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Geehrt, umstritten, aber nach wie vor aktuell. Bolivianische und argentinische Zeitungen zum 50. Todestag von Ernesto Che Guevara

Autor:  | November 2017 | Artikel empfehlen

Nachdem der QUETZAL unter der Überschrift „Uhu oder Nachtigall“ bereits einen Betrag zur Medienberichterstattung anlässlich des 50. Todestages von Ernesto Che Guevara in Deutschland und Lateinamerika veröffentlicht hat, bietet der folgende zweite Teil einen Überblick über die Rezeption der wichtigsten bolivianischen und argentinischen Zeitungen.

Bolivien – Brüche und Kontinuitäten

Bereits die Vorbereitungen der offiziellen Gedenkfeier zu Ernesto Che Guevara waren von widersprüchlichen Meinungen geprägt, was auf unterschiedliche Weise in der bolivianischen Presse seinen Niederschlag fand. Nach wie vor zeigt sich das politische Umfeld des Andenlandes gespalten: Zum einen im Bezug auf die historische Aufarbeitung der zwischen 1966 und 1967 stattgefunden Ereignissen. 50 Jahre danach sind viele ehemalige Rekruten und Militärs, die damals gegen die Guerilla kämpften bzw. kämpfen mussten, am Leben. Sie äußerten sich nicht nur gegen die Würdigung von Che Guevara, sondern nutzten auch die Gelegenheit, um der gefallenen Antiguerillakämpfer zu gedenken. In diesem Zusammenhang veröffentlichte die konservative Zeitung El Diario eine Reihe von Interviews mit ehemaligen “Beneméritos” (dt.: Verdienste), welche den „Sieg“ gegen die „kommunistischen Besatzer“ für sich beanspruchten. Außerdem stellte die Zeitung um den 8. Oktober herum detaillierte Informationen über die Veranstaltungen zur „Gegen-Ehrung“, welche parallel zu den offiziellen Feierlichkeiten stattfanden, zur Verfügung und berichtete über die bereits stattgefundenen Veranstaltungen. Zum anderen publizierte El Diario Meldungen über den im Parlament vorgetragenen Widerstand gegen das offizielle Veranstaltungsprogramm. Dabei fand besonders der Vorschlag für eine Ehrung der „Helden im Kampf gegen die Guerilla“ Beachtung. El Diario betonte außerdem die Kosten, welche der Staat mit öffentlichen Geldern finanziere.

Während El Diario Evo Morales wörtlich des „Vaterlandsverrats“ bezichtigt, gibt die Zeitung El Cambio die offizielle Stimmen wider. Sie veröffentlichte zum Beispiel die Twitter-Meldungen, mit denen Evo Morales auf die Kritik der Opposition reagierte. Zudem publizierte El Cambio die Reflexionen von Evo Morales über die Aktualität von Che Guevaras Gedanken über die Revolution. Auf die Kritik in Bezug auf die Ehrung einer – von der Opposition so bezeichneten – „fremden Besatzung“ antwortete der Präsident Boliviens mit dem Hinweis, dass der ehemaligen Rekrut Mario Terán Salazar, der ausgewählt worden war, um Che Guevara in La Higuera zu töten, von kubanischen Ärzten Jahre später kostenlos operiert worden sei. El CambiBolivien_Evo_Bild_Quetzal-Redaktion_gco veröffentlichte außerdem mehrere Berichte über die offiziellen Veranstaltungen sowie Stellungnahmen zu Che. Außerdem wurde über die internationale Resonanz der Veranstaltungen zum 50. Todestag von Che Guevara berichtet. So berichtete El Cambio über die „Internationale Tagung Antiimperialistischer Journalisten“, welche im Rahmen der Ehrung von Che in Vallegrande stattfand. Ferner brachte die Tageszeitung Berichte über die Ankunft internationaler Gäste in La Higuera. Besonders ausführlich wurde über die Anwesenheit Evo Morales vor Ort informiert.

