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Solar-Kioske beim Karneval in der Puna-Wüste

Autor:  | März 2013 | Artikel empfehlen

Argentinien: Solarküchen, zubereitetes Essen - Foto: Fundación EcoAndinaEs ist Karneval im sonnigen Nordwesten Argentiniens, und die mobilen Imbisswagen werden hier und da immer mehr. Aber einige von ihnen sind anders: Sie bieten Speisen an, die direkt vor Ort gekocht wurden… von der Sonne.

Während der Feierlichkeiten des Karnevals in der Puna, die fast den ganzen Februar andauern, tauchten die kühnen Befürworter der Sonnenenergie in den Touristenorten Tilcara, Humahuaca, La Quiaca, Purmamarca und Uquía, in der nördlichen Provinz Jujuy, mit neuen, mobilen „Solar-Kiosken“ auf. Jeder Kiosk ist ein Wagen mit Rädern, wasserdichtem Dach und einem Solarherd, der in Wahrheit nichts anderes ist, als ein großes, faltbares Aluminiumblech mit einem Gestell in der Mitte, um die Kochtöpfe und Pfannen hinzustellen.

„Die Menschen sind misstrauisch und bleiben auch beim Ausprobieren verwundert”, sagt Marta Rojas, die Verantwortliche eines Kioskes, den sie diesen Monat in Tilcara, dem antiken Dorf, das die Hochburg der Feierlichkeiten ist, eingeweiht hat. „Sie müssen das Blech berühren, um es glauben zu können, und das führt dazu, dass sie sich verbrennen“, meint sie lachend gegenüber Tierramérica.

Der Wagen enthält auch eine zwei Kilogramm schwere Gasflasche, um nachts oder an Tagen, an denen die Sonne nur wenig scheint, kochen zu können. Darüber hinaus hat der Wagen einen Wasserkanister, eine Kühltasche, Werbeplakate und Kochgeräte. Die treibende Kraft der Initiative ist die Stiftung EcoAndina, die seit 25 Jahren an der Entwicklung verschiedenster Geräte arbeitet, um von dem Sonnenlicht in dieser trockenen Region, in der es nur selten regnet und die Vegetation recht spärlich ausfällt und in der außerdem eine große Temperaturspanne zwischen den Tages- und Nachttemperaturen herrscht, zu profitieren.

Rojas, eine Lehrerin, nahm an einem der Solarkochkurse, die EcoAndina anbietet, teil und entschied sich dafür, während des Karnevals mit dem Kiosk zu arbeiten. Diesen kann man zu einem von dem Projekt subventionierten Preis erwerben. „Es ist nicht das Gleiche, wie ihn auszustellen“, sagt sie.

„Bis jetzt backen wir Pizza mit Gemüse und Empanadas mit Quinoa (ein Getreide, das typisch für die Region ist). Es kommen viele vegetarische Touristen und nehmen sich Broschüren mit“, versichert sie. „Aber wir haben auch schon ein Zicklein mit gebratenen Kartoffeln zubereitet“, fügt sie für die Fleischfans hinzu.

Die Puna, im Nordwesten der Region Jujuy, ist, zusammen mit der Nachbarregion Altiplano in Bolivien, die zur gleichen Ökoregion gehört, eine der Gegenden mit der höchsten Sonneneinstrahlung der Welt. Diesen Status teilen sie sich nur noch mit den Plateaus von Tibet und Afghanistan.

In diesem realen Solarenergielabor hat EcoAndina schon etwa 900 Anlagen aufgebaut, die vor Ort entworfen und ausgestattet wurden: Familien- und Gemeinschaftsküchen, Heizungen, Wärmespeicher und Heißwasserkollektoren in mehr als 30 abgelegenen Dörfern.

Das Unternehmen zählt auf die technische und finanzielle Unterstützung der deutschen Botschaft in Argentinien und der deutschen Nichtregierungsorganisation Wisions, um die Entwicklung voranzutreiben und nachhaltige Arbeitsplätze mittels dieser sauberen und erneuerbaren Energiequelle zu schaffen.

Die Industriedesignerin Virginia Bauso ist die Erfinderin der Solar-Kioske. Vor zwei Jahren machten sie und ihre Kollegen in Tilcara Werbung für diese Energie, indem sie zeigten, wie man damit getoastete Sandwiches zubereiten kann. „Es war ein voller Erfolg“, erzählt sie Tierramérica.

Argentinien: Solarküchen, mobiler Verkaufsstand - Foto: Fundación EcoAndinaDort entstand die Idee, einen sich selbst tragenden Wagen mit Solarherd herzustellen. „Da hier die Frauen die Hauptunternehmerinnen sind, richten wir uns an sie, und 2011 begannen wir mit Prototypen, Kursen und Übungen auf der Straße“, erklärt sie.

