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Sequoia, Sprengstoff und Salpeter – Die Abenteuer des Thaddäus Haenke aus Kreibitz

Autor:  | Dezember 2020 | Artikel empfehlen

Europa würde sich entvölkern, wenn seine Bewohner

deutliche Begriffe von dem Glücke, von der Schönheit,

dem Überflusse und der ungestörten glücklichen Ruhe

dieser Länder hätten.

Thaddeus Haenke in einem Brief an seine Mutter

 

Es gibt ja Geschichten, die wirken so unrealistisch, dass sie nicht einmal Hollywood hätte erfinden wollen. Aber, seien wir ehrlich – Wissenschaftler und Wissenschaft sind ja sowieso nicht unbedingt die beliebtesten Themen der Traumfabrik. Das ist doch eine viel zu vielschichtige und komplizierte Materie. Und ein anständiges Happy End gibt es hier auch nicht. Da zieht einer aus, um berühmt und auch unsterblich zu werden. Er leistet Großes, ja Pionierarbeit auf vielen Gebieten – doch berühmt wird er nicht. In der Fremde wird er ein Freund der Einheimischen und trägt gleichzeitig zur Zerstörung ihrer Lebensgrundlage bei. Sein Sehnen ist es, den Menschen zu helfen und doch bringt er mit seiner Arbeit auch Tod und Vernichtung. Das wirkt alles ein wenig konstruiert, und ist damit für die gängigen Hollywoodmärchen zweifellos viel zu komplex. Die Geschichte eines Universalgelehrten, den heute keiner mehr kennt? Das klingt ja nun wirklich nach einer gründlich gescheiterten Existenz. Oder doch nicht?

Doch gehen wir der Reihe nach und beginnen ganz traditionell mit dem Anfang. Der liegt im böhmischen Kreibitz, dem heutigen Chřibská. Dort wurde am 5. (oder 6.) Dezember 1761 Thaddäus Xaverius Peregrinus Haenke als siebentes von zwölf Kindern der Eheleute Elias Georg Thomas und Anna Rosalie Haenke geboren. Der Vater war Anwalt und Bürgermeister im k.u.k.Städtchen. Der Knabe erwies sich frühzeitig als vielseitig begabt und Papa nahm offensichtlich einige Beschwernisse auf sich, um dem Sohn eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Doch trotz des Einsatzes des Vaters wären Haenkes Studien ohne vermögende Unterstützer nicht möglich gewesen. Der kleine Thaddäus wurde nach Prag geschickt, wo er zunächst am Altstädter Gymnasium lernte. Später studierte er an der Karlsuniversität Mathematik und Astronomie. Er schloss mit dem Magister ab, was dem heutigen Doktorgrad entspricht.Seine Studien ergänzte er um die Fächer Medizin, Mineralogie und Botanik, die er in Wien u.a. bei Nikolaus von Jaquin und Ignaz von Born belegte. Man kann ihn durchaus als einen Universalgelehrten bezeichnen, er wird sich später auf all diesen Feldern betätigen. Zudem wird von ihm berichtet, dass er Deutsch, Italienisch, Französisch, Latein und Tschechisch sprach. In Südamerika kamen noch Spanisch und wohl auch (mindestens eine) indigene Sprache aus dem Andenraum hinzu.

Der Botaniker

Bereits als Student unternahm Haenke Exkursionen in die Alpen und ins Riesengebirge, um dort botanische Studien zu treiben, deren Ergebnisse er in verschiedenen Aufsätzen zusammenfasste. Doch der junge Forscher wollte mehr. Sein Wunsch, sich größeren Aufgaben zuzuwenden, sollte sich 1789 erfüllen. Auf Empfehlung seiner Wiener Lehrer und vermittelt vom Marchese Graneri bestätigte ihn der spanische König als Mitglied der Malaspina-Expedition.