Von der Zeitung Página Siete wurde bereits am 7. Oktober über den Besuch internationaler Gäste und die Aufmerksamkeit der internationalen Medien berichtet. Am 8. Oktober stand zum einen die Rede Evo Morales im Zentrum der Aufmerksamkeit. Zum anderen gab Página Siete dem ehemaligen Präsident Mesa und den Veteranen des Antiguerillakampfes die Gelegenheit, ihre Argumente gegen die öffentlichen Ehrungen vorzutragen. Im Unterschied zu El Cambio und El Diario war die Berichterstattung von Pagina Siete breiter angelegt.

La Razón vom 7. Oktober würdigte besonders den Besuch von Evo Morales und dessen Teilname an der Massenwanderung nach La Higuera. Einen Tag später veröffentlichte die Zeitung einen interessanten Beitrag des Journalisten Carlos Soria Galvarro. Darin verwies der Che-Spezialist auf die Notwendigkeit, Che Guevara historisch zu kontextualisieren. Außerdem veröffentlicht La Razón einen kurzen Artikel über den „Flucht“ Guevaras und das tragische Schicksal derjenigen, die an seiner Ermordung beteiligt waren. In einem weiteren Beitrag berichtete die Zeitung über die Verehrung des Che als „Wundertäter“. Am 9. Oktober veröffentlichte La Razón Auszüge der offiziellen Rede von Evo Morales in Vallegrande. Die von der Opposition vorgebrachte Klage, dass der Präsident zugunsten seiner Wiederwahl staatlichen Mittel nutze, kamen dabei ebenfalls zur Sprache. Ebenso wie Página Siete berichtet La Razón über die von den Veteranen in Santa Cruz veranstaltete Ehrung für die „Gefallenen“, die gegen die „Guerilla Guevarista“ gekämpft hatten.

Argentinien – Kontinuität der Brüche

Die erste der größten argentinischen Zeitungen, die sich mit dem Todestag Che Guevaras auseinandergesetzt hatte, war Clarín. Die Tageszeitung veröffentlichte bereits am 7. Oktober einen Artikel über La Higuera, jenen weltweit bekannt gewordenen Ort, an dem Che 1967 umgebracht worden war. In Form eines Reiseberichts werden die Orten beschrieben und fotografiert, die Che und seine Guerilleros in den letzten Tagen ihres Kampfes gesehen hatten. Mit diesem Artikel war Clarín den anderen Medien einen Schritt voraus. Außerdem wurde den Clarin-LeserInnen quasi erspart, über die historisch bedeutsam gewordenen Orten im Kontext politischer bzw. politisierter Veranstaltungen lesen zu müssen. Zudem wurde für das Wochenende der Verkauf der Zeitung sichergestellt. Am 8. Oktober widmete Clarín dem Todestag von Che Guevara ein Dossier, das Berichte und Beiträge enthielt, in denen die in Santa Clara veranstaltete Ehrung ausführlich dargestellt wurde. Außerdem gehörten biographische Angaben und eine Reihe bislang unveröffentlichter Bilder aus dem Archiv der Familien Guevaras dazu, welche von Juan Martín Guevara – jüngerem Che Bruders – präsentiert wurden. Interessant war besonders der Artikel von Jon Lee Anderson, einem des bekanntesten Che-Biographen. Der US-amerikanische Journalist hob hervor, dass es äußerst wichtig und bedeutungsvoll sei, die Geburtsstunde des „Che-Mythos“ historisch und politisch zu kontextualisieren. Dies gelte vor allem für die aktuellen Veränderungen dieses Kontextes. Wie Anderson dann dazu ausführte, sei die Präsidentschaft von Evo Morales „eine direkte Folge des Befreiungsprojekts von Guevara in Bolivien“. Im Kontrast dazu veröffentlichte Clarín einen kurzen Aufsatz über die „ungewöhnlichsten Orte“, an denen Ches Porträt zu finden ist, wobei es hier um Che als Pop-Star und um dessen weltweites Vermarktung geht. Auch wenn das Thema spannend ist, beschränkt sich der Beitrag auf ein paar mehr oder weniger kuriose Bilder ohne weitere Anmerkungen. Außerdem berichtet Clarín zwar über die Hommage an Che in Vallegrande, wobei der Fokus auf die kuriose Unterkunft des Präsidenten Boliviens – ein Zelt – gerichtet wird. Zum Abschluss veröffentlichte die Tageszeitung eine Reihe von Interviews, die in Paris durchgeführt wurden, darunter mit Ilena de la Guardia, Tochter von Tony de la Guardia (Oberst im kubanischen Innenministerium, der 1989 hingerichtet wurde), und ihrem Ehemann, Jorge Masetti, Sohn des Journalisten Jorge Masetti Blanco (Begründer der Nachrichtenagentur „Prensa Latina“ und Teilnehmer der Guerilla von Salta/ Argentinien). Außerdem wurde Laurence Debray, die Tochter Régis Debrays, interviewt. Sowohl in den Eheleuten Masetti/ de la Guardia, die sich als politische Flüchtlinge bezeichnen, als auch in Frau Debray fand Clarín drei erbarmungslose Kritiker der kubanischen Revolution und des in deren Gefolge errichteten politischen Regimes. Zwar bietet diese Tageszeitung einen breiten Überblick, welcher sich an verschiedenen Zielgruppen richtet: Vallegrande als Urlaubsziel und Che als Banalität, Che aus der Perspektive eines „neutralen“ Nicht-Argentiniers, Kuba aus der Perspektive von Kuba-Gegnern usw. Aber mit der Veröffentlichung der genannten Interviews versucht Clarín offenbar, Kuba und das dort errichtete politische System mit dem Anspruch auf „Sachlichkeit“ zu verurteilen, ohne dabei auf die eigenen Kolumnisten zurückgreifen zu müssen.

