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Interview mit Dr. Germán Muruchi Poma
Grünes Licht für Lithium-Abbau in Bolivien (2. Teil)

Autor: und:  | September 2015 | Artikel empfehlen

Bolivien: Lithiumgewinnung im Salar de Uyuni mit Kegeln der TU Freiberg - Foto: Quetzal-Redaktion, Ariane SchönDu hast schon Prof. Voigt und die TU Freiberg erwähnt. Die TU Freiberg hat damals zusammen mit der Universität Tómas Frías in Potosí versucht, alternative Technologien zum Lithiumabbau im Salar de Uyuni zu entwickeln. Wurde das weiterbetrieben? Es gab ja wohl Bestrebungen eines Tests in der Gemeinde Tahua…

Diese Technologie …, das war schon ein Vorzeigeprojekt. Es sollte eigentlich auch in eine Pilotanlage münden. Und es war keinesfalls als eine großskalige Produktion gedacht… Also, das Projekt wurde nicht weiter verfolgt… In Deutschland ist ein Patent angemeldet worden; von der bolivianischen Seite, glaube ich, auch. Und dabei ist es geblieben.

Man muss hierzu Folgendes sagen: 2006, als Evo Morales an die Macht kam, haben sie an der Uni Potosí gesagt, dass jetzt die Zeit gekommen sei, um Lithium abzubauen. Und wir haben dann den Kontakt zu Jaime Clarus aufgebaut, einem Ingenieur, der in Freiberg studiert hat und der auch an der Uni Potosí gearbeitet hat. Er hat dann die Idee zusammen mit Prof. Voigt ausgearbeitet und ein Projekt erstellt. Die Uni Potosí hatte dann auch Kontakt mit Evo Morales. Er hat wohl, nach Auffassung von Jaime Clarus, zugestimmt und gesagt: Okay, wir machen das. Wir werden das Geld investieren…

Ich vermute, aber das kann ich nicht beweisen, dass inzwischen die Gruppe um den jetzigen Verantwortlichen von GNRE, Ing. Luís Alberto Echazú, an Einfluss gewonnen hat. Warum sage ich das? Ich kenne beide Gruppierungen, die um Jaime Clarus und die um Echazú. Jaime Clarus war Mitglied der kommunistischen Jugendpartei und dann der Kommunistischen Partei Boliviens, aber Richtung Moskau. Das waren die sogenannten moscauvitas. Echazú kenne ich auch. Er ist ebenfalls Mitglied der Kommunistischen Partei, aber eben Richtung Mao Zedong/Peking. Und meine Vermutung ist, dass es zu einem internen Machtkampf kam, bei dem sich Echazú durchgesetzt hat. Und dann hat man das Projekt der TU Freiberg und der Universität Potosí zum Stillstand gebracht.

Die chinesische Firma, die du erwähnt hast, kam die dann auch durch ihn?

Natürlich. Die haben ja alles organisiert. Und heutzutage ist offensichtlich, dass die bolivianische Regierung gute Beziehungen mit China hat…

Aber ich finde dieses Projekt, das die TU Freiberg und die Universität Potosí entwickelt haben, sehr interessant. Es sollten diese Kegel aufgebaut werden. Und es erschien möglich, dass Kooperativen oder Familien oder auch Privatpersonen Lithium in einer ersten Phase gewinnen könnten und dann an ein staatliches Unternehmer abgeben. Das staatliche Unternehmen verarbeitet es weiter und verkauft es. Diese Idee finde ich sehr gut. Aber man hat das Projekt und diese Technologie gestoppt.

Ich weiß, Echazú ist später in Berlin gewesen und hat telefonisch wohl auch mit Prof. Voigt gesprochen. Wir wissen nicht, was der Inhalt war. Aber ich vermute, dass es in Bolivien einen gewissen Druck gab: Warum hat die bolivianische Seite noch keine Ergebnisse? Deshalb dann die Gespräche mit der Uni Potosí und der TU Freiberg. Offensichtlich haben beide ihre Forderungen gehabt. Und die wurden nicht erfüllt. Also, das ist eine traurige Sache…

Als „Ayni“ wollten wir uns am Anfang auch engagieren. Diese Technologie war für mich zunächst sehr, sehr suspekt. Als ich mich dann aber intensiv damit beschäftigt habe, kam ich zum Ergebnis, dass dies eigentlich die Technologie ist, die man in Bolivien anwenden sollte. Es ist eine gute Alternative. Aber es ist ja eine Technologie, für die die TU Freiberg und Potosí Patente haben. Man kann das vielleicht irgendwie lösen. Keine Ahnung. Leider ist es in Bolivien so, dass man politischer Entscheidungsträger sein muss, um Sachen zu bestimmen. Ja, es ist nun mal leider so…

Bolivien: Indigene - Foto: Quetzal-Redaktion, wdDie Kegeltechnologie hat ja vor allem auch den Vorteil, dass sie soziale Belange mit berücksichtigt. Du hast immer wieder betont, dass die Indigenen in der Region nur marginal in die Planung zur Lithiumgewinnung im Salar de Uyuni eingebunden werden. Hat sich an der Lange etwas geändert?

