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Bicentenario 1821-2021 (I): Im Irrgarten lateinamerikanischer Unabhängigkeitstage

Autor:  | Juli 2021 | Artikel empfehlen

An den Bicentenario, den 200. Jahrestag der Unabhängigkeit Spanisch-Amerikas, wurde bereits vor mehr als zehn Jahren umfassend erinnert. Gemeinhin gilt das Jahr 1810 als Beginn jenes Revolutionszyklus, der 1826 die spanische Kolonialherrschaft auf der Tierra Firme, dem kontinentalen Festland, beendet hat. 2010 feierten fünf lateinamerikanische Länder ihren nationalen Bicentenario: Venezuela am 19. April, Argentinien am 25. Mai, Kolumbien am 20. Juli, Mexiko am 16. September und Chile am 18. September. Ein Jahr später begingen Paraguay (14. und 15. Mai) und noch ein mal Venezuela (5. Juli) dieses Jubiläum.

In der Karibik ist der zeitliche Rahmen der Erringung der nationalen Unabhängigkeit besonders groß. Dort spannt sich der Bogen vom 1. Januar 1804, an dem Jean-Jacques Desallines die Unabhängigkeit Haitis von Frankreich deklarierte, über Kuba, das bis 1898 spanische Kolonie war und nach US-amerikanischer Besatzung erst 1902 formell selbständig wurde, bis in die 1960er und 1970er Jahre, als die meisten englischsprachigen Inseln ihre staatliche Unabhängigkeit erhielten. Auf dem südamerikanischen Kontinent ist Französisch-Guyana das letzte Überbleibsel des Kolonialismus, während Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und die USA in der karibischen Inselwelt weiterhin unter verschiedenen Bezeichnungen Territorien in kolonialer Abhängigkeit halten.

Verwirrende Vielfalt nationaler Jubiläen

Wenn Venezuela mit zwei nationalen Bicentenarios – 19. April und 5. Juli – aufwarten kann, dann stellt es beileibe keine Ausnahme dar. Die meisten – nämlich vier – Unabhängigkeitstage begeht Ecuador: anlässlich des „Primer Grito de Independencia“ vom 10. Independencia_Spanien_Bild_Quetzal-Redaktion_gcAugust 1809, in Erinnerung an die Unabhängigkeit der Hafenstadt Guayaquil, die am 9. Oktober 1820 verkündet wurde, gefolgt von der „Independencia de Cuenca“ vom 3. November desselben Jahres und schließlich in Gedenken an die Schlacht von Pichincha, die am 24. Mai 1822 stattfand.

In Bolivien wurde 2009 der Bicentenario ebenfalls zwei Mal gefeiert: am 25. Mai anlässlich des Volksaufstandes gegen den Gouverneur und Intendanten von Chuquisaca, Ramón García León de Pizarro, und am 16. Juli, als eine Junta in La Paz die lokale Autonomie verkündete. Angesichts der Tatsache, dass das Land erst 1825 durch Armeen unter dem Befehl von Simón Bolívar und Antonio José de Sucre von außen befreit wurde, stellt sich die Frage, weshalb Ereignisse den Status von Unabhängigkeitstagen erlangt haben, die 1809 – also 16 Jahre vor der realen Befreiung von der spanischen Kolonialherrschaft – stattfanden. Und warum datiert Bolivien den Beginn des Unabhängigkeitskampfes nicht auf die Jahre 1780 und 1781, als die großen Indianeraufstände unter Führung von Tupac Amaru und Tupac Katari die erste tiefe Bresche in das Kolonialregime schlugen? Aber selbst in Ländern wie Paraguay, dessen Bicentenario am 14. und 15. Mai 2011 in großer nationaler Eintracht gefeiert wurde, diskutieren Historiker, ob nicht der 12. Oktober 1813 als Tag der „eigentlichen Unabhängigkeit“ besser geeignet wäre.