Página/12 veröffentlichte am 8. Oktober die Abschiedsbriefe Ches „An Fidel“, „An die Eltern“ und „An die Kinder“. Am folgenden Tag berichtete die Tageszeitung über den Aufenthalt von Evo Morales in Vallegrande, wo auch die Verwandten von Che sowie die ehemaligen Guerilleros „Pombo“ und „Urbano“, die in der bolivianischen Guerilla mitgekämpft hatten, weilten. In diesem Zusammenhang wurden Auszüge aus Evo Morales Rede publiziert. Im Unterschied zu Clarín veröffentlichte Página/12 Artikels, die eher das Format von Meinungsbeiträgen hat, in denen die Auswirkungen von Guevaras Tod auf die Generation politisch engagierter Jugendlicher in Argentinien der 1970er Jahren unter die Lupe genommen wird. Zum Abschluss veröffentlichte Página/12 einen zusammenfassenden Bericht über die fünftägigen Veranstaltungen, die in Bolivien durchgeführt worden waren, wobei die Betonung auf Evo Morales Reaktion auf die Kritik der parlamentarischen Opposition und der Veteranen der Antiguerillakampfes lag.

Die konservative Zeitung La Nación stellte den online-LeserInnen am 8. Oktober ein kurzes Quiz vor, mit dem sie ihr Wissen über Che Guevara selber testen konnten. Am folgenden Tag veröffentlichte sie einen Beitrag über die unterschiedlichen Versuche, Che auf der Leinwand darzustellen. In einem weiteren Artikel geht es um Villa Nydia, das Haus, in dem Ernesto Guevara seine Kindheit verbracht hatte und das heute Museum ist, sowie um Erinnerungen von Ches Freunden aus der Kindheit. Außerdem publizierte die Tageszeitung ein in Santa Cruz de la Sierra (Bolivien) durchgeführtes Interview mit Juan Martín Guevara, welcher seinem Bruder Che kürzlich eine Biografie widmete. Außerdem brachte sie einen Artikel über das labyrinthische Suchen nach den Gebeinen Ches und deren 1997 stattgefundene Repatriierung nach Kuba. Zum Abschluss wurde von La Nación am 10. Oktober eine Chronik der in Bolivien veranstalteten Gedenkfeier für Che veröffentlicht, wobei die Zeitung die Gelegenheit nicht versäumte, das permanente „Scheitern der lateinamerikanischen Linken“ zu betonen. Der Tod Che Guevaras wird in diesem Zusammenhang mit einer vereinfachten soziopolitischen Betrachtung der Realität Kubas, welche entweder als verdiente Strafe für den „unvernünftigen“ antikapitalistischen Widerstand oder als Mangel an westlicher Demokratie dargestellt wird. Damit soll das „Scheitern“ der fortschrittlichen Regierungen Lateinamerikas anhand einer Stichprobe veranschaulicht werden. Die damaligen Versuche, die Revolution in Argentinien und dem Rest Lateinamerikas durchzuführen, hätten zum Wohl aller eine Niederlage erlitten. In diesem Sinne hat La Nación Auszüge aus der Rede von Evo Morales ausgewählt und entsprechend aus dem Kontext gerissen, die sich auf die Fortsetzung von Ches politischem Erbe beziehen, und warnt die Leser davor. Während bei Clarín die historischen Orte Boliviens eher zur reinen Natur und zum Mythos zurückkehren, wird von La Nación der historisch-politische Mensch Che durch das Kind-Ernesto bzw. den im Kino dargestellten-Ches ersetzt.