Also, ich muss Folgendes feststellen: Der kapitalistische Kolonialismus in Bolivien wird durch den linken Kolonialismus fortgesetzt. Das ursprüngliche Konzept der Plurinationalität, das ist eine großartige Idee, die nicht durchgesetzt wird. Denn wenn man die plurinationale Identität durchsetzt, dann würde man natürlich die entsprechenden Machtverhältnisse haben, bei denen dann zum Beispiel die Bewohner von Potosí Vertreter im Parlament haben und sagen: Moment, so geht’s nicht. Und deshalb sage ich, dass der linke Kolonialismus uns glauben machen will, dass wir [die Indigenen, Anm. d. Verf.] alles einsehen. Die Mittelschicht, v.a. die in den Städten, ist immer noch dominant. Sie will ihre Interessen durchsetzen und das die andere Bevölkerung nach wie vor unten bleibt. Und das versteht die Linke nicht. Sie versteht nicht, dass in solchen Ländern wie Bolivien nach wie vor der Kolonialismus besteht. Deshalb muss man diesen Kolonialismus nach und nach beseitigen, aber nicht nach der europäischen Vorstellung von Nation, sondern durch eine Vorstellung von Plurinationalität. Nur so kann man vorwärts kommen.

Die Regierung von Evo Morales und auch die Indigenen haben natürlich einen Fehler gemacht. Sie haben gesagt, dass es in Bolivien 36 Nationen als Kulturnationen gibt. Man hat auch gesagt, dass es Mestizen und die weiße Bevölkerung gibt. Aber man hat die Mestizen und die weiße Bevölkerung aus der Verfassung ausgeschlossen. Das ist ein großer Irrtum. Man hätte sagen können, es gibt 36 indigene Nationalitäten und eine weiße Nationalität und die Mestizen. Dann hätten alle das Recht, an der Regierung teilzunehmen. So hat man sie ausgeschlossen. Deshalb haben die weiße Bevölkerung und die Mestizen ihre Strategien entwickelt, um die Masse zu unterwandern und wieder an die Macht zu kommen. Jetzt haben wir wieder eine Regierung, die eigentlich nicht die Indigenen vertritt, sondern eigentlich nach wie vor die Oligarchien.

Es ist leider so. Es hat sich nichts geändert, mehr noch, es hat sich verschlechtert. Im Mai 2014 wurde das neue Minengesetz verabschiedet. In diesem Minengesetz ist vorgesehen, dass die Departamentos, wie das Departamento de Potosí, und Kommunen, wie Uyuni usw., keine eigenen staatlichen Unternehmen aufbauen dürfen, noch können sie sich an staatlichen Unternehmen beteiligen. Lithium ist ein Rohstoff. Gemäß dem bolivianischen Gesetz kann nur eine zentralstaatliche Stelle Staatsunternehmen aufbauen. Es gibt dann also meines Erachtens keinen Unterschied zwischen der Somitomo Corporation in San Cristóbal, dem japanischen Unternehmen, das in Posotí arbeitet, und einem staatliche Unternehmen. Es wird nach wie vor die praktische Teilnahme der Bewohner vor Ort ignoriert.

Hinzu kommt noch ein wichtiger Punkt: Viele Indigene sind immer noch ausgeschlossen, obwohl Evo Morales an der Macht ist. Deshalb gibt es nach wie vor das Bestreben, dass die Indigenen an der Macht teilhaben…. Und dass auch eine Ausbildung der Fachkräfte geschieht. Es gibt zum Beispiel Vorschläge, dass man in Uyuni eine Universität oder eine Fachschule für Lithium aufbaut. Diese Idee wird nicht angenommen, weil die Politiker ihre eigenen politischen Interessen verfolgen. Und das ist sehr schade.

Bolivien: Demonstration - Foto: Quetzal-Redaktion, Nico JimenezWie haben entsprechend die Indigenen vor Ort auf die Vertragsunterzeichnung reagiert? Hat die Federación Regional Única de Trabajadores Campesinos del Altiplano Sur wieder zu Protesten aufgerufen, oder versucht man jetzt erst mal in Ruhe abzuwarten?

