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Argentinien – Ein Volk hat es satt

Autor:  |  Winter 2001

Es war am Mittwoch, den 19. Dezember, ein Tag wie jeder andere in Argentinien, kurz vor Sommeranfang und Weihnachten, als das Volk auf die Straße ging und bis zur historischen Plaza de Mayo lief. Die Plünderungen der Supermärkte begannen in Buenos Aires und dehnten sich wie ein Lauffeuer auf weitere elf Provinzen des Landes aus. Dieser Tag war geprägt von Ausschreitungen zwischen den Armen, die Lebensmittel fordern, den Kriminellen, die sich unter das Volk mischen und von der Situation profitieren, und den Polizeibeamten.Der damalige Präsident Fernando de La Rúa hat das Ausmaß dieses allgemein umfassenden Konflikts nicht erkannt und rief die Medien dazu auf, “die Bevölkerung nicht zu beunruhigen”. Blind und taub überhörte er selbst die Ratschläge seines eigenen Kabinetts und rief den Ausnahmezustand aus. Aber die Argentinier/innen ignorierten seine Worte, sie hatten es satt und besetzten empört die Plaza de Mayo, um ihrer Wut Luft zu machen. Das Volk, das unter der Ära Menem wie gelähmt blieb, entschied sich auf einmal, dass es Zeit war, basta zu sagen, und versammelte sich spontan zu Demonstrationen, die das ganze Land erschütterten.

Am Donnerstag, den 20. Dezember, begannen sich die Geschicke Argentiniens allmählich zu ändern. Um die Mittagszeit liefen die Menschen in Buenes Aires erneut auf den Platz. Hausfrauen, Rentner, Arbeitslose, Beschäftigte, Studenten, Familien mit Kindern – alle klatschten sie in die Hände, schrien wild durcheinander, beklagten ihre schlechten Gehälter und forderten mit viel Gesang eine Veränderung ihrer gravierenden und scheinbar auswegslosen Lage. Die meisten trommelten mit Deckeln oder Löffeln lautstark auf die mitgebrachten Töpfe und gaben nach den langen Jahren unterdrückten Schweigens endlich den Ton an.

Dieses friedliche Szenario verlief jedoch bald blutig, und in nur wenigen Augenblicken brachen genauso tragische Ereignisse wie im September 1955 aus. Diesmal kamen die riesigen Lastwagen von der Seite und steuerten direkt auf den Platz zu. Patrouillen, Pferde, Angehörige der Armee und zahlreiche Polizisten fielen über die Demonstranten her. Tränengas, Gummi- und Bleigeschosse, Steine, Bomben, Rauch, Verzweiflung, Schreie, Tränen und blanker Horror – trotz der grausamsten Repression, die das Land nach 18 Jahren Demokratie erleiden musste, ließ sich das Volk nicht vertreiben und widersetzte sich der staatlichen Gewalt.

Der derzeitige argentinische Präsident regiert nunmehr seit eineinhalb Monaten, aber die Täter der Repressionen wurden bislang noch nicht für ihre Verbrechen zur Verantwortung gezogen, nur der Polizeichef Rubén Santos wurde abgesetzt, aber von den Schuldigen der verübten Morde an sechs Personen auf dem Platz weiss niemand etwas. Seitdem gab es fünf Präsidenten, De La Rúa, der zurücktreten musste, Puerta, Adolfo Rodríguez Saá, der von Ruhm und Reichtum träumte und sich schließlich, selbst von seiner eigenen Partei alleine gelassen, zurückzog, Camaño und der selbsternannte “Präsident der Übergangszeit”, Eduardo Duhalde. Argentinien steckt in einer tiefen ökonomischen Krise, deren Ursprung bereits 25 Jahre zurückliegt. Das Finanzsystem bricht zusammen, die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 17 Prozent und steigt tendenziell immer weiter und die vielgepriesene Konvertibilität – der “falsche Stern” der Regierungszeit des ehemaligen Präsidenten Menem – ist eine alte Geschichte. Der Dollar ist nach wie vor ein begehrtes Gut, das überall gehandelt wird. Die Sparer/innen verzweifeln im Hinblick auf die Tatsache, dass niemand weiss, wann und ob die Banken ihnen ihr Geld auszahlen werden. Indessen schließen viele Geschäfte und auch die einheimischen Fabriken kämpfen mit wenig Hoffnung um ihr Überleben. Die Beschäftigten erfahren, dass ihr Gehalt immer weniger wert und zudem ohne große Erklärungen einfach gekürzt wird.

Sogar das Rechtssystem Argentiniens wird in Frage gestellt. Der oberste Gerichtshof ist völlig in Verruf geraten, nachdem dieser den Ex-Präsidenten Carlos Saúl Menem freigesprochen hat. Obwohl das Agieren der Banken als verfassungswidrig erklärt wurde, fordert das Volk weiterhin den Rücktritt aller Verantwortlichen im Bereich der Justiz, und eine Kommission, die sich aus Abgeordneten zusammensetzt, arbeitet daran, einen politischen Prozeß gegen die Entscheidungsträger einzuleiten.

Das ökonomische, rechtliche und soziale Chaos in Argentinien hat eine politische Legitimitätskrise ausgelöst. Während die traditionellen Institutionen des Landes, darunter auch die Medien und Gewerkschaften, hinterfragt werden, setzt das Volk seine wenigen Hoffnungen auf die spontanen Versammlungen. Die Menschen haben es satt, von einer politischen Elite regiert zu werden, die größtenteils korrupt ist und sich bis heute – trotz der Beschwerden des Volkes – straffrei bewegt. Sie versammeln sich auf den Plätzen ihrer Stadtteilviertel, diskutieren und suchen potentielle Lösungen für den katastrophalen Zustand, in dem sie und ihr Land sich befinden. Sicher ist, dass die Anliegen aller kaum zu befriedigen sind. Die privaten Schuldner fordern eine Erleichterung ihrer Schulden, die Gläubiger wollen ihre gewährten Kredite in Dollar zurück, die Bürger/innen verlangen ihre Ersparnisse, um Urlaub zu machen und die Arbeitslosen reklamieren keine Hilfsgelder, sondern einen festen Arbeitsplatz. Die Frauen aus der Mittelschicht trommeln auf ihren Töpfen, weil sie ihr Geld von den Banken wiederhaben möchten und die Familien in den argentinischen Hochsteppen beten in den Bergen, damit sich die Hauptstadt an sie und ihren Hunger erinnert.

Das staatliche Handeln ist grundlegend und schon die argentinische Verfassung sagt, “das Volk regiert durch seine Repräsentanten”. Doch dieses Volk ist müde, mißtrauisch und vor allem sehr weit entfernt von seinen Repräsentanten, so dass es schwierig erscheint, sich eine optimistische Zukunft für Argentinien vorzustellen.


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