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Ayahuasca Tourismus in Amazonien

Autor:  | November 2015 | Artikel empfehlen

Peru: Ayahuasca - Foto: Sascha GrabowDie Tourismusindustrie mit dem Halluzinogen Ayahuasca (auch Yajé, Natem, Hoasca, etc.) in den Regenwaldgebieten Ecuadors, Perus, Boliviens, Kolumbiens und Brasiliens blüht. Eine Vielzahl von Heilungs- und spirituell Suchenden aus dem globalen Norden (meist Europa, USA und Kanada) interessieren sich zunehmend für die bewusstseinserweiternde Substanz. Besonders beliebt sind kostspielige Komplettangebote, bei denen die Touristen einige Wochen in extra für sie angelegten Dschungel-Lodges verbringen und an mehreren Ayahuasca-Zeremonien teilnehmen.

Ayahuasca ist ein Pflanzengemisch, das meist aus der Liane Banisteriopsis caapi und den Blättern des Strauches chacruna (Psychotropia viridis) zubereitet wird, indem man es mehrere Stunden kocht. Es können aber auch weitere Pflanzen in niedrigeren Dosierungen beigefügt oder – seltener – eine Zubereitung von reinem Banisteriopsis caapi verwendet werden. Das Gemisch enthält u.a Dimethyltryptamin (DTM) sowie Harman Alkaloide, die zusammen eine psychoaktive Wirkung haben. Beide, jedoch vor allem DTM, gelten in mehreren Ländern (z.B. den USA) als verbotene Substanzen.

Im Amazonasbecken ist der Gebrauch des Ayahuasca in die animistische Weltanschauung eingebunden. Der Animismus ist die Vorstellung von der Beseeltheit aller Erscheinungen, d.h. aller Tiere, Pflanzen, Berge, Flüsse, usw. Die animistische Weltanschauung bedeutet, dass alle Erscheinungen, in diesem Fall alle Tiere und Geister (Geister der Flüsse, Berge, Pflanzen, etc.), ein gleiches Inneres und lediglich ein unterschiedliches Äußeres haben. Man geht davon aus, dass sowohl jeder Mensch als auch jede Pflanze und jedes Tier in Gemeinden wohnt, in denen er/sie/es sich an gewisse soziale und moralische Regeln hält, Güter austauscht und in Rituale eingebunden ist. Spirituelle Größen wie die Schamanen können sogar in der Lage sein, ihre Seele von ihrem menschlichen Körper in den Körper eines Tieres (eine Art Alter Ego) reisen zu lassen. Ayahuasca wird in diesem animistischem Zusammenhang in den Bereichen der Kriegskunst, der Jagd und der Heilung (körperlicher und geistiger Leiden) angewendet. Es gibt zwei gängige Formen der Ayahuasca-Praktik. Bei der einen nimmt nur ein spiritueller Leiter (Schamane, Curandero, o.ä.) das Ayahuasca ein und handelt die jeweilige Krankheits-, Kriegs- oder Jagdangelegenheit mit der Geisterwelt aus, während bei der anderen eine Gruppe agiert, in der alle Teilnehmer die Substanz einnehmen, einerseits um Identitätsgefühle zu stärken und andererseits „um zu sehen“, was durchaus auch einen unterhaltenden Faktor haben kann. Die ausgelösten Bewusstseinszustände werden als Kontaktaufnahme mit der Geisterwelt interpretiert, die im Animismus ihre feste Struktur und Logik hat. Die Konsumenten handeln meist verschiedene Anliegen mit den jeweiligen Wesen dieser Geisterwelt aus, die dann direkte Auswirkungen auf ihre Lebenssituation haben.