Die Boulevardzeitung Crónica setzt sich erst am 9. Oktober mit den Gedenkfeierlichkeiten zum 50. Todestag von Che Guevara auseinander. Sie berichtet zum einem über die Ehrung für im Kampf gegen die „kommunistische“ Guerilla gefallenen Soldaten, die vom ehemaligen Armeegeneral Gary Pardo, der als Oberleutnant an der Festnahme und Ermordung von Che beteiligt war – veranstaltet wurde. Zum anderen veröffentlichte Crónica einen Artikel über den Besuch Evo Morales in Vallegrande. Außerdem berichtete sie über die für Che auf Kuba veranstaltete Gedenkfeier. Das Blatt veröffentlichte ferner einen kurzen Bericht über das Che-Museum in Alta Gracia, Argentinien.

Andere landesweit erscheinenden Zeitungen, La Prensa und Ámbito Financiero, berücksichtigen Ches Todestag einfach nicht. Die Tageszeitungen der Stadt Rosario, der Geburtsstadt Ches, widmeten ihm weder am 8. noch am 9. Oktober eine einzige Zeile. Nur El Ciudadano veröffentlichte am 7. Oktober einen Beitrag, wobei es paradoxerweise um die all gegenwärtige Aktualität Ches geht. Erst eine Woche später wird von der Wochenzeitung El Eslabón über die in Bolivien und auf Kuba stattgefundenen Feierlichkeiten berichtet und dem Comandante Che Guevara Platz auf dem Deckblatt eingeräumt.

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Eine schnelle Übersicht der Titelseiten der Zeitungen eröffnet den Zugang zu den verschiedenen Perspektiven bzw. Rollen, die Che spielt. In Bolivien, wo die Blicke auf den Präsidenten des Landes gerichtet waren, titelte El Deber am 7. Oktober, dass Che Guevara von Evo vor Ort geehrt werde. Am 8. Oktober widmete Cambio der Überschrift „Evo unterstreicht die Aktualität von Guevaras Idealen“ zwei Drittel des Deckblatts. Auf der Hälfte der Titelseite von El Mundo wird schlicht verkündet, dass Che Guevara geehrt worden sei. La Razón widmete Che das ganze Deckblatt, wobei dessen Bild mit der Überschrift „Che – 50 Jahre“ zu sehen ist. Während am 9. Oktober auf der oberen Hälfte des Covers über die stattgefundene Gedenkfeier in Vallegrande informiert wird, bleibt unteren Hälfte nicht zufällig denjenigen Jugendliche vorbehalten, die jährlich während des Wehrdienstes sterben. Auf dem Deckblatt von Los Tiempos war am 8. Oktober zu lesen: „Che lebe hoch, doch nicht dessen geträumte Revolutionen“. Am kommenden Tag informierte dieselbe Zeitung in der Mitte des Covers: „Auf den Spuren Guevaras in La Higuera“. Opinión stellte am 8. Oktober zwei Drittel seiner Titelseite bereit, um mit der Überschrift „Che mobilisiert an seinem 50. Todestag tausende Menschen“ zu werben, wobei die ehemalige Guerilleros „Pombo“ und „Urbano“ auf dem Bild zu sehen sind. Am 9. Oktober wurde Che ein Drittel des Deckblatts unter dem Titel „Ches Gedächtnis wurde geehrt“ eingeräumt. Página Siete verkündete am 8. Oktober, dass Che seine Kinder, Anhänger und Gegner um sich versammelt habe. Ein Tag später berichtete die Zeitung, dass 20.000 Anhänger Ches nach Vallegrande zur Wallfahrt gekommen seien.