Alessandro Malaspina di Mulazzo, ein italienischer Adliger und Seefahrer, leitete von 1789 bis 1794 eine spanische Expedition mit dem Ziel, den Pazifik naturwissenschaftlich zu erforschen. Die Forschungsreise erkundete die Westküste Amerikas von Patagonien bis Alaska und führte dann über Guam und die Philippinen nach Neuseeland. Für Thaddäus Haenke war diese Expedition zweifellos eine hervorragende Chance, als Forscher bekannt zu werden. Seine Funktion im Expeditionsteam war die eines botanischen 

Naturforschers; als solcher ersetzte er Carlos Cristiano Gmelin, der seine Teilnahme absagen musste. Doch die Reise verlief ganz und gar nicht wie geplant, und sollte darüber hinaus Haenkes Leben grundlegend verändern.Thaddäus_Haenke_Creative_Commons

Unser Held brach am 26. Juni 1789 in Wien auf, um sich in Cádiz der Expedition anzuschließen; ermöglicht wurde diese Reise durch finanzielle Spenden, die von Freunden gesammelt worden waren. Er kam pünktlich am 30. Juli, dem geplanten Starttermin der Expedition, in der andalusischen Stadt an, um dann dort zu erfahren, dass die beiden Korvetten Atrevida und Descubierto den günstigen Ostwind nutzend bereits um fünf Uhr morgens ausgelaufen waren. Seiner dringenden Bitte an die Behörden, ihn zu unterstützen, damit er der Expedition nachreisen könne, wurde entsprochen, finanziell und logistisch. Am 20. August bestieg er das Handelsschiff Nuestra Señora del Buen Viaje und stach in Richtung Buenos Aires in See.

Doch der Name des Schiffes war offensichtlich nicht ganz glücklich gewählt, vielleicht zog ja auch der Weltreisende in spe das Unglück einfach an, jedenfalls endete die Reise nicht besonders gut:

Die Nuestra Señora lief vor Montevideo auf ein Riff und sank. Zwar verlor Haenke nicht sein gesamtes Hab und Gut, wie gerne kolportiert wird, aber Verluste hatte er durchaus zu beklagen. Zum zweiten Mal verpasste er die beiden Korvetten von Malaspinas Expedition. Wieder wurde ihm von offizieller Seite Geld zur Verfügung gestellt, damit er seine Reise fortsetzen konnte. Bereits am 24. Februar 1790 brach er von Buenos Aires aus zur Westküste Südamerikas auf, um sich der Expedition anschließen zu können. Auf seiner ca. 1.500 km langen Reise quer über den Kontinent, eine Andenüberquerung eingeschlossen, machte er das, wofür er in das Expeditionsteam aufgenommen worden war: er botanisierte. Als er sich der Malaspina-Expedition am 2. April schließlich anschloss, hatte er über 1.400 bis dato nicht beschriebene Pflanzen im Gepäck. In Spanien konnte man später den Empfang einer 32 Pfund schweren Kiste mit Herbarien bestätigen. Haenkes Reise quer über den Kontinent war ein Novum, die erste von vielen Pionierleistungen, die sein Leben prägen sollten. Natürlich hatten sich Naturforscher bereits vor ihm mit der Flora und Fauna Südamerikas beschäftigt, doch sie beschränkten sich zumeist auf die Küstenregionen. Thaddäus Haenke war der erste, der ins Landesinnere vordrang, und auch später begnügte er sich nicht mit der bequemen Variante der Naturforschung. Damit ging er allen Lateinamerikaforschern voraus, auch Alexander von Humboldt.

Bis 1794 war der Forscher aus Böhmen Teil der Malaspina-Expedition, die ihn rund um den Pazifik führte. Während der Reise sammelte und beschrieb er seinem Auftrag entsprechend zahlreiche Pflanzen, darunter den Sequoia sempervirens in Kalifornien. Es heißt, er wäre der erste Wissenschaftler gewesen, der den Küstenmammutbaum beschrieben hat.

Der Botaniker Haenke wird auch in den Folgejahren unzählige Pflanzen entdecken und beschreiben, darunter wahre Giganten wie die Pflanze mit dem längsten Blütenstand der Welt, die Puya raimondii, auch Riesenbromelie genannt, sowie die Riesenseerose Victoria regia. Keine dieser Pflanzen trägt seinen Namen, da, wenn überhaupt, erst lange nach seinem Tod zweifelsfrei festgestellt wurde, dass er der Wissenschaftler war, der sie als erster beschrieb. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Thaddäus Haenke auch ein hervorragender Zeichner war, der oft sehr detaillierte Zeichnungen der entdeckten Pflanzen anfertigte. Leider gingen viele von ihnen verloren.