Die brasilianischen Ayahuasca Religionen Santo Daime, União do Vegetal (UDV) und Barquinha, die bereits in den 1920/30ern gegründet wurden, machten das Ayahuasca im Rahmen eines christlichen Synkretismus einer etwas breiteren und urbanen Menge zugänglich. Diese erlernten und verbreiteten die Form der Ayahuasca-Praktik, in der alle Teilnehmer die Substanz einnehmen. Bereits seit den 1960ern wurde Ayahuasca über die Literatur von Anthropologen sowie von einigen wenigen Abenteurern auch in Europa und Nordamerika bekannt. Heutzutage gibt es eine lange Liste an Interessenten dieses Kulturereignisses, angefangen bei Anthropologen bis hin zu New-Age-Anhängern. Vor allem letztere bilden einen großen Teil der Ayahuasca-Touristen, die das immer größere und einfacher zugängliche Angebot nutzen.

Der Ayahuasca-Tourismus hat viele Gesichter: Ayahuasca-Center, All-Inclusive-Pakete, einzelne Ayahuasca-Zeremonien über Agenturen und Hostels vermittelt. Die Interessenten können aus einem breiten Angebot mit „authentischen“ und weniger „authentischen“ Optionen wählen. Jetzt kann man sich als Leser fragen, was der Anreiz dabei ist, viel Geld für eine wenig komfortable Dschungel-Lodge, mehr oder weniger strenge Diäten, einen bitteren Trunk und Unwohlsein während der Zeremonien zu bezahlen (Ayahuasca hat eine sehr stark abführende Wirkung). Die Touristen kommen aus unterschiedlichen Gründen. Zum Einen hat man jene, die aufgrund einer schweren Krankheit oder eines seelischem Traumas Hilfe auf alternativem Weg suchen (nicht selten als letzte Instanz nach einer Reihe von konventionelleren Versuchen). Und zum Anderen solche, die auf der Suche nach einer aufregenden, neuen Erfahrung sind (von Literatur und Erzählungen ermutigt) und meist einen spirituellen Hintergrund haben. Es handelt sich bei beiden Fällen, die nicht die einzigen typischen Fälle sind, um eine Form der Suche. Gesucht wird das Spirituelle, von dem man glaubt, dass es „im Westen“ durch Industrialisierungs- und Modernisierungsprozesse verloren gegangen ist. Dabei werden oft, wie z.B. im New Age, mehrere indigene Ritualstrukturen, Weltanschauungen und Therapiemethoden vermischt. In der Literatur, in Filmen und sonstigen Medien wird oft das Bild des „edlen Wilden“ vermittelt, d.h. des Indigenen, der naturverbunden und ökologisch lebt und über eine Vielzahl spiritueller Weisheiten verfügt, die aus der 1000jährigen Tradition der Geschichte seiner Ethnie stammen und seit jeher weitergegeben werden. In diesen Indigenen wird nun alles hineinprojeziert, was der Europäer/Amerikaner nicht ist – primitiv, exotisch, traditionell, spirituell, naturverbunden, etc. Damit entsteht eine Dichotomie zweier Punkte, die z.B. der Orient und der Okzident (siehe E. Said „Orientalismus“) heißen können und eine Struktur widerspiegeln, die schon aus der Dichotomie zwischen Tradition und Moderne bekannt ist. Durch diese Denkstruktur, die fest in den Köpfen verankert zu sein scheint, entsteht ein ganz bestimmtes Bild des „Indigenen-Ayahuasca-verabreichenden-Anderen“ aus der Sicht des „Westlers“. Auf diesem Bild basieren Vorstellungen, Erwartungen und Anforderungen des Touristen an das jeweilige Individuum, das ihm/ihr Ayahuasca verabreicht. Dieses Erwartungsbild sieht folgendermaßen aus: Die Person, die mit den Touristen die Ayahuasca-Zeremonien durchführt, soll ein indigener Schamane sein (und, um sich dessen sicher zu sein, möglichst auch „indigen aussehen“), sich entsprechend „traditionell“ kleiden, einen nachhaltigen und ökologischen Lebensstil pflegen, bescheiden, verantwortungsbewusst, moralisch und möglichst nicht zu wohlhabend sein. Die Zeremonie soll nach strengen Regeln ablaufen und das Gefühl vermittelt werden, dass der spirituelle Führer alle Teilnehmer in ein großes Geheimnis seiner „uralten“ Kultur einweiht.