Die tiefere Ursache der verwirrenden Vielfalt von Bicentenarios, mit denen die Länder von Mexiko bis Chile ihre Unabhängigkeit begehen, liegt im langwierigen und komplexen Verlauf des antikolonialen Kampfes selbst begründet. Will man sich im Gestrüpp der Ereignisse und Interpretationen der Independencia zurechtfinden, muss man zunächst die Umbrüche in den Blick nehmen, die sich im Vorfeld und parallel dazu in Spanien ereignet haben. Ohne die Wechselwirkungen zwischen den Kämpfen, die auf beiden Seiten des Atlantik seit dem Ausbruch der französischen Revolution 1789 ausgefochten wurden, bleibt die Independencia Lateinamerikas ein Rätsel.

Revolution in Spanien (1808-1814)

Spanien, das zunächst gegen das revolutionäre Frankreich Krieg führte, ging 1796 ein Bündnis mit dem Nachbarland ein. Spätere Abkommen mit Napoleon führten 1807 zum Einmarsch französischer Truppen und 1808 zur Abdankung der spanischen Monarchie zugunsten der kaiserlichen Familie. Von Mai 1808 bis zur Rückkehr Ferdinands VII. im März 1814 kämpften die Spanier gegen die französische Besatzung. Das 1808 entstandene Machtvakuum im Zentrum des spanischen Imperiums und der Krieg gegen Napoleon öffnete das historische Fenster für zwei revolutionäre Prozesse, die sich gegenseitig beeinflussten: In Spanien selbst begann unter Führung der Liberalen eine politische Revolution, die 1812 ihren Niederschlag in der Verfassung von Cadiz fand, während in den amerikanischen Kolonien unter kreolischer Führung der Kampf um die Unabhängigkeit begann. Die Bildung von Juntas und die Forderungen nach Autonomie an verschiedenen Orten Spanisch-Amerikas richteten sich bis 1810 zunächst gegen die französische Usurpation im Mutterland und beriefen sich auf den inhaftierten König Ferdinand VII. Erst später entwickelte sich aus dieser Bewegung der bewaffnete Kampf um die Unabhängigkeit, wobei bis 1821 große Gebiete unter der Kontrolle der spanischen Kolonialverwaltung verblieben.

Chronologie der wichtigsten Ereignisse

1759-1788 Regierung Karls III.; Höhepunkt des aufgeklärten Absolutismus in Spanien

1789 Beginn der Französischen Revolution

1793-1795 Spanien im Krieg mit Frankreich

1796 Bündnisvertrag mit Frankreich

1800 Louisiana an Frankreich abgetreten

1801 Krieg gegen Portugal

1805 Vernichtung der spanisch-französischen Flotte bei Trafalgar

1807 französische Armee unter General Junot besetzt Lissabon

1808 19. März Karl IV. dankt zugunsten seines Sohnes Ferdinand VII. ab

20. März Französische Truppen besetzen Madrid 2. Mai Volksaufstand in Madrid – Beginn des Befreiungskampfes gegen Napoleon

5. und 10. Mai Thronverzicht Karls IV. und Ferdinands VII. In Bayonne 6. Juli Junta von Sevilla erklärt im Namen Spaniens Napoleon den Krieg

25.September Konstituierung der Obersten Zentraljunta in Aranjuez 5. November Beginn der französischen Gegenoffensive

1809 14. Januar Bündnisvertrag der Zentraljunta mit Großbritannien 22.Januar Dekret der Zentraljunta über die Gleichberechtigung der Kolonien

18.-20. August Reformgesetze Josephs I.