Im Juli 1793 erreichte die Expedition wieder Amerika und legte im Hafen von Callao in Lima an. Haenke brach, wie bereits drei Jahre zuvor, zu Expeditionen ins Umland auf. Mit Zustimmung des Vizekönigs erlaubte ihm Malaspina in Begleitung eines Schützen weiter ins Landesinnere vorzudringen, bis Oktober/November 1794 sollte er Zeit haben, u.a. Cuzco und Potosí zu besuchen und Flora, Fauna sowie die Gesteine der Region zu untersuchen. Und auch jetzt beschränkte er sich nicht auf seine eigentliche Aufgabe, die Botanik, sondern er beschrieb Land und Leute, ihre Lebensweise und Bräuche. Den Wissenschaftler interessierten auch die Menschen, ob nun die Pehuenches, voller „unmenschlicher Grausamkeit“, oder die „sanften“ Chunchos.

Zum vereinbarten Zeitpunkt kehrte er nicht nach Callao zurück, und Malaspina entschloss sich, die Rückreise ohne ihn anzutreten. Thaddäus Haenke hatte seine Bestimmung gefunden. Er war nunmehr fest entschlossen, diesen schönen Kontinent zu erforschen, und tatsächlich war er es, der Lateinamerika für die Wissenschaft entdeckte. Und nicht nur für die Botanik.

Vor allem die Anden hatten es ihm angetan und ebenso die lebensfeindliche, scheinbar unendliche Atacama-Wüste. In Cochabamba im Andenhochland sollte sich Haenke schließlich niederlassen und von dort aus eigenständig mehrere Expeditionen unternehmen. Nach Europa kehrte er nie mehr zurück.

Der Mineraloge

Thaddäus Haenke war ein Kind der europäischen Aufklärung: neugierig, mit einem unersättlichen Wissensdurst und davon überzeugt, dass der Mensch seine Welt erkennen und wohl auch beherrschen kann. „Die Natur ist immer ein aufgeschlagenes Buch, in dem jeder lesen sollte, so oft er kann.“ Während seiner Wanderungen durch die Atacama-Wüste fielen ihm merkwürdige Steine auf und weckten sein Interesse. Es handelte sich um Caliche, ein Gemisch aus Sand, Basalt, Kalk und Salzen, aus dem Natriumnitrat, auch Chilesalpeter genannt, gewonnen werden kann. Noch in der Wüste machte er erste chemische Experimente. Haenke gelang es schließlich, mit einem einfachen Verfahren Chilesalpeter in einem lohnenden Ausmaß zu gewinnen und so als Dünger nutzbar zu machen. Der Böhme Haenke wurde damit zum Begründer der chilenischen Salpeterindustrie.

Thaddäus_Haenke_botanische_Zeichnung_Snapshot

Mit dieser Entdeckung hatte er sich in Südamerika einen Namen erworben und in den Folgejahren wurden seine Dienste immer wieder in Anspruch genommen. So sollte er zum Beispiel für die spanische Krone neue Goldadern erschließen. Dazu schrieb er Gutachten, wie alte, bereits von den Indios genutzte Goldadern mit verbesserter Technik weiterhin genutzt werden könnten. Ein Bergwerkbesitzer beauftragte ihn, aus Salpeter Sprengstoff zu erzeugen, den er in seinen Silberminen nutzen wollte. Haenke wandelte billiges Natron in hochwertigen Kalisalpeter um. Er experimentierte und bemühte sich, den Wirkungsgrad seines Sprengstoffes immer weiter zu erhöhen, was ihm auch gelang. Letztlich erfand er das Schwarzpulver quasi noch einmal.

Die Spanier verlangten von ihm, Schießpulver in großen Mengen herzustellen, 300.000 Pfund sollte er produzieren. Die Unabhängigkeitskriege hatten bereits begonnen, es herrschte Unruhe in den Vizekönigreichen und man wollte wohl gewappnet sein. Thaddäus Haenke legte mit seinen Experimenten und Erfindungen den Grundstein für die größte Pulverfabrikation Südamerikas. Das war umso erstaunlicher als die Spanier ihm misstrauten, der Gouverneur von Mojo galt gar als sein erbittertster Feind. Man unterstellte ihm stets, die Unabhängigkeitsbewegung zu unterstützen. Die Tatsache, dass er damals für längere Zeit auf einer Expedition spurlos verschwand und auch später über seinen Verbleib keine Auskunft gab, nährte diesen Verdacht noch zusätzlich. Bis heute ist nicht bekannt, wo sich der Forscher aufhielt.

Letztendlich trug Thaddäus Haenke mit seinen Forschungen auch dazu bei, dass die Schätze der Atacama – seinerzeit vor allem Salpeter, das weiße Gold – gehoben werden konnten. Damit wurde aber auch „das Gesicht der Wüste, ihre heilige Stille“ zerstört, wie die Indios beklagen. Die Atacama hatte Haenke immer fasziniert, er hatte sie stets aufs Neue durchstreift und doch trug er zu ihrer Zerstörung bei. Sah er diese nicht voraus? Oder war sie ihm egal?

Doch nicht nur aufgrund seines Beitrags zur Salpeterproduktion hatte sich der Mineraloge einen Namen in Südamerika gemacht. Er war seinerzeit der Erste, der den vulkanischen Ursprung von Thermalquellen erkannte. „Diese Mineralwässer sind wahrhaftig ausgezeichnet, für äußeren und inneren Gebrauch“, schrieb er nach Europa. In Arequipa entdeckte er die heilende Wirkung der Thermalquellen und diese Entdeckung machte die peruanische Stadt zu einem Heilbad. Bis heute erinnert eine Gedenktafel an diese Pioniertat:

Neues Wasser, entdeckt von: Tadeo Haenke 1796.

Apotheker, Arzt, Astronom …

Auch wenn seine Schwarzpulverexperimente anderes vermuten lassen, Thaddäus Haenke wollte sein Wissen als Forscher zum Wohle der Menschen nutzen. Er erkannte früh die Rückständigkeit in Südamerika und versuchte, einen Beitrag zu deren Überwindung zu leisten. Der Mangel an Medikamenten, die extra in Europa bestellt werden mussten, veranlasste ihn, selbst Arzneimittel zu entwickeln und herzustellen. Dafür analysierte er nicht nur die einheimischen Pflanzen, sondern er studierte als erster Europäer die traditionelle Medizin der Hochlandindianer, um auch diese für die medizinische Behandlung der Bevölkerung nutzbar zu machen. Haenke war mit indigenen Heilern befreundet; diese vertrauten ihm, nicht zuletzt, weil er ihnen auf Augenhöhe begegnete.

Geburtshaus_von_Thaddäeus Haenke_Foto_Mirek256_Creative_CommonsUm die Versorgung mit Medikamenten zu sichern, richtete er die erste Apotheke Lateinamerikas ein und half, ein ganzes Apothekennetz aufzubauen. Und als in Cochabamba, wo er sich niedergelassen hatte, die Pocken grassierten, führte er eine selbstentwickelte Schutzimpfung durch. Es gelang ihm, die Zahl der Pockentoten zu verringern und die Epidemie zu besiegen. Die dankbaren Bürger von Cochabamba hielten daraufhin für ihn einen Dankgottesdienst ab.

Das alles verschaffte ihm Anerkennung. Doch gleichzeitig war sein Verhalten auch Anlass, ihn zum Außenseiter zu machen. Von den spanischen Behörden wurde er zunehmend misstrauisch beäugt und überwacht. Schließlich ließ er sein Wissen als Arzt allen zukommen, selbst den Indios. Unter ihnen hatte er gute Freunde und zu guter Letzt nahm er sogar eine Mestizin zur Frau. Der böhmische Forscher schien irgendwie aus seiner Zeit gefallen zu sein, denn Fraternisieren mit den Indios war weder für die Obrigkeit noch für die feine Gesellschaft in den Vizekönigreichen akzeptabel.

Doch damit nicht genug, dieser Mann zog übers Land und sammelte Volksmusik, auch die der Ureinwohner. Das mag daran gelegen haben, dass er ein begeisterter Musiker war und sich extra ein Cembalo und Noten aus Europa schicken ließ. Er gab Konzerte in Cochabamba, in denen er die seinerzeit modernen Komponisten wie Mozart oder Haydn spielte.

Er interessierte sich für die Reste der alten Hochkulturen und erkundete die Geographie. Und wenn er nicht durch die Atacama streifte, was er zumeist allein tat, dann zog es ihn in die Berge. Thaddäus Haenke wird nachgesagt, zahlreiche Gipfel bestiegen zu haben. Ob er den Chimborazo bezwang, wie bei Wikipedia behