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Der akute Wassermangel und die Folgen

Autor:  | Februar 2009 | Artikel empfehlen

Die warme Wasserströmung des Pazifiks, genannt “El niño” ist schon vor einiger Zeit von der Ostküste des amerikanischen Kontinentes abgezogen, so dass der Pazifische Ozean in dieser Gegend kälter geworden ist und weniger Wasserverdunstung ergibt, die der Wind dann über die Andenkordillere über ganz Südamerika verstreut, wo sie zu Regenfällen führt. Diese Lage ohne “El niño” wird im Volksmund “La niña” benannt. Ob auch andere Faktoren bei dieser extremen Dürre mitgespielt haben, sei dahingestellt; Tatsache ist, dass in Argentinien ab März eine Dürre im grossten Teil des Landes eingetreten ist. Im November hat es dann geregt, was zu erwarten war, nachdem die Kordillere mit viel Schnee bedeckt war, den der Wind aus dem Pazifik in Regen verwandelt. Aber es war schliesslich zu wenig Regen, und im Dezember ist die Dürre erneut eingetreten, mit verheerenden Folgen. Gemäss einem Bericht des nationalen meteorologischen Dienstes hat es seit 1961 nicht so wenig geregnet, wie 2008/09. Die Regenfälle lagen um 40% unter dem Durchschnitt vorangehender Jahrzehnte.

Die Getreidebörse von Buenos Aires berichtet, dass die Weizenernte 2008/09 nur 8,8 Mio. t betragen werde, statt der 9,3 Mio. t, die noch vor einigen Wochen geschätzt wurden. Gegenüber den 16 Mio. t der Ernte 2007/08 ist dies knapp über die Hälfte. Es ist die schlechteste Ernte seit 1988/89; ohne den technologischen Fortschritt, der inzwischen stattgefunden hat (Bessere Auswahl der Samen, direkte Aussaat, viel mehr Düngung und Verwendung von Chemikalien zur Insektenvertilgung) wäre die Ernte noch viel schlechter gewesen. Wenn man berücksichgtigt, dass mindestens 6 Mio. t Weizen notwendig sind, um den Binnenkonsum zu befriedigen, dann bleiben keine 3 Mio. t für den Export übrig, gegen 10 Mio. t im letzten Jahr.

Mais (Foto: Quetzal Redaktion, ssc)Bei Mais ist die gesäte Fläche um 20% zurückgegangen. Aber auch die Erträge sind wesentlich niedriger, so dass mit einer Ernte von 15,5 Mio. t gerechnet wird, gegen 22 Mio. t im Vorjahr. Bei Sonnenblume wurde 30% weniger gesät, wobei die Ernte jedoch auf die Hälfte sinken könnte. Bei Sojabohne ist schon davon die Rede, dass von den 18 Mio. Ha, die gesät werden sollten, 2 Mio. abgezogen werden müssen, und auch mit niedrigeren Erträgen gerechnet wird. Wenn es in den kommenden Wochen nicht ordentlich regnet, wird die Grobernte noch mehr in Mitleidenschaft gezogen, so dass die Erträge noch niedriger ausfallen. Gesamthaft wird nicht mehr mit 80 Mio. t und mehr gerechnet; mit 75 Mio. t müssten wir uns zufrieden geben. 2007/08 waren es 97 Mio. t!

Die Lage ist in den verschiedenen Gegenden des Landes unterschiedlich. Im Norden von Santa Fé und den anrainenden Gegenden von Santiago del Estero und Chaco, liegt die Regenmenge der letzten Monate gemäss Angaben des meteorologischen Dienstes um 70% unter dem Normalstand.