Ecuador: Zubereitung von Ayahuasca - Foto: TerpsichoreNatürlich entsprechen diese Erwartungen nicht der Wirklichkeit. Ayahuasca-Praktiker gibt es sowohl unter den Indigenen als auch unter den Mestizen (Nachkommen indigener und europäischer Vorfahren) und Gringos (Europäer oder Amerikaner). Die Ayahuasca-Praktik hat (wie alle Kulturphänomene) eine Vielzahl von geschichtlichen und sozialen Stationen durchlaufen, in denen sie transformiert, d.h. neu ausgehandelt, und verbreitet wurde. So z.B. während der Zeit der ersten Jesuitenmissionen und Rubber Camps (Lager der Gummiarbeiter), in der viele verschiedene Gruppen von Indigenen, Bauern und Gummiarbeitern in neuen Siedlungsstrukturen lebten und verschiedene kulturelle Praktiken nebeneinander praktiziert wurden sowie Identitäten neu ausgehandelt werden mussten. Bereits zu dieser Zeit lernten u.a. Mestizen (oft Bauern) den Ayahuasca-Schamanismus kennen und wandten ihn auf ihre Heilpraktiken an, wodurch christliche Elemente in den Ablauf miteinbezogen wurden. Die urbane mestizische Ayahuasca-Praktik nennt sich vegetalismo und vereint indigene Ideen mit Katholizismus und europäischer Esoterik. Anthropologen sind sich z.T. uneinig, ob es sinnvoll ist, indigene und mestizische Ayahuasca- Praktiken zu trennen, da sie so sehr voneinander beeinflusst sind. Die in der wissenschaftlichen Literatur viel diskutierte Bezeichnung „Schamane“ (und „Schamanismus“) wird gern durch den Touristen auf den Heiler oder spirituellen Leiter angewendet, bleibt aber meist eine Fremdbezeichnung bzw. wird von vielen Praktizierenden nur verwendet, um sich an Gringos zu richten. In den lokalen Sprachen gibt es eine Vielzahl von Ausdrücken dafür, wie z.B. Curandero, Taita, Banco etc., die in einigen Fällen der Bedeutung des „Schamanen“ nahe kommen oder sich zumindest auf Personen beziehen, die über viel Wissen zu Heilpflanzen verfügen. Viele der sich für die Gringos als „Schamanen“ ausgebenden Individuen sind jedoch keine, da sie keine Schamanenausbildung absolviert und somit das notwendige Wissen nicht haben (Scharlatanerie). „Traditionelle“ Kleidung wird (ohne anwesende Touristen) nur noch in den seltensten Fällen getragen. Auch der nach christlichen Werten moralische Schamane ist eher eine westliche Projektion, da im Schamanismus sowohl das Gute als auch das Böse gleichzeitig präsent ist. Der Schamane ist immer beides. Er kann gleichzeitig Heiler als auch Hexer sein. Besonders wohlhabende Schamanen gab es hingegen vor der Tourismusentwicklung scheinbar wirklich nicht. Die „uralte“ Tradition des Ayahuasca-Trinkens ist aber, wie bereits angedeutet, nicht wirklich uralt, sondern in einem ständigen Aushandlungsprozess Stück für Stück zu dem geworden, was sie jetzt ist (in all den mögliche Variationen) und z.T. sogar sehr jung. Von einigen Ethnien, wie z.B. den Shipibo-Konibo aus Peru, die den Ruf der „Masters of Ayahuasca“ haben, ist bekannt, dass diese die Praktik erst vor ca. 200 Jahren adoptierten. Über das genaue Alter des Ayahuasca streiten sich jedoch die Anthropologen bis heute (u.a. aufgrund der verschiedenen möglichen Zusammensetzungen).

