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Der Wert der Worte

Autor:  | April 2009 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Argentinien, Literatur

Die einzige Liebe, die bleibt, ist die unerwiderte.
W. A.

… anfangs, sagst du, hast du gedacht, es gehe darum, eine Rechnung zu begleichen, den Preis der Täuschung zu zahlen, doch bald hast du erkannt, dass sie deinen Händen entglitt, dass ihre Küsse nicht mehr so schmeckten wie früher und dass ihr Körper die Zärtlichkeiten kaum merklich zurückwies. Also hast du beschlossen, den Rückzug anzutreten: Ein Strauß rote Rosen und ein Brief zum Abschied waren deine letzte Geste.Jetzt bittest du mich um Rat und ich weiß nicht recht, was ich dir sagen soll. Du hast mehrere Möglichkeiten: Eine wäre, weiter zu schweigen und zu versuchen, sie zu vergessen; eine andere, eine Bank zu überfallen und ihr ein Königreich zu kaufen und ihr zu versprechen, dass du sie für immer glücklich machen wirst, oder sie zu töten oder dich zu töten oder sie und dich zu töten. Die Wahl liegt allein bei dir und ich kann dir dabei nicht helfen, denn ich liebe dich. Laura.

Kommissar Colautti las die letzten Absätze des Briefes zum dritten Mal und zündete sich verärgert eine Zigarette an. Er hätte den Fall gerne für abgeschlossen erklärt und wäre von einem Doppelselbstmord ausgegangen: Auf dem Revolver waren die Fingerabdrücke der beiden, niemand hatte etwas gehört, es gab weder Spuren von Gewalt noch Zeugen eines Streits und nur einige wenige hatten sie je zusammen gesehen. Doch dieser Brief brachte einen Namen ins Spiel. Außerdem waren da noch die regelmäßigen Anrufe der Mutter des Mädchens, die sich nach Neuigkeiten erkundigte und ihn anschrie, ihre Tochter habe sich nicht umgebracht.

Er hatte den Brief in einer Schachtel neben Caeiros Schreibtisch gefunden. Dort lagen hunderte von Gedichten, die er nicht verstand. Eines davon hatte er sichergestellt; es sagte ihm nicht viel, abgesehen von der Widmung: für Olivia. Es war ein erotisches Gedicht. Der Kerl war geil, dachte Colautti beim Lesen. Auch verwirrte ihn, dass dieser Fall so anders war als alle, die er kannte. Hier fehlten das Schmutzige und die turbulenten Ereignisse, die Tragödien sonst immer vorausgehen. Er wusste, dass der Junge ein bisschen seltsam gewesen war: Schriftsteller, Bohémien, vielleicht ein Trinker, aber, nach Aussage der wenigen, die ihn gekannt hatten, harmlos. Noch merkwürdiger erschien ihm alles, was mit ihr zu tun hatte: ein normales Mädchen, enthaltsam, mit Freunden, einer Arbeit und einer wohlhabenden Familie… ohne Gründe, sich das Leben zu nehmen, dachte er.

Der Kommissar räusperte sich und legte seine müden Füße auf den Schreibtisch, während er seinen Assistenten aufforderte, alles über eine gewisse Laura herauszufinden, die den Toten gekannt hatte. Als der Junge voller Eifer das Büro verlassen wollte, sagte Colautti:

- Peralta …

- Ja, Chef?, antwortete der Untergebene und blieb in der Tür stehen.

- Komm mal her.

Als der Junge bei ihm war, fügte er, ohne den Blick von seinem Schreibtisch zu heben, hinzu:

- Wie alt bist du?

- Fünfundzwanzig, Chef. Bald sechsundzwanzig.

- Hast du schon mal jemanden umgebracht?, fragte ihn der Kommissar und sah ihm dabei in die Augen.

- Nein, Chef, Sie wissen doch, ich bin erst seit kurzem im Dienst.

- Warst du schon einmal verliebt, Peralta?

- Nein, Chef. Na ja, doch, als ich jünger war, sagte er verlegen.

- Und hat sie dich geliebt?

- Ja … wir waren zusammen …

Colautti bot seinem Assistenten eine Zigarette an und befragte ihn weiter:

- Und was ist dann passiert?

- Ihre Eltern wollten nicht, dass ich sie sah, wir trafen uns heimlich … Später sind sie weit weggezogen.

- Hast du gelitten, Peralta?, fragte der Kommissar, ohne ihn anzusehen.