Diese extreme Dürre betrifft auch die Rinderzucht und die Milchwirtschaft. In trockenen Gegenden sind schon einige hunderttausend Rinder wegen Wassermangel gestorben. Das bezieht sich auf den direkten Mangel und auf das Austrocknen der Weiden. Es fällt auf, dass dieses Problem nicht behoben wurde; denn Wasser, damit die Tiere nicht verdursten, kann man in Lastwagen herbeiführen, und Futtermittel auch. Die Landwirte dieser Grenzgegenden haben jedoch nicht die Mittel, um dies zu bezahlen. Warum hat die Regierung, die über dasONCCA-Amt Milliarden Pesos an Subventionen verteilt, hier nicht geholfen? Wahrscheinlich aus Schlamperei, aber eventuell auch weil die zuständigen Beamten nicht informiert wurden oder sich nicht für das Problem interessiert haben. Es handelt sich um eine sichtbare Folge des mangelnden Kontaktes zwischen den Landwirten und der Regierung. Der Verlust der Rinder ist auf alle Fälle unverhältnismässig teurer als der Wassertransport und die Versorgung mit Futter.

Da die Rinder weniger Gras zum fressen haben, und künstliches Futter, bestehend aus Heu, Mais und Sojabohne, teuer und knapp ist, wird auch mit weniger Gewicht der Rinder gerechnet. Die Regierung ist hier den Landwirten entgegengekommen und hat die Erhöhung des Mindestgewichtes bei Schlachtungen, von 260 auf 280 kg., die ab 1. Januar vorgesehen war, um 180 Tage vertagt. Das Endergebnis wird auf alle Fälle eine niedrigere Fleischproduktion sein, sofern die Landwirte nicht mit dem Abbau ihres Bestandes weiterfahren, wie schon im letzten Jahr. Dann tritt das Problem später auf, in drastisch verschäfter Form.

Bei den Kühen wirkt sich die ungenügende Nahrung auf die Geburtenrate aus. Wenn die Kühe nach der Geburt ihres Kalbes im letzten Frühling keine ausreichende Ernährung erhalten haben, dann wird die Zahl derjenigen zunehmen, die im neuen Zyklus nicht schwanger werden, so dass die durchschnittliche Geburtenrate, die normalerweise leicht über 60% liegt, um einige Punkte zurückgehen dürfte. Der Rinderbestand geht dann noch mehr zurück. Bei den Milchkühen führt dies zu einer geringeren Milchproduktion.

Wie wenn all dies nicht ausreichen würde, um ein Katastrophenszenarium darzustellen, gefährdet der Wassermangel auch die Stromversorgung. Einmal sind die Stauseen der Comahue-Gegend im Neuquén und Rio Negro gefährdet, und dann auch der Staudamm von Salto Grande. Bei Yacyretá wirkt sich dies weniger aus, weil der Paraná viel Wasser trägt und ausserdem weiter oben vom Riesenstaudamm Itaipú reguliert wird. Dennoch ist es auffallend,dass der Paraná-Fluss und auch der La Plata bei Buenos Aires in der Vorwoche einen so ungewöhnlich niedrigen Stand aufgewiesen haben. Eventuell ist dies auch auf die Füllung des Staudammes von Yacyretá zurückzuführen, dessen Pegel nach und nach erhöht wird.

Argentinien hängt zu fast 40% seiner Stromversorgung von Wasserkraftwerken ab. Wenn die Leistung derselben jetzt abnimmt, dann entsteht ein Problem, da das Stromsystem gesamthaft bei voller Auslastung der Kapazität funktioniert. Halten wir den Daumen, dass es in den nächsten Wochen und Monaten wieder regnet!

Massnahmen zur Förderung der Landwirtschaft

Am Mittwoch kündigte Präsidentin Cristina Kirchner folgende Massnahmen zur Unterstützung der Landwirtschaft an:

  • Die Banco Nación wird den Kauf von lokal erzeugten Landmaschinen (Traktoren, Erntemaschinen u.a.) zu 14% auf 5 Jahre, ohne Wertberichtigung, und bei einer Subvention von 6 Punkten durch das Landwirtschaftssekretariat, finanzieren. Die Präsidentin wies darauf hin, dass dies bedeute, dass der Nettozins bei 8% liege, was niedriger als die Inflation sei, so dass die Landwirte ein Geschenk erhalten. Sie klärte nicht auf, wie hoch der Gesamtbetrag dieser Kredite sein wird, und auch nicht, woher das Landwirtschaftssekretariat das Geld für die Subvention nehmen wird, das nicht im Haushaltsgesetz aufgeführt ist.
  • Die Preise von Chemikalien für die Landwirtschaft (Düngemittel, Insekten- und Unkrautvertilgungsmittel) sollen im gleichen Ausmass mit den Preisen von Getreide und Ölsaaten schwanken. In diesem Sinn sei ein Abkommen mit den Lieferanten dieser Produkte unterzeichnet worden. In der Praxis ist dies äusserst kompliziert, so dass man nicht weiss, wie so etwas durchgeführt werden soll.
  • Exporte landwirtschaftlicher Produkte sollen vorfinanziert werden. In diesem Sinn wurde am Freitag eine öffentliche Ausschreibung für einen Betrag von u$s 100 Mio. eingeleitet. Dies bezieht sich vornehmlich auf Obst, Gemüse und gewisse regionale Produkte.
  • Die Erhöhung des Mindestgewichtes, das für Rinder festgesetzt wird, die geschlachtet werden, wurde für 180 Tage (ab 31.12.08) bei 260 kg belassen, statt es wie vorgesehen auf 280 kg zu erhöhen. Dies erscheint zwar angesichts der Dürre vernünftig, wurde jedoch von Unternehmen kritisiert, die Feed-lots betreiben, denen sonst die Tiere zugeführt werden, die ein höheres Gewicht benötigen.
  • Die Regierung wird Abkommen zwischen den Betreibern von Feed-lots und den Milchproduzenten fördern, damit die Kälber gefüttert werden können. Die Betreiber von Feed-lots werden dem Landwirt das Futter übergeben, das er benötigt, um die Kälber während der 90 bis 100 Tage zu füttern, während denen das Kalb nicht von der Kuh getrennet werden kann. Danach wird das Kalb auf den Feet-lot übertragen, wobei der Betreiber eine Subvention von $ 200 pro Kalb erhält. Wenn der Unternehmer des Feed-lots das Tier schliesslich verkauft, dann muss er eine eventuelle Differenz zwischen dem Erlös und den Kosten der Mästung dem Landwirt zurückgeben. Das System ist in der Praxis reichlich kompliziert. Die vorangehende Ankündigung, dass diese Kälber in staatlich errichteten Feedlots gemästet werden sollten, wurde bei Seite gelassen.
  • Die Präsidentin kündigte einen Plan an, um den Rinderzüchtern allgemein Futtermittel zukommen zu lassen. Einzelheiten über dieses in der Praxis teure und logistisch komplizierte Vorhaben wurden nicht bekanntgegeben.

Die Vertreter der landwirtschaftlichen Verbände, die zur Ankündigung der Massnahmen in der Residenz von Olivos nicht eingeladen worden waren, äusserten sich skeptisch über dieses Massnahmenpaket. Der Kauf von Landmaschinen interessiere jetzt wenig, da es beiden Landwirten jetzt um die Überwindung der Krise, gelegentlich um das Überleben als Landwirt, und nicht um Expansion gehe. Was das Preissystem für Chemikalien betrifft, so erklärten Landwirtschaftsvertreter, sie hätten es nicht verstanden. Schliesslich wiesen sie noch darauf hin, dass die Notstandserklärungen, gemäss dem seit Jahrzehnten bestehenden Gesetz, mit grosser Verzögerung verfügt würden, was Schwierigkeiten schaffe. Bei Notstandserklärung werden nämlich nationale und provinzielle Steuern gestundet.

aus: Argentinisches Tageblatt, Nr. 31.702, 118. Jahrgang, 17. Januar 2009, S.7, 9 -10.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Argentinischen Tageblatt.

Bildquelle: Quetzal-Redaktion, ssc.


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