensibel für die Absichten beider Länder. Auch wenn maritime Themen diskutiert wurden, so waren sie doch zweitrangig in Anbetracht der Tatsache, dass andere Themen von größerem Belang waren.

Die Forderung nach maritimer Souveränität ist seit mehr als einem Jahrhundert ein Fixpunkt im bolivianischen Kollektivgedächtnis. Sie führte 1963 zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen, als Chile den Fluss Río Lauca umleitete, und ermöglichte im Jahr 1975 ein Treffen der Diktatoren Hugo Banzer und Augusto Pinochet, die so genannte Vereinbarung von Charaña (auch „Umarmung von Charaña“, spanisch: Abrazo de Charaña ). 2003 wurde sie zum populärsten Schlagwort der nationalen und gesellschaftlichen Mobilmachung, die den damaligen Präsidenten Gonzalo Sanchez de Lozada aus dem Amt vertrieb, weil er über den Verkauf von Erdgas an Chile nachdachte.

Und es gibt weitere Konfliktpunkte: die gewerbliche Nutzung der Wasserreserven aus den Quellen von Silala durch chilenische Unternehmen seit nunmehr einhundert Jahren. Bolivien betrachtet sie als Hochmoor auf bolivianischem Staatsgebiet, während Chile die Wasserläufe der Silala-Quellen als internationalen Fluss ansieht, ohne dass eine Zahlung dafür erforderlich wäre. Die Bevölkerung von Potosí fordert eine rückwirkende Zahlung für das genutzte Wasser, während die chilenische Regierung lediglich bereit ist, 50 Prozent zu zahlen und das ab dem gegenwärtigen Zeitpunkt. Chile weigert sich, in irgendeiner Form rückwirkend für das seit einem Jahrhundert verbrauchte Wasser zu zahlen.

Außerdem diskutierte Themen sind die sehr vorteilhaften Handelsbeziehungen nach Chile, da Bolivien chilenische Häfen für seine Import- und Exportgeschäfte nutzt und die Erfüllung einst gemeinsam beschlossener Vereinbarungen fordert, die jedoch nicht anerkannt werden, da die Häfen inzwischen privatisiert wurden. Und es bleibt das Thema der bereits von der chilenischen Armee begonnenen Beseitigung von Antipersonenminen, die Chile einst im Grenzgebiet „gesät” hat.

Bolivien (Karte: University of Texas at Austin)

Im Jahr 1904, 25 Jahre nach Ende des Salpeterkrieges, wurde der bolivianisch-chilenische Friedens- und Freundschaftsvertrag unterzeichnet, demgemäß Bolivien auf seine Rechte über die Küstenregion verzichtet, im Tausch für den Bau einer Eisenbahnlinie. 1929 unterschrieben Chile und Peru den Bogotá-Pakt, der die Grenzen beider Länder festlegt. Zudem verpflichtet sich Chile darin, ehemals peruanische Gebiete nicht an Dritte abzutreten.

Diese internationalen Vereinbarungen haben zu zahlreichen Thesen hinsichtlich der bolivianischen Forderung geführt: a) ein souveräner Meereszugang durch chilenisches Gebiet, wobei dessen Einheit zerstört würde, b) ein souveräner Zugang durch einst peruanisches Gebiet unter Übergehung eines Vetos von Seiten Perus, c) die Schaffung eines trinationalen Gebietes mit geteilter Hoheitsgewalt an der chilenisch-peruanischen Grenze, d) die freie Nutzung chilenischer Häfen mit bolivianischer Verwaltung, aber ohne vollständige Souveränität.

Die Regierung steht vor einer Herausforderung: die historische Forderung aufkündigen, dadurch grundlegende Fortschritte machen und eine internationale Politik in einem für Bolivien besonders wichtigen Thema festigen. Oder aber auf dem bisherigen Weg bleiben und so neue Enttäuschung im Land auslösen, wohl wissend dass vor kurzem der konservative Piñera in Chile die Amtsgeschäfte übernahm und dass noch bis zum nächsten Jahr Perus Alan Garcia im Amt ist, mit dem man nicht gerade die besten Beziehungen der Geschichte pflegt.

Beitrag erschienen auf Bolpress. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Online-Magazins.

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Übersetzung aus dem Spanischen: Katja Schmiedgen

Bildquellen: [1] Presidencia de la República de Chile; [2] University of Texas at Austin


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