Die Indigenen, Mestizos und sonstigen Akteure reagieren auf die Erwartungen der Touristen in verschiedener Weise. Es kommt zu einer Vielzahl von Transformationen und Neudefinitionen aufgrund des Einflusses durch den Tourismus; Neudefinitionen aufgrund der Änderung äußerer Umstände begleiten und formen jedes Kulturphänomen, Kultur ist ein andauernder transformativer Prozess. Nachdem das wachsende Interesse der „Fremden“, d.h. in dem Fall Anthropologen, Journalisten und Touristen, an Ayahuasca von der lokalen Bevölkerung wahrgenommen wurde, wurden viele dieser „Fremden“ eingeladen, einer Zeremonie beizuwohnen, da diese dazu diene zu erkennen und zu „sehen“, d.h. das wahre Wesen der fremden Person kennenzulernen, vor allem, um sich zu versichern, dass diese/r Fremde der Gemeinde keinen Schaden bringen wird und dass z.B. die Ahnengeister sie/ihn akzeptieren. Der Schamanismus setzt sich stets mit „dem Anderen“/ „dem Fremden“ auseinander, in Form von unbekannten Menschen oder Wesen der „anderen Welt“ (der Geisterwelt). Die Ayahuasca-Praktiken sind, wie bereits angedeutet, regional sehr unterschiedlich. Von dem heilenden Schamanen, der in seinen Sitzungen allein das Halluzinogen konsumiert, um mit der Geisterwelt zu kommunizieren und die verlorene Seele des Kranken zurück in die Welt der Lebenden zu holen (neben seinen weiteren Aufgaben als Schamane), über das Ritual einer Gruppe von Männern, die Kriegs- oder Jagdangelegenheiten mit einigen Wesen der Geisterwelt aushandeln, ihre Gruppenidentität stärken und Allianzen bilden, bis hin zur Nutzung des Ayahuasca in regelrechten Massenzeremonien als sakrale Substanz, die den Kontakt zu Gott zulässt und sonstigen urbanen Praktiken wie z.B. dem vegetalismo. Durch die erhöhte Nachfrage „westlicher“ Touristen hat sich eine weitere Form der Ayahuasca-Praktik herausgebildet. Diese Form richtet sich ziemlich genau nach den Erwartungen der Touristen, d.h. die Ayahuasca-Zeremonie wird meist in kleineren Gruppen in einer sehr ritualisierten Form abgehalten, in der der spirituelle Leiter (ob Schamane oder nicht) immer als Schamane bezeichnet wird und ein „traditionelles“ Gewand trägt, sehr oft an die Gewänder der Shipibo-Konibo aus dem Ucayali-Gebiet Perus angelehnt, welche durch ihre aufwändigen Musterungen (auch in Keramik, Hausbau etc. wiederzufinden) bekannt wurden und nun unter vielen Touristen als besonders authentisch, da besonders indigen gelten. Viele Momente der Zeremonie lassen sich jedoch auch an verschiedenen Orten des Amazonasbeckens wiederfinden, wie das Segnen des Trunkes durch Tabakrauch, etc. Es gibt aber auch einige Momente, die, je nach geographischer Lage, unterschiedlich behandelt werden. So gibt es Gruppen, die einige Tage vor der Zeremonie eine dieta (Diät) befolgen, d.h. in den meisten Fällen, kein Salz, kein Fleisch, kein Alkohol, kein Sex, und andere, die das nicht tun. Die dietas sind besonders typisch und notwendig für die Zeit der Schamanenausbildung, für welche es strenge Restriktionsregeln gibt. In den Touristen-Lodges im Amazonas, oder in Ayahuasca-Zentren in lateinamerikanischen Städten gehört die dieta jedoch zum Programm. Es entsteht eine weitaus ritualisiertere Form der Ayahuasca-Praktik, als sie von vielen lokalen Akteuren ausgeführt wird. Weiterhin markant ist, dass die spirituellen Leiter für die Zeremonien mit Touristen meist alle christlichen Elemente – z.B. ein Marienbild auf einer mesa eines vegetalistas oder Anrufungen christlicher Heiliger in den icaros (rituelle Gesänge) – entfernen, da diese von den Gästen oft als unauthentisch empfunden werden. Der wesentlichste Teil der Zeremonie sind die Gesänge (icaros), welche dem Schamanen, Taita etc. in seiner Lehrzeit direkt von Pflanzengeistern beigebracht werden. Diese Lieder sind das wahre Heiligtum der Zeremonie, da sie, wenn von einem mächtigen Praktiker gesungen, auch ohne Ayahuasca-Einfluss heilende Kräfte haben können. Während der Zeremonie werden die Visionen der Teilnehmer durch die Gesänge geleitet und kontrolliert, sodass sozusagen der Kanal „zum Sehen“ freigelegt wird. Kontrolliert werden die Visionen aber auch in dem Sinne, dass der Verantwortung tragende spirituelle Leiter die Teilnehmer nicht in ein tiefes Loch fallen lässt oder sie mit einer Psychose nach Hause schickt. Diese Gesänge können, von einem ungeübten Schamanen oder von einem Möchtegernschamanen ausgeführt, auch Schaden anrichten. Die sehr ritualisierte Form der Ayahuasca-Zeremonie für Touristen (in der immer alle den bitteren Trunk einnehmen) hat auch wiederum Auswirkungen auf den nativen Gebrauch, z.B. im Zusammenhang mit Reindigenisierungsprozessen. Das geschieht aus verschiedenen Gründen, z.B. um als Minderheit anerkannt zu werden und somit bestimmte Rechte einklagen zu können.