Seit Anfang 2013 wurden etwa zehn Kioske in verschiedenen Dörfern aufgebaut, und sie profitieren vom Strom der nationalen und internationalen Besucher, die dorthin kommen, um den typischen Karneval zu erleben, in dem indigene Mythen und Traditionen mit kreolischen und spanischen vermischt werden. „Wir wollen, dass es eine gesunde Alternative ist, die nicht in die Hände irgendwelcher Geschäftsmänner gerät, die sie dazu nutzen, Würstchen und Pommes Frites zu verkaufen. Wir machen Gemüse- und Quinoaeintöpfe, Tacos aus Zuckermais mit Zwiebeln und solche Sachen”, berichtet die Designerin.

Zu trinken bietet jeder Kiosk kalten oder warmen Koka-Tee mit Zitrone, Zimt und Zucker an, der gegen die Höhenkrankheit hilft. Denn die Region liegt auf einer Höhe von 2700 bis 4600 Metern über dem Meer.

Die Frauen, welche die Kioske betreiben, nutzen die Morgensonne, um mit der maximalen Leistung zu kochen. Einen Liter Wasser zum Kochen zu bringen, dauert 12 Minuten.

Das Aluminiumblech ist eine große reflektierende Platte von 1,20 Meter Durchmesser, das „seine Tücken hat”, offenbart Bauso. Man muss es korrekt in Richtung Sonne ausrichten und mit Fingerspitzengefühl bewegen. Außerdem muss man den Reflektor unscharf einstellen oder einen Difusor befestigen, um die Temperatur zu erhöhen oder zu verringern. Die besten Gefäße, so die Designerin, seien die aus dunklem Eisen, aber man könne auch welche aus Aluminium benutzen. „Im Allgemeinen ziehen es die Frauen vor, ihre eigenen Töpfe mitzubringen”, sagt sie.

Für die Nacht oder bewölkte Tage wird im Voraus gekocht, oder man verwendet die Gasflasche. Außerdem ist jeder Kiosk ein lebendiger Werbeträger für Solarenergie. Dazu ist er mit Informationsbroschüren von EcoAndina ausgestattet. Auf diese Art und Weise wird die Energiequelle, die langsam und leise in einer Handvoll vereinzelter Dörfer in der Punawüste erschlossen wurde, im restlichen Land bekannt.

Ihre Verbreitung hat Interessierte aus anderen argentinischen Provinzen angelockt. Aber Bauso glaubt, dass es für eine Expansion noch zu früh ist.

„Die Herde können bisher nur von uns betrieben werden. Wir schreiben gerade an einer Bedienungsanleitung. Wir wollen auch nicht, dass die Herde für jedermann sind, sondern nur für die Menschen, die sowohl an der Solarenergie als auch an einer Art zu kochen, die gesund, hygienisch und sicher ist, interessiert sind“, meint sie.

Argentinien: Solarküchen, Verkauf von Essen - Foto: Fundación EcoAndinaArgentinien, ein Land, das über wichtige natürliche Erdöl- und Gasressourcen verfügt, besitzt ebenso das große Potenzial, Windkraft- und Solarenergiequellen zu entwickeln, die allerdings kaum 1,1 Prozent seines Energiemixes darstellen.

Aber es ist nicht so, dass es, gerade in den abgelegenen und armen Gegenden, keiner alternativen Quellen bedürfe.

„Viele Menschen aus den Dörfern im Landesinneren interessieren sich für die Technologie, weil die Gasleitungen nicht bis aufs Land reichen, die Gasflaschen teuer sind und Holz immer knapper wird. Dies führt dazu, dass die Wüstenbildung ein zunehmendes Problem darstellt”, erklärt Bauso.

In dieser sehr trockenen Region nutzen die Familien tola (Parastrephia lepidophylla), queñoa (Polylepis tarapacana) und yareta (Azorella compacta) statt Holz. Aber diese Pflanzenarten, die auch den Lamas als Nahrungsmittel dienen, werden knapp, und man muss jedes Mal weitere Strecken zurücklegen, um sie zu bekommen.

Laut Schätzungen von EcoAndina verringert sich der Holzkonsum durch die Benutzung eines Solarherdes um 50 bis 70 Prozent. Die Menschen vor Ort gewöhnen sich in einer Umgebung, in der, „wenn es etwas im Überfluss gibt, dann ist es Sonne”, an ihre Benutzung, so die Designerin.

Und die Familien fangen an, diese Erfahrung als ein Erbe für ihre Nachkommen zu begreifen. „Wir verkaufen Herde an Eltern, die sie dann als Hochzeitsgeschenk an ihre Kinder verschenken“, erzählt Bauso.

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*Dieser Artikel wurde ursprünglich am 16. Februar durch das lateinamerikanische Zeitungsnetzwerk „Tierramérica“ (red latinoamericana de diarios de Tierramérica) veröffentlicht.

Original-Beitrag aus IPS Noticias vom Februar 2013. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Nachrichtenagentur.

Übersetzung aus dem Spanischen: Cora Puk

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Bildquelle: [1], [2], [3] Fundación EcoAndina


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