1810 24. Januar Zentraljunta räumt Sevilla

29.Januar Übernahme der Regierungsgewalt durch Regentschaftsrat

24.September Zusammentritt der allgemeinen und außerordentlichen Cortes auf der Isla de Leon 15. Oktober Cortes erklären die Gleichberechtigung der Kolonien

1811 24. Februar Cortes übersiedeln nach Cadiz

1812 Verkündung der Verfassung von Cadiz

1813 30.Juni nach erfolgreichen Kämpfen unter englischem Oberbefehl (Lord Wellington) überschreiten die ersten spanischen Einheiten die Grenze nach Frankreich

1. Oktober Eröffnung der (zweiten) ordentlichen Cortes 11. Dezember Wiedereinsetzung Ferdinands VII.; Beendigung des Krieges

1814 15. Januar Cortes nehmen Sitzungen in Madrid auf

22. März Rückkehr Ferdinands VII.

12. April „Manifest der Perser“ rechtfertigt die proabsolutistische Konterrevolution

4. Mai Annullierung der Verfassung von Cadiz und aller Cortes-Dekrete – Beginn der absolutistischen Restauration

Die liberale Verfassung von Cadiz und ihre Bedeutung für Spanisch-Amerika

San-Martin-Denkmal_Finisterra_Bild_Quetzal-Redaktion_gcNach 1808 wirkten vor allem zwei Ereignisse in Spanien auf die Kolonien zurück: Die Verabschiedung der liberalen Verfassung von Cadiz 1812 und deren Annullierung durch Ferdinand VII. im Mai 1814. Obwohl die Verfassung ein legitimes Kind der liberalen Revolution in Spanien war, blieb sie in Bezug auf die „amerikanische Frage“ zu unbestimmt, um den Independistas das Wasser abzugraben. Zugleich spalteten sich die Loyalisten in der Kolonialverwaltung und unter den Kreolen in Befürworter und Gegner der Verfassung. Der Sieg der absolutistischen Konterrevolution 1814 in Spanien und die Entsendung frischer Truppen nach Amerika veränderten die Situation in Spanisch-Amerika erneut. Mit der Entmachtung der Liberalen geriet auch die bewaffnete Unabhängigkeitsbewegung in die Defensive. Lediglich die Gebiete am Rio de la Plata widerstanden der spanischen Gegenoffensive. Eine erneute Wende – diesmal sowohl zugunsten der Liberalen als auch zugunsten der Unabhängigkeitsbewegung – bewirkte die zweite spanische Revolution von 1820 bis 1823, das sog. Trienio. Anfang 1820, im Ergebnis des Aufstandes von Truppen (20.000 Mann), die für den Einsatz in den Kolonien vorgesehen waren, ergriffen die Liberalen die Macht und veranlassten Ferdinand VII., die Verfassung von Cadiz wieder in Kraft zu setzen. Damit wurden auch die Karten im Kampf um die Unabhängigkeit in Spanisch-Amerika neu gemischt.

1821 – ein neuer Höhepunkt der Independencia?

1815, ein Jahr nach dem Sieg der absolutistischen Konterrevolution im Mutterland hatten die Spanier die Unabhängigkeitsbewegung in Amerika weitgehend zurückgedrängt. Simón Bolivar, der Befreier Südamerikas, erlitt trotz der Unterstützung durch Pétion, der von 1806 bis 1818 als Präsident Haiti regierte, schwere Rückschläge. 1818 gelang es Bolívar dank des Bündnisses mit den llaneros, die zuvor an der Seite der Royalisten gekämpft hatten, wieder festen Fuß in seiner Heimat Venezuela zu fassen. Im Süden des Kontinents hatte José de San Martín die Anden überquert und Chile soweit befreit, dass es seine Unabhängigkeit sichern konnte. Dennoch befanden sich die beiden Zentren des spanischen Kolonialreiches – Peru und Mexiko – bis 1821 fest in den Händen der Spanier. Bis zum Sieg Simón Bolívars in der Entscheidungsschlacht von Ayacucho am 9. Dezember 1824 vergingen noch einmal mehr als drei Jahre und die letzten spanischen Truppen verließen sogar erst 1826 ihre letzten Bastionen im Süden Chiles.

