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Ernesto Che Guevara in der Erinnerungskultur Argentiniens – Teil III

Autor:  | März 2019 | Artikel empfehlen

Ernesto Che Guevara zählt zweifelsohne zu den herausragenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Viele Menschen aus aller Welt identifizieren sich mit dem Argentinier, um entweder ihren Widerstand gegen das hegemoniale System oder ihre Unzufriedenheit mit dem Status quo zum Ausdruck zu bringen. In Argentinien, dem Heimatsland Guevaras, fällt die Erinnerung an den Revolutionär als alles anderes als eindeutig aus. Zwar war er bereits während des Guerillakampfes gegen die Batista-Diktatur und besonders seit dem Sieg der kubanischen Revolution in den argentinischen Medien präsent, dennoch hat es nach seinem Tode Jahrzehnte gedauert, bis die ersten erinnerungspolitischen Maßnahmen durchgeführt wurden. Selbst jetzt, wo Che zu einer weltberühmten Figur geworden ist, löst er immer noch Meinungsverschiedenheiten aus. QUETZAL stellt hier den letzten von drei Teilen eines Beitrages vor, der erstmals einen Überblick über die Erinnerungskultur Argentiniens in Bezug auf Ernesto Che Guevara vermittelt.

 

Zur Verwendung und Verschwendung: Che – Politik und Fußball

Das politische Erbe Ches wird derzeit in der Stadt von unterschiedlichen politischen Gruppen beansprucht. Bereits nach dem Sieg der kubanischen Revolution über die Diktatur Batistas wurde Che in Argentinien zunächst als Berühmtheit angesehen. Auch wenn einige Versuche, die Guerilla in Argentinien zu etablieren, während der ersten Hälften der 1960 Jahre scheiterten, spielten Ches Ideen und die kubanische Revolution Ende der 1960er Jahre eine wesentliche Rolle bei der Radikalisierung der Studentenbewegung und der Entstehung bewaffneter Bewegungen im Rahmen der sogenannten Nueva Izquierda (dt.: Neue Linke) – Fuerzas Armadas Revolucionarias (FAR), Fuerzas Armadas de Liberación Nacional (FAL), Fuerzas Armadas Peronistas (FAP), Montoneros (1970) und das Ejército Revolucionario del Pueblo PRT-ERP. Nach seiner Ermordung 1967 wurde Che zu einer Inspirationsquelle für zahlreiche Volksgruppen und Bewegungen, die bisher aufgrund der staatlichen Repression eher zersplittert waren. In diesem Zusammenhang fanden 1969 die massiven Demonstrationen der Rosariazo statt, welche Monate später zum berühmt geworden Cordobazo-Aufstand führten. Als Folge der politisch ideologischen Verfolgung durch die 1973 gegründete Alianza Anticomunista Argentina (AAA) und der Diktatur während 1976-1983 wurde die Person Che von der öffentlich politisch-kulturellen Ebene nahezu ausgelöscht.

Nach Rückkehr der Demokratie 1983 wurden vom Staat die Ereignisse durch die sogenannte „Theorie der zwei Dämonen“ erklärt, wonach die Bevölkerung unbeteiligt an einem Krieg zwischen zwei gegnerischen Gruppen – den Militärs und den AktivistInnen – sei. Unternahm die Regierung Raúl Alfonsíns (1983-1989) noch den Versuch, von der Vergangenheit Abschied zu nehmen, so zeichnete sich die darauffolgende Amtszeit von Carlos Menem (1989-1999) durch das Bemühen aus, die Bevölkerung endgültig von der Politik abzuschrecken. Wie bereits erwähnt, war die Politik dieser Jahren durch Korruption gekennzeichnet – die Ethik wurde sozusagen aus der Politik entfernt.

Doch gerade im Kontext der wirtschaftlich-politischen Krise entstehen neue soziopolitische Gruppierungen, wobei Che – insofern als Symbol für die untergegangenen Werte – wiederaufgenommen wird. Beispiele dafür sind die Entstehung von Arbeitslosenbewegungen und neuartigen Protestformen (bspw. die Straßensperrungen, sogenannte Rosario_Che_Bild_Quetzal-Redaktion_gustavod'assoropiquetes) sowie Organisationsformen wie die Instandsbesetzung und Wiederherstellung von stillgelegten Betrieben, die Wiederherstellung von Solidarnetzwerken, Nachbarschaftsversammlungen sowie Trödelmärkten, auf denen der Austausch von Waren ohne Geld erfolgte (vgl. Lavaca 2015; Svampa 2004).