Im Juni/August kam es zu einem revolteartigen Protest im Departamento Potosí. Die Bürgerbewegung COMCIPO hat zu einem Generalstreik aufgerufen. Dann sind sie von Potosí nach La Paz marschiert. Allerdings ging es bei den Forderungen nicht nur um Lithium. Andere Forderungen bestanden vor allem hinsichtlich der Autonomie. Und sie hatten damals vorgeschlagen, dass das neue Minengesetz geändert werden sollte, nämlich dahingehend, dass auch sie die Möglichkeit hätten, ein regionales Unternehmen zu gründen oder sich an staatlichen Unternehmen beteiligen zu können. Es wurde nichts erreicht. Dieser Widerstand hat etwa drei Wochen gedauert, und die bolivianische Regierung hat alles unternommen, damit diese Bewegung scheitert. Das Einzige, was erreicht wurde, ist, dass Evo Morales an Popularität in Potosí verloren hat. Es ist klar, dass die MAS, wenn man heutzutage zu einer Wahl aufrufen würde, in Potosí nicht gewänne. Das ist das Einzige.

Nun muss man aber auch sagen, dass FRUTCAS, die Federación Regional Única de Trabajadores Campesinos del Altiplano Sur, fest in den Händen der MAS, also der Regierung, ist. Wir wissen auch, dass einige von ihnen in dem Projekt arbeiten, vor allem die führenden Leute. Und so wurde dann eigentlich jeglicher Widerstand dort unterbunden.

Es gibt außerdem noch Grenzstreitigkeiten zwischen zwei Provinzen: zwischen der Provinz Nor Lípez und der Provinz Daniel Campo. Der Ort Lípez, wo sich die Lithiumanlage befindet, gehört zur Provinz Daniel Campo. Und die bolivianische Regierung nutzt diese Streitigkeiten zu ihrem Vorteil.

Wir haben jetzt schon intensiv über die technologischen, sozialen und politischen Aspekte gesprochen. Aber der Salar de Uyuni ist ja auch ein seltenes Naturphänomen. Viele befürchten, dass die Lithiumförderung die Landschaft verschandelt. Und schlimmer noch ist die Frage nach dem Wasserverbrauch in dieser Region. Welche Lösung wird hierfür angestrebt? Hat K-Utec ein Rezept? Oder wird ins Auge gefasst, das Grundwasser der Region zu nutzen?

Ja, das ist eine wichtige Sache, die man im Auge behalten muss. Ich nenne diese Politik, die jetzt in Bolivien durchgeführt wird, eine Politik der Verachtung der Natur. Ich sehe auch hier keinen Unterschied zu dem, was ein internationaler Konzern macht, und dem, was die staatlichen Unternehmen machen. Wir wissen beispielsweise, dass der Wasserverbrauch des japanischen Unternehmens in San Cristóbal den Grundwasserspiegel gesenkt hat. Es gab hierzu viele Beschwerden. Bis jetzt hat die bolivianische Regierung aber nichts erreicht.

Auch wir haben eine interessante Studie in einem Heft herausgegeben und in Bolivien verteilt. Auch an die bolivianische Regierung und an GNRE. Darin haben wir die Probleme in Bezug auf das japanische Unternehmen erwähnt. Und wenn jetzt auch noch das staatliche Unternehmen für den Lithiumabbau kommt und das Wasser der Region verbraucht, dann wird es mittelfristig und langfristig Probleme geben. Ich hoffe, dass die bolivianische Seite, vor allem in Potosí, sich bewegen wird und nach Lösungen sucht, damit dann nicht die Wasserknappheit, die schon jetzt besteht, noch verschlimmert wird.

Bolivien: Quinoa-Plantage - Foto: Quetzal-Redaktion, MuruchiDas zweite Problem ist der Tod der Quinoaproduktion ringsum um den Salar de Uyuni und dem Salar de Coipasa, das ist der zweitegrößte Salar. Man kann sich jetzt schon ausrechnen, wenn der Grundwasserspiegel sinkt, wie man für die Zukunft befürchtet, dass die Produktion in Gefahr ist. Obwohl Quinoa wenig Wasser braucht, wissen wir, dass diese Feuchtigkeit langsam in der Erde absinken wird. In der Region wird sich also die Ökologie verändern. Ich denke, das hat die bolivianische Seite nicht in ihren Planungen berücksichtigt.

Und dann gibt es noch einen wichtigen Aspekt, und zwar die regionale Versorgung mit einheimischen Lebensmitteln. Es werden dort Kartoffel angebaut, Olluco, Oca, und es werden auch Lamas gezüchtet. Das sind die Grundlagen für die Ernährung der Bevölkerung vor Ort. Und wenn jetzt in Massen Wasserbecken gebaut werden, dann wird das am Ende wirklich viele Probleme für die Bevölkerung mit sich bringen. Ich habe gelesen, dass zurzeit etwa 250 Hektar Wasserbecken gebaut werden. Das sind dann ungefähr 250 Fußballplätze, und sie haben die Absicht, tausende Becken zu machen. Deshalb denke ich, dass es wichtig ist, dass man die Bevölkerung aufklärt. Denn zurzeit gibt es keine Aufklärung der Bewohner, was ist eigentlich der Lithiumabbau und was bringt der Lithiumabbau mit sich.