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In Argentinien widmete Página/12 Che einen kleinen Teil des Deckblatts, während der Rest der Haushaltskürzung im Gesundheitssektor durch Macris Regierung vorbehalten blieb. Auch wenn es nicht verwundert, so ist es doch kennzeichnend, dass Che nicht auf dem Deckblatt von La Nación zu sehen ist. Statt dessen brachte die Zeitung das erwähnte Quiz, welches quasi einen Versuch darstellt, die vermeintliche Ahnungslosigkeit der DurchschnittsleserInnen zu bestätigen und damit Che endlich abzuschaffen. Clarín widmete Che eine ihrer oberen Deckblattecken, wo die Überschrift „50 Jahre eines argentinischen Mythos“ von einem klassischen Che-Bild begleitet wird. Ihrem Stil getreu stellt Crónica ein Bild Che Guevaras neben zwei Diven. Der größte Teil des Covers ist der größten Sorge Argentiniens, dem Fußball, gewidmet. Diario Popular, ebenfalls eine Boulevardzeitung, geht noch darüber hinaus und präsentiert die sterblichen Überreste Ches neben den Diven und der WM-Qualifikationsrunde. Zwischen einem Bild von Lionel Messi und einem Bild von den tödlichen Überresten Ches sind in der Mitte des Deckblatts die über 622 Autoreifen zu sehen, die täglich in Buenos Aires geklaut werden.

Dieser kurze Überblick über die Rezeption der Medien in Bolivien und Argentinien erlaubt zwar keine endgültigen Feststellungen. Dennoch lassen die Auseinandersetzungen in der Presse zum 50. Todestages Ernesto Che Guevara einige unmittelbare Schlüsse zu, um die verschiedenen soziopolitischen Gestaltungsmöglichkeiten zu analysieren. Im Fall Boliviens spielt Che Guevara und dessen Befreiungsprojekt zurzeit eine wesentliche Rolle auf der diskursiv-symbolischen Ebene. Seit der Wahl von Evo Morales, der als erster Indigener in der Geschichte Boliviens (und Südamerikas) die Präsidentschaft übernommen hat, spielt Che eine wichtige Rolle in der politischen Debatte. Im Fall Argentiniens erweist sich die Idealisierung bzw. Mystifizierung von Che Guevara für die konservativen Sektoren als die effektivste Strategie, um ihn aus der Wirklichkeit auszuschließen. Das Scheitern der lateinamerikanischen Linken bzw. ihre Aufsplitterung stellt den einfachsten Weg dar, um Kuba zu kritisieren, ohne sich mit der komplexen Realität des karibischen Staates ernsthaft auseinandersetzen zu müssen. Für die eher fortschrittlichen Sektoren Argentiniens bedeutet Che Guevara hingegen die Bestätigung der ausgeprägten argentinische Leidenschaft für Superlative und Außergewöhnliches, um sich von den anderen Ländern Lateinamerikas abzuheben. Im Unterschied zu Bolivien wird Che in Argentinien in gewissem Maße auf die Vergangenheit beschränkt bzw. von der politischen Gegenwart ferngehalten. Bestimmte Intellektuelle, darunter auch Linke, wollen Che aus dem aktuellen politischen Kontext verbannen, um sich nicht kritisch zu den zwölf Jahren der Präsidentschaft von Nestor Kirchner (2003-2007) und seiner Frau Cristina Fernández (2007-2015) äußern zu müssen. Teils aus Überzeugung, teils aus Furcht, damit den Interessen der konservativen Sektoren zu dienen, vermeiden sie die notwendige kritische Analyse der Politik der beiden PolitikerInnen. Natürlich weiß man nicht, was Che zu den heutigen Verhältnissen sagen würde. Seine Aktualität besteht vor allem darin, weiterhin Widerstand gegen das kapitalistische System zu leisten, gegen das er als Revolutionär gekämpft hatte.

 

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Bildquellen: [1] Quetzal-Redaktion_gc [2],[3] DeckblattScans


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