Im Laufe der Zeit wurde der Großteil dieser Organisationen bzw. Institutionen in die formelle Politik einbezogen, entweder in Koalition mit bereits entstandenen Parteien oder durch die Gründung neuer Parteien. In Rosario, wo ebenso wie in anderen Städten eine zunehmende sozialen Marginalisierung breiter Teile der Bevölkerung stattfand (vgl. Castagna et al. 2017), sind derzeit noch unterschiedliche politische Gruppen zu finden, welche sich nach wie vor mit Che auf unterschiedlicher Weise identifizieren. Neben eher traditionellen Parteien – dem Partido Revolucionario Marxista-Leninista (PRML), Partido Comunista-Juventud Guevarista (PC), Partido Socialista Auténtico (PSA), Partido Obrero (PO), Movimiento Socialista de los Trabajadores (MST) – umfasst die Liste neue Parteien bzw. Bewegungen, die in den 1990er-2000er Jahren gegründet wurden – u.a. die Coordinadora de Unidad Barrial (CUBa), Bewegung Teresa Rodríguez (MTR), die Erwerbslosenbewegung Barrios de Pie, Federación Tierra y Vivienda (FTV) und Libres del Sur, sowie die Evita-Bewegung, Corriente Clasista y Combativa (CCC). Die Frente Social y Popular (FSyP), die 2015 aus der Koalition von MST, PSA, Unidad Popular, Frente Patria Grande und der Partido del Trabajo y del Pueblo (PTP-PCR) entstanden ist, wird im Stadtrat von einer Stadträtin und zwei Abgeordneten im Parlament der Provinz Santa Fe vertreten.

Die Entstehung des Che-Mythos setzte bereits kurz nach seinem Tod ein und wurde zum Untersuchungsobjekt zahlreicher Analysen, wobei man zumeist den Menschen in seiner Epoche beschrieb (vgl. Castañeda 1997: 486ff; Lahrem 2010; Presthold 2012). Fraglos geht die Verbreitung Ches weit über die politische Arena hinaus. In diesem Sinne können sehr unterschiedliche Che-Bilder auf unterschiedlichen Ebenen ausfindig gemacht werden – von Babykleidung über Tätowierungen bis zu Zigaretten und Werbung multinationaler Firmen. Rosario bildet selbstverständlich keine Ausnahme und leistet dazu einen kleinen Beitrag. Denn Che wird von den Fußballfans eines Vereins, Rosario Central, benutzt.

Die ausgeprägte argentinische Leidenschaft für Superlative, welche eher dazu dient, sich von den anderen Ländern abzuheben, ist mittlerweile allgemein bekannt. Diese ist nicht immer hilfreich, um internationale Freundschaften zu schließen. Es gibt eine sehr lange Liste von non-plus-ultra-Elementen bzw. -Personen, auf die ArgentinierInnen zutiefst stolz sind und welche sie bereits in frühester Kindheit kennenlernen. Diese Liste umfasst u. a. den in Patagonien entdeckten größten Dinosaurier (Titanosaurus), den größten Bären der Erdgeschichte (Arctotherium angustidens), den höchsten Berg außerhalb Asiens (Aconcagua), eine der längsten nationalen Straßen der Welt (Ruta 40), den breitesten Fluss der Welt (Río de la Plata) sowie die größten – unvergleichbaren – von ArgentinierInnen gemachten Entdeckungen. Zu Letzteren gehören u.a. der Kugelschreiber, der Deoroller, das daktyloskopische System, der Herz-Bypass, die Blindenampel und nicht zu vergessen – der elektrische Polizeiknüppel. Dieser Chauvinismus verbindet sich mit bereits entstandenen Mythen bzw. Mystifizierungen. So wurde das Land im Laufe der Zeit etwa zur „Kornkammer der Welt“, zur „Wiege der größten Fußballspieler aller Zeiten“ (etwa Diego Maradona und Lionel Messi) und sogar zum von Gott ausgewählten Land bzw. zur Wiege Gottes (welcher eigentlich Argentinier ist und in Buenos Aires residiert).