Für die bolivianische Regierung und Bolivien ist Lithium natürlich wichtig. Heutzutage ist es vor allem wichtig, weil die Erdgasproduktion abnimmt und jetzt auch der Preis heruntergeht. Daher gibt es jetzt so eine Art Notlage und die Bestrebungen, den Lithiumabbau weiter auszubauen. Aber deshalb ist es auch wichtig, dass die Bevölkerung über die Auswirkungen des Lithiumabbaus unterrichtet wird. Ich sehe hier, dass die bolivianische Regierung eine Politik der Blindheit gegenüber der Natur verfolgt. Sie vergisst eigentlich das, was sie einmal am Anfang gesagt haben. Wir möchten die Muttererde verteidigen, wir möchten das buen vivir. Davon ist nichts geblieben. Das ist schade.

Wie geht es jetzt weiter? Wird das alles umgesetzt werden?

Ich denke, die bolivianische Regierung hat keine andere Alternative, als das alles durchzusetzen.

Wir haben aber in der erwähnten Broschüre darauf hingewiesen, und viele Kontakte, die wir in Bolivien haben, sehen das genauso, dass die bolivianische Regierung auf die Produktion von Quinoa setzen sollte. Man könnte ja hierzu eine Forschungsanlage aufbauen und die Industrialisierung von Quinoa vorantreiben. Nicht nur in dem Salar, sondern auch woanders. Aber soviel ich weiß, hat die staatliche Seite für die Quinoaproduktion vielleicht 100 Millionen US-Dollar ausgegeben; für den Lithiumabbau ist etwa 1 Milliarde US-Dollar vorgesehen.

Es gibt aber einen große Unterschied: Der Lithiumabbau, sagen sie, wird etwa 50 Jahre oder 100 Jahre Rendite erzielen. Aber wenn man in großen Dimensionen denkt…. Potosí lieferte auch 500 Jahre Silber. Und was ist geblieben? Da sind nur Löcher geblieben… Wenn man dann in 50 oder 100 Jahren auf den Salar de Uyuni blickt, dann bleiben wahrscheinlich auch nur ein ausgetrockneter Salzsee und eine Verwüstung der Ort.

Deshalb sollte man meines Erachtens anders denken, statt nur auf einen Rohstoff zu setzen, der, wenn man Batterien produziert, dann weg ist. Das ist ein relativ kurzfristiger Aktionismus, der sich momentan lohnt, aber am Ende nichts bringt.

Aber die Quinoa, die kann noch in 500 Jahren, 1000 Jahren leben und Geld und Einkommen für die Familien in Potosí bringen. Seit der Kolonialisierung hat sich niemand an diese Kleinbauern erinnert. Sie haben immer in Subsistenz gelebt, immer nur auf dem Existenzminimum. In den letzten zehn Jahren wurde die Quinoa populär, und sie haben das erste Mal mehr Einkommen gehabt. Jetzt droht die Gefahr des Wassermangels – wegen dem Lithiumabbau. Aber die bolivianische Regierung hat bis jetzt immer gesagt: Habt keine Angst. Es wird keine Probleme mit dem Wasser geben usw.

Also, eigentlich werden die Kleinbauern in Unwissenheit gehalten. Und ich hoffe, dass wir dazu beitragen können, dass Aufklärungsarbeit gemacht wird. Vor allem denke ich, ist es wichtig, dass sich „Ayni“ und andere Nicht-Regierungsorganisationen in Bolivien und in Deutschland einigen und eine Art Front machen, um Studien zu entwickeln: in Bezug auf den Wasserverbrauch, zur Quinoaproduktion, zu all den Alternativen, die dort existieren. Damit können die Quinoaproduzenten informiert werden, und vielleicht gelingt so doch noch eine Wende in der Politik. Es muss ja nicht unbedingt an eine Mengenproduktion gedacht werden, so dass Bolivien nur noch von Lithium lebt. Wir haben die Erfahrungen mit Silber, mit Zinn gehabt, jetzt mit Erdgas. Diese Mentalität zu brechen, ist unglaublich schwer.

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Den ersten Teil des Interviews finden Sie hier.

Bildrechte: [1] Quetzal-Redaktion, Ariane Schön; [2] Quetzal-Redaktion, wd; [3] Quetzal-Redaktion, Nico Jimenez; [4] Quetzal-Redaktion, rumi


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