- Hm … am Anfang ja.

- Und hattest du keine Lust, sie umzubringen?

- Wen?, fragte der Junge überrascht.

- Das Mädchen!, rief der Beamte.

- Nein, nie! Der Vater war der Mistkerl. Den hätte ich gerne umgebracht, aber ich hatte nicht den Mut dazu.

- Gut, Peralta, jetzt kümmern Sie sich um das, was ich Ihnen gesagt habe, sagte Colautti und beendete damit das Gespräch. Als der Junge die Tür schloss, fügte er hinzu:

- Liebst du sie immer noch?

Peralta bewegte den Kopf, ohne zu nicken oder zu verneinen, und der Kommissar sah auf seine Uhr und stöhnte über die Langsamkeit, mit der die Zeit in diesem elenden Büro verging.

Sie packt ihren Koffer und weint bitterlich. Sie fühlt das Gewicht ihrer eigenen Worte und hat ein unendlich schlechtes Gewissen: Das Leben besteht aus Episoden, aber die Worte, verdammt, die Worte, was wird aus ihnen?, fragt sich Laura während sie sich mit dem Handrücken die Tränen abwischt.

Sie schaut noch einmal in ihre Brieftasche: Reisepass und Flugticket sind da, der Rest ist nicht wichtig. Sie hatte ihre Mutter angerufen, um ihr zu sagen, dass sie übermorgen in Madrid sein würde, und diese erwiderte: Das freut mich, mein Kind, aber warum? Sie konnte nicht darauf antworten. Die ganze Angst staute sich in ihrer Kehle und sie unterbrach das Gespräch mit einem knappen Warte auf mich.

Das Taxi würde bald kommen, um sie abzuholen, und sie war bereit. Sie denkt zurück an die Nacht mit Esteban, der so betrunken und verheult war: Sie tröstete ihn, legte ihn ins Bett wie einen Toten und entfernte sein Erbrochenes. Dieses war das letzte Mal, dass sie bei ihm war, und sie wusste, dass dies nicht der Esteban Caeiro war, den sie kannte, der Esteban Caeiro jenseits des Alkohols: Seine Stimme war nicht die seine, sie klang, als sei sie von seinem Körper losgelöst, und seine Worte schienen fremd, wie von einem anderen gesprochen.

Ein Hupen reißt sie aus ihren Gedanken. Das Taxi wartet. Sie setzt die Sonnenbrille auf, nimmt den Koffer, ihre Brieftasche und geht.

Er hatte sich viele Male geschworen, ihr nicht zu schreiben, sich nicht mit ihr zu treffen und sie nicht anzurufen, und eben so viele Male hatte er sich nicht daran gehalten. Er hinterließ ihr einen Rosenstrauß und einen Abschiedsbrief und schwor, nicht zurückzukehren, doch später berichtigte er, was er gesagt und getan hatte. Das ist nicht Liebe, das ist eine unheilbare Krankheit, sagt er zu sich, während er daran denkt, sie anzurufen und sie zu bitten, zu kommen, sei es auch zum letzten Mal.

Während er in seinem Bett liegt, beschließt Esteban, dass er die Poesie aufgeben muss. Seit einiger Zeit tut er es, jedes Mal, wenn er sich zum Schreiben hinsetzt, nur noch für sie. Er hat zu viele Tränen und zu viel Papier vergeudet. Olivia, sagt er, Olivia, wiederholt er, verdammt noch mal

Er richtet sich auf und setzt sich an seine Schreibmaschine, legt ein Blatt ein und tippt einen Titel: Chronik. Dann lässt er sich von dem Gedicht ablenken, das er vor ein paar Stunden geschrieben hat. Er liest es laut, als wäre es nicht seins: Rote Rosen / Ich fand nicht die Worte / um dir zu sagen / was ich nicht sagen wollte. / Ich wählte rote Rosen / schön und vergänglich / um die Worte nicht zu sagen / die ich nicht aussprechen konnte. / Und ich ging schweigend / und grübelte / über die gefürchteten Laute / und dachte / an die unnütze Geste / bei dir zu bleiben / für immer / in einem Strauß roter Rosen / schön und vergänglich / wie deine Spur / in meinem Leben.

Zu kitschig, sagt er zu sich selbst. Alle Liebesbriefe sind lächerlich … rezitiert er. Einen Augenblick lang bleibt sein Blick an dem gerade geschriebenen Titel haften. Er kann nicht beginnen. Er geht zurück in sein Bett, in der Hoffnung einzuschlafen. Doch die Gedanken lassen ihn nicht, und mit geschlossenen Augen sieht er ihre Gesichter klar vor sich: Laura und Olivia, Olivia und Laura, Olivia …

Man hatte ihm Laura bei einer Party vorgestellt. Sie tanzten eine Weile, tranken und landeten in ihrem Bett. Seit dieser Nacht trafen sie sich oft, wenn auch ohne große Begeisterung von seiner Seite. Spanierin, unsere Beziehung ist eine tolle Beziehung unserer Drüsen, hatte er ihr einmal zynisch gesagt.

Zur gleichen Zeit war Olivia in sein Leben getreten. Er hatte sie bei einem Treffen junger Dichter in Rosario kennengelernt. Sie interviewte ihn für das Radio und danach nahm sie seine Einladung, etwas trinken zu gehen, an. In den zwei Stunden, die sie zusammen waren, erzählte sie ihm ihr ganzes Leben, er konnte nur wenige Dinge sagen. Dann begleitete er sie nach Hause und erhaschte einen Abschiedskuss von ihr.

Esteban kehrt an seine Maschine zurück und beginnt zu schreiben: In einer kleinen Wohnung, in der Straße J. L. de Cabrera in dieser Stadt, fand man die leblosen Körper zweier junger Leute, die später als Olivia Silvani und Esteban Caeiro, beide vierundzwanzig Jahre alt, identifiziert wurden.

Auf die Anzeige eines anderen Hausbewohners hin, der angab, zwei Schüsse gehört zu haben, drang die Polizei in die Wohnung ein und fand das Resultat des traurigen Ereignisses vor: Das Paar lag auf dem Bett, an den Händen gefasst, neben einem Revolver vom Kaliber 32, beide mit einem Loch in der Schläfe.

Unser Reporter war vor Ort und fand heraus, dass sich die Tat etwa um 23 Uhr ereignete und dass es sich bei dem Mieter um Caeiro handelte – Beruf: unbekannt, Schriftsteller laut der Aussage einer Nachbarin – den die getötete Silvani, von Beruf Nachrichtensprecherin, aus Rosario stammend, gelegentlich besuchte.

Das Fehlen von Spuren von Gewalt am Schauplatz der Tragödie lässt vermuten, dass es sich um einen Doppelselbstmord handelt, der im Voraus geplant wurde. Erste Beweise lassen jedoch auch mutmaßen, dass die Waffe von einer der beiden Personen betätigt wurde, sodass wir es folglich mit einem Verbrechen, gefolgt von einem Selbstmord, zu tun hätten.

Aufgrund des laufenden Ermittlungsverfahrens gibt die Polizei keine Informationen preis.

Esteban steht auf und gießt sich ein Glas Grappa ein. Er reißt das Blatt aus der Maschine, liest den Text ohne Interesse und wirft ihn in den Papierkorb. Ich kann nicht ohne sie leben, sagt er zu sich. Ich suche mir besser eine Arbeit in einer Fabrik, am Fließband, wenn es geht, oder ich bringe mich um oder ich bringe sie um oder ich bringe sie und mich um. Esteban bemerkt, dass der Tag anbricht. Er zündet sich eine Zigarette an und beschließt, eine günstige Zeit abzuwarten, um Olivia anzurufen.

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Übersetzt von Anja Kanbach.

Die spanische Version finden Sie  hier.

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Marcelo Casarin wurde 1962 in Córdoba, Argentinien geboren. Er ist Doktor der modernen Sprachen der Universidad Nacional de Córdoba. Er lehrt und forscht am Zentrum für höhere Studien derselben Universität, wo er das Programm “Nuevos Frutos de las Indias Occidentales” (Lateinamerikanische Kulturstudien) leitet. Momentan ist er als Kulturdirektor der Stadt Córdoba tätig. Seine schriftstellerischen und essayistischen Texte erschienen in verschiedenen nationalen und internationalen Publikationen. Dazu gehören: El heredero (Roman, 2008); Vicisitudes del ensayo y la crítica (Essayband, 2007); Daniel Moyano. El enredo del lenguaje en el relato: una poética en la ficción (Essay, 2002); Bonino, actor de mi propia obra (Roman, 2003); und Después de la noche (Erzählung, 1993).


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