Rosario_Fußball_Bild_Quetzal-Redaktion_gracegonzalezDes Weiteren lässt sich die Weltanschauung teilweise mit der Notwendigkeit erklären, einen Sockel zu errichten, von dem aus ArgentinierInnen mit dem Rest der Welt in Interaktion treten. Die Tatsache, dass dieser Sockel aus mythischen Elementen besteht, deutet darauf hin, dass es eher versucht wird, sich einen gewissen Vorteil verschaffen, um mehr zu scheinen. Diese Logik kann ebenfalls auf lokaler Ebene beobachtet werden. Exemplarisch spiegelt sich dieses Phänomen beispielsweise im Fußball wider, offensichtlich der wahren nationalen Leidenschaft (vgl. Centro de Opinión Pública y Estudios Sociales 2014).

In jeder Stadt, jedem Dorf und jedem winzigen Weiler finden sich polarisierte soziale Beziehungen – sowohl nach innen als auch nach außen. Gewiss spielt der Kampf der Gegensätze bei dem Identitätsbildungsprozess eine wesentliche Rolle. In diesem Sinne wird von Fußballvereinen bzw. Fußballfans die Möglichkeit genutzt, unter den eigenen – tatsächlichen oder vermeintlichen – Fans herausragende Persönlichkeiten zu haben (oder besser: gehabt zu haben), um damit den ewigen Gegner stets zu übertreffen. So beschränken sich die Spiele nie auf das aktuelle Geschehen auf dem Spielfeld, sondern sie setzen sich vielmehr unter den Anhängern außerhalb der Stadien bzw. im Alltag fort. Dabei handelt es sich um eine zeitlose Konkurrenz, welche sich hauptsächlich auf das Unveränderliche – per definitionem die Vergangenheit –, stützt. Die Gegnerschaft entsteht dabei nicht situationsabhängig –, der ewige Gegner eines Vereins beschränkt sich nicht bloß auf den gelegentlichen Konkurrenten.

Was Ernesto Che Guevara betrifft, so ist er vieles in einer Person: in der Welt ein Amerikaner, gegenüber Nordamerika ein Lateinamerikaner und in Lateinamerika ein Argentinier. Innerhalb Argentiniens ist er jedoch ein Rosarino, was zweifelsohne ein Sozialkapital dieser Stadt gegenüber anderen Städten darstellt. Besonders wichtig ist das vor allem gegenüber von Buenos Aires, das über aller argentinischen Orte einen Schatten wirft, aber auch gegenüber Córdoba, den ewigen Rivalen Rosarios im Rennen um den Platz als zweitgrößte Stadt Argentiniens. Doch anhand einer frühen Biographie von Che (vgl. Gambini 1968) wurde bekannt, dass Che ein canaya war, also Anhänger von Rosario Central, einem der beiden großen Fußballvereine dieser Stadt. Wenn Che bis zu diesem Punkt einfach ein Rosarino war, dann spaltete diese Tatsache die Stadt – Che wird nun ein canaya. Wie nicht anders zu erwarten löste dieser biographische Fakt eine heftige Debatte unter den Fußballfans beider eingeschworenen Fußballvereine der Stadt, Rosario Central und Newell’s Old Boys, aus, welche bis heute andauert. Obwohl keine schriftliche Unterlagen überliefert sind, die eindeutig belegen, dass Che tatsächlich canaya war, wurde diese Information von seinem Kommilitonen Carlos Calica Ferrer1, seinem Bruder Juan Martín Guevara2 und seiner Schwester Celia Guevara3 bestätigt. Das wurde jedoch von Ches ältester Tochter Aleida Guevara widerlegt, nach deren Angaben ihr Vater mit keinem Fußballverein Rosarios sympathisierte 4.

Allerdings ist Che inzwischen eines der wichtigsten Symbole des Vereins Rosario Central. Che-Bilder sind im Zusammenhang mit den Vereinsfarben und Slogans wie beispielsweise „Hasta la victoria final“ (dt.: bis zum endgültigem Sieg) und „Soy guerrero“ (dt.: Ich bin Kämpfer), auf Wandbildern, Flaggen, Trikots und Aufklebern zu finden. Darüber hinaus bezeichnen sich Rosario Central-Fans als die „legitimen Nachfahren Ches“.