Dennoch bleibt die Frage, weshalb sowohl Mexiko, wo ab 1815 die Royalisten die Unabhängigkeitsbewegung militärisch zerschlagen hatten und seitdem weitgehend unangefochten regierten, als auch Peru, wo das Gros der spanischen Kolonialarmee konzentriert war, ihre Unabhängigkeit von Spanien bereits 1821, also mehr als drei Jahre von Ayacucho proklamieren konnten. Daraus ergeben sich zwei weitere entscheidende Fragen. Inwiefern ist es dann gerechtfertigt, in Bezug auf 1821 von einem neuen Höhepunkt – oder vielleicht sogar dem Höhepunkt – der Independencia zu sprechen? Und welche Rolle spielt die zweite liberale Revolution in Spanien, der Trienio von 1820 bis 1823, bei der Erklärung der „Unabhängigkeitswelle“ von 1821?

Ausblick

Um diese Fragen zu beantworten, werden in eigenständigen Beiträgen bis zum Jahresende 2021 folgende jene fünf Länder näher untersucht und abschließend verglichen, in denen dem Jahr 1821 eine prominente oder gar entscheidende Bedeutung bei der Erringung der Unabhängigkeit zukommt. Die Reihe wird von Peru eröffnet, dessen Unabhängigkeitsfeiern auf den 28. und 29. Juli fallen. Es folgt zweitens Mexiko, das am 16. September zwar des „Grito de Dolores“ von 1810 gedenkt, seine reale Unabhängigkeit aber erst elf Jahre später erlangt hat, wobei dem 24. August 1821 besondere Beachtung geschenkt werden soll. Drittens müssen die fünf Länder Zentralamerikas, die am 15. September ihre Unabhängigkeit von Spanien feiern – Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua und Costa Rica – in die vergleichende Betrachtung einbezogen werden. Gleiches gilt für Panama, das diesen Schritt am 28. November 1821 vollzogen hatte. Ein Sonderfall stellt fünftens die Dominikanische Republik dar. Auf der östlichen Hälfte der Insel Hispaniola wurde am 1. Dezember 1821 der „Estado independiente de Hayti español“ (dt.: Unabhängiger Staat des Spanischen Haiti) ausgerufen, der aber nur wenige Wochen existierte und bis 1844 vom benachbarten Haiti annektiert wurde. Kuba und Puerto Rico blieben hingegenbis zum Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 spanische Kolonien.

Man könnte sogar Kolumbien in die Reihe der Länder aufnehmen, für deren Unabhängigkeit das Jahr 1821 von Bedeutung ist. Dort tagte vom 6. Mai bis 21. Oktober 1821 in Cúcuta der Generalkongress. Am 30. August verabschiedete er im Namen aller Provinzen des ehemaligen Vizekönigreiches Neu-Granada und der Generalkapitanie Venezuela eine Verfassung, in der die vollständige Unabhängigkeit von Spanien endgültig festgeschrieben wurde. Uruguay, das den Reigen der Independencia Spanisch-Amerikas als letztes kontinentales Land abschließt, wurde erst am 25. August 1825 unabhängig – allerdings nicht von Spanien, sondern von Brasilien. Das wäre dann ein weiterer Grund, das Thema des Bicentenarion in vier Jahren erneut aufzugreifen.

 

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Literatur

Carantoña Álvarez, Francisco : La historiografía sobre el Trienio Liberal: entre el estigma del fracaso y el enfoque militante, in: Pasado y Memoria. Revista de Historia Contemporánea, 22, 2021, S. 19-52

Kossok, Manfred: Unabhängigkeitskrieg und Revolution in Spanien 1808-1814, in: derselbe (Hrsg.), Revolutionen der Neuzeit 1500-1917, Berlin 1982, S. 143-160

Kossok, Manfred: Revolution und Konterrevolution in Spanien 1820-1823, in: ebenda, S. 181-196

Rújula, Pedro/ Frasquet, Ivana (coords.): El Trienio Liberal (1820-1823). Una mirada política. Granada 2020

 

Hinweis: Mexikos Bicentenario: Was bleibt vom lateinamerikanischen Modellfall? – Ein Literaturbericht (Februar 2011) unter: http://www.quetzal-leipzig.de/lateinamerika/mexiko/mexikos-bicentenario-19093.html

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Bildquellen: [1-2] Quetzal-Redaktion_gc


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