Bolivien: Touristenlodge - Foto: Quetzal-Redaktion_trDer Ayahuasca-Tourismus ist ein sehr fruchtbarer Boden für allerlei Arten von Transformationsprozessen. Die finanzielle Entlohnung der Schamanen ist ein großer Streitpunkt unter Touristen, da dies von einigen als „unauthentisch“ angesehen wird. Andererseits wurde für das Ausüben einer Zeremonie zur Heilung eines Patienten bei der Mehrzahl der Gruppierungen im Amazonasbecken eine Art Gegenleistung erbracht, die dem Patienten möglich war. Natürlich ist der Kapitalismus auch dem Amazonasgebiet nicht fern geblieben, und alle Akteure dort können sich genauso in den Strukturen dieses Systems bewegen wie wir „Westler“, auch wenn ihnen das oft abgesprochen wird. Dadurch kommt es z.T. zu horrenden finanziellen Unterschieden innerhalb der Gemeinden und zur Abwanderung vieler religiöser Spezialisten in die Städte, da sie dort für Touristen besser zu finden sind etc. Diese Möglichkeit des Verdienstes wird von vielen Ayahuasca-Praktikern angenommen, da sonstige Einkommensmöglichkeiten in dieser Größenordnung in den oft verarmten Gebieten rar sind. Diese Chance wird natürlich auch von Scharlatanen gesehen, die durch ihr fehlendes Wissen ernsthafte psychische Schäden bei den Besuchern verursachen können. Durch den Tourismus, aber auch durch die brasilianischen Ayahuasca-Religionen, die auch eine Anhängerschaft in vielen europäischen Ländern und den USA haben, wird Ayahuasca immer mehr institutionalisiert. Schließlich handelt es sich um ein Pflanzengemisch, welches nach dem Gesetz verbotene Substanzen enthält. Die Uniaõ do Vegetal (UDV) erlangte 2006 die Erlaubnis, Ayahuasca als religiöses Heiligtum konsumieren und anbauen zu dürfen. Durch die zunehmende Überwachung durch die Staaten wird der Druck auf die Schamanen erhöht, da sie nun z.T. im Zweifelsfall verklagt werden können, etwa bei einem Todesfall während einer Zeremonie etc. Solche Unglücke sind leider schon passiert, da durch die neuen Teilnehmer der Zeremonien auch neue Krankheitsbilder auf die Heiler zukommen. So wurde z.B. bekannt, dass Medikamente wie Antidepressiva, die offensichtlich von einem großen Prozentsatz von US-Amerikanern und Europäern konsumiert werden, nicht mit den chemischen Inhaltsstoffen des Ayahuasca kompatibel sind, was bedeutet, dass der Heiler nun eine Art medizinisches Screening mit den Teilnehmern durchführen oder eine offizielles Papier unterschreiben lassen müsste, dass die Teilnahme an der Zeremonie auf eigene Gefahr erfolgt. All diese Neuheiten führen zu einem Prozess der Institutionalisierung. Dieser kann wiederum positive und negative Auswirkungen für die Amazonasbewohner haben. Negativ im Sinne des Rechtspatent-Falls von 1986, in dem der US-Amerikaner Loren Miller den Ayahuasca-Trunk, den er ‘Da Vine’ nannte, offiziell patentieren ließ. Und positiv, um z.B. Rechte indigener Minderheiten einklagen zu können, wodurch immer erst eine „Minderheit“ mit mehreren gemeinsamen Merkmalen konstruiert werden muss, wofür vielleicht der „traditionelle“ Ayahuasca-Gebrauch (auch wenn es nicht immer so ist) als Kriterium benutzt werden könnte. Außerdem gibt es so vielleicht die Möglichkeit, die Nutzung von Ayahuasca für einige Gruppen zum kulturellen Erbe zu erklären, sodass ihnen das Recht der Benutzung nicht abgesprochen werden kann (durch das Patent z.B.). Der Institutionalisierungsprozess formalisiert auch die Bildung rund um das Thema Ayahuasca, d.h. in „Ayahuasca-Zentren“ (v.a. in Lateinamerika) werden nun Seminare und Workshops zum Thema ‘heilen mit Ayahuasca‘ angeboten und somit Wissen formalisiert, welches vorher nur durch einen langjährigen Prozess der sozialen Isolierung, der Einhaltung diverser dietas, dem Experimentieren mit diversen Pflanzen und der Kontaktaufnahme zu den Pflanzengeistern erlernbar war. In solchen Zentren sowie in den beschriebenen Touristen-Lodges werden aufgrund der Nachfrage immer mehr alternative Therapietechniken aus aller Welt, v.a. jedoch aus Asien, angeboten. So werden neben den Zeremonien auch Reiki, Saunas, Massagen, Yoga und Meditation angeboten. Diese Art der Marktspezialisierung gibt auch den Frauen als Heilerinnen eine neue Handlungsmacht. Frauen können ebenso wie Männer Heiler sein, arbeiten aber meist mit Heilkräutern oder als eine Art Helfer des Schamanen (meist ihr Mann). Da nach dem animistischen Glauben die menstruierende Frau die spirituelle Energie verschmutzt, darf sie in der Zeit der Menstruation an keiner Zeremonie teilnehmen und erst nach der Menopause als selbstständige Heilerin tätig werden. Nun gibt es aber, ebenso durch die Nachfrage der Touristen reguliert, die Möglichkeit für Frauen, die alten Denkstrukturen abzulegen und selbst als Schamanin aufzutreten, z.B. in Frau-zu-Frau Zeremonien, die besonders große Beliebtheit erfahren, nachdem einige Fälle sexueller Belästigung von männlichen Schamanen gegenüber Gringas bekannt geworden sind. Diese resultieren jedoch nicht selten aus einem Komplex an Missverständnissen, was kulturell unterschiedliche Gender-Verhaltensregeln betrifft. Eine weitere Neuerscheinung im Zuge des Ayahuasca-Tourismus sind die „Gringo-Schamanen“, die entweder bei einem Schamanen in die Lehre gegangen sind oder sich das Wissen, auf welche Weise auch immer, selbst angeeignet haben. Überflüssig zu erwähnen, dass es auch hier eine große Zahl an Scharlatanen gibt.

Eine weitere negative Auswirkung all dieser mit dem Tourismus verbundenen Transformationen ist das zunehmende Fehlen medizinischer Versorgung in entlegeneren Gemeinden infolge der Abwanderung der Schamanen in größere Ortschaften. Der Schamane ist aber oft der einzige medizinische Heiler in der Gemeinde, die sonst meist weder Anschluss noch finanzielle Mittel oder Vertrauen in die westliche Schulmedizin hat. Hinzu kommen die unrechtmäßige kulturelle Aneignung und die Marginalisierung indigenen Wissens. Für die letztgenannten zwei Punkte ist der schon beschriebene Rechtspatent-Fall ein anschauliches Beispiel. Und es gibt eine Vielzahl von Beispielen für Biopiraterie und Bereicherung Dritter durch indigenes Wissen. Das ist z.B. bei jedem der Fall, der bei einem Indigenen oder Mestizen die Ayahuasca-Praktik erlernt hat, um dann z.B. ein Ayahuasca-Hotel zu bauen und viel Geld damit zu verdienen. Europäer und US-Amerikaner haben natürlich einen gewissen Vorteil, wenn es darum geht, ein solches Projekt mit den Erwartungen und Maßstäben der eigenen Kultur umzusetzen.

Peru: Schamane der indigenen Comunidad Nativa El Infierno beim Angeln - Foto: Quetzal-Redaktion, sscAlternativer Ayahuasca-Gebrauch außerhalb des Amazonas ist bislang wegen der Suche nach der besonders „authentischen“ Erfahrung und legalen Problemen noch nicht so sehr verbreitet. Jedoch gibt es eine Vielzahl von Schamanen, die regelmäßig in die westlichen Länder gerufen werden, um sich einem besonders schweren Krankheitsfall anzunehmen oder ebenso um Gruppenzeremonien zu leiten. Ayahuasca ist z.T. im Internet bestellbar und in Pulverform lieferbar.

Die hohe Nachfrage nach der Pflanzenmischung führt inzwischen dazu, dass die Lianenart Banisteriopsis caapi wahrscheinlich bald nicht mehr in ihrer wilden Form existieren wird. Einige indigene Gruppen sind deshalb bereits auf Tabak umgestiegen, eine ebenfalls viel genutzte rituelle Pflanze. Auf der Seite der Psychonauten, die verschiedene Substanzen allein und auf Eigenverantwortung ausprobieren (was von den meisten als schonender empfunden wird) machen bereits Listen mit Anahuasca (Ayahuasca Analogues) die Runde, d.h. von Pflanzen oder Pflanzengemischen mit einem ähnlichen psychoaktiven Potenzial. Einige Optimisten hoffen auf die Erweckung eines ökologischen Bewusstseins durch Ayahuasca, da aus den Visionen viel über Zusammentreffen mit der Pachamama oder der madre Ayahuasca (Mutter Ayahuasca) erzählt wird. Ob die Entwicklung diese Richtung einschlägt oder die der weiteren Privatisierung und Beschränkung des Ayahuasca-Gebrauchs, wird sich zeigen.

 

Literatur:

Dobkin de Rios, M. & Roger Rumrill 2008: A Haalucinogenic tea, laced with controversery. Ayahuasca in the Amazon and the United States. Westport CT: Praeger.

Heelas, Paul 1996: The New Age Movement. Cambridge: Blackwell Publishers Inc.

Labate, Beatriz C. & Clancy Cavner (eds.) 2014: Ayahuasca Shamanism in the Amazon and Beyond. New York: Oxford University Press.

Labate, Beatriz C. & Henrik Jungaberle (eds.) 2011: The Internationalization of Ayahuasca. Berlin: LIT Verlag.

Luna, Luis E. & Steven F. White (eds.) 2000: Ayahuasca Reader: Encounters with the Amazon’s Sacred Vine. Santa Fe, NM: Synergetic Press.

Said, Edward W. 1981: Orientalismus. Wien: Ullstein.

 

Bildquellen: [1] Sascha Grabow_, [2] Terpsichore_, [3] Quetzal-Redaktion, tr, [4] Quetzal-Redaktion, ssc.


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