Leipzig_Fußball_Bild_Quetzal-Redaktion_gcBekanntlich gibt es auch andere Fußballvereine, bei denen die Figur Ches eine gewisse Rolle spielt. Während beispielsweise die Person Che Guevara bei dem ostdeutschen Verein BSG Chemie Leipzig eher den politischen Standpunkt eines Teils seiner Anhänger zum Ausdruck bringt, symbolisiert die Benennung eines Fußballvereins in Jesús María (Córdoba, Argentinien) Club Atlético y Deportivo Che Guevara eher die Vermittlung von sozialen Prinzipien (Gemeinschaft und Solidarität) durch den Sport5. Doch im Gegensatz dazu lässt sich die Verwendung der Che-Figur im Fall der Stadt Rosario eher damit erklären, das symbolisches Kapital durch die Einbeziehung eines Mythos zu nutzen, um den „Gegner zu schlagen“. Anders gesagt, während in einigen Fällen die Vergötterung dazu dient, bestimmte Persönlichkeiten in besonderer Weise zu ehren bzw. deren Werte zu vermitteln, soll hier die Verknüpfung mit einer Figur wie Che eher als Teil eines Prozesses verstanden werden, in dem hofft, die eigene Zugehörigkeit zu bereichern. Wichtig ist also nicht Che an sich, sondern die Bedeutung, die er für andere haben könnte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Figur Ernesto Che Guevaras schon zu seinen Lebzeiten, also sehr früh, in Argentinien verbreitet wurde und bereits während der Sechziger- und Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts eine wesentliche Rolle spielte, sowohl bei der Entstehung eines kollektiven Bewusstseins als auch für den Widerstand gegenüber der staatlichen Repression ggf. der Diktaturen. Trotz der ideologischen Verfolgung durch repressive Regierungen und der anschließenden Entpolitisierung der Gesellschaft während der ersten Jahrzehnte der Demokratie in Argentinien war Che stets eine Inspirationsquelle bei der Entstehung alternativer Organisations- und Widerstandsformen. Die ersten Beispiele der Erinnerungskultur in Bezug auf Che stellen unabhängige bzw. lokale Initiativen dar, die entweder vom Staat kaum unterstützt bzw. auch abgelehnt wurden oder sich außerhalb offizieller Strukturen entwickelten. In Rosario, der Geburtsstadt Che Guevaras, ist dieser sowohl in der offiziellen Erinnerungspolitik als auch in der Erinnerungskultur präsent. Zwar wurden im Laufe der Zeit unabhängige Initiativen von der Stadtverwaltung unterstützt, wobei es sich jedoch in der Regel um eher halbherzige Maßnahmen handelte, die anderen politischen Zwecken dienen. Außerhalb der offiziellen Ebene wird an Che auf unterschiedliche Weise erinnert. Während Che für verschiedenste soziale Gruppierungen und politische Parteien nach wie vor ein politisch-moralisches Reservoir darstellt, wird er von anderen – bspw. Fußballfans – eher weitgehend sinnentleert instrumentalisiert.

 

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Literatur:

Castagna, Alicia; Raposo, Isabel und Woelflin, María L.: Crecimiento económico y desarrollo urbano. La problemática de los asentamientos irregulares en Rosario. http://ceysrosario.org/documento/crecimiento-economico-y-desarrollo-urbano-la-problematica-de-los-asentamientos-irregulares-en-rosario/ [abruf 14.01.2019].

Castañeda, Jorge: Che Guevara. Biographie. Leipzig: Insel: 1997.

Centro de Opinión Pública y Estudios Sociales – Universidad de Buenos Aires: Fútbol una pasión de los argentinos. Encuesta de opinión pública (Bericht), 2014. http://www.sociales.uba.ar/wp-content/uploads/Informe-sobre-F%C3%BAtbol-Argentino-Diciembre-2014.pdf [Abruf 14.01.2019].

Gambini, Hugo: El Che Guevara. La biografía. Buenos Aires: 1968.

Lahrem, Stephan: Faszination Che, in: APuZ 41-42, 2010, S. 41-46.

Lavaca (Hg.): Sin Patrón – Herrenlos. Instandsbesetzte Betriebe in Belegschaftskontrolle. Das argentinische Modell: besetzen, Wiederstand leisten, weiterproduzieren. Neu-Ulm: 2015.

Presthold, Jeremy: Resurrecting Che: radicalism, the transnational imagination and the politic of heroes, in: Journal of Global History 7, 2012, S. 506-526.

Svampa, Maristella: Movimientos sociales y nuevas prácticas políticas en Argentina. Las organizaciones piqueteras, in: Nómadas 20, 2004, S. 112-126.

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5 https://www.11freunde.de/artikel/club-atletico-y-deportivo-ernesto-che-guevara [Abruf 15.01.2019].

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Bildquellen: Quetzal-Redaktion [1]_gustavod’assoro [2]_gracegonzalez [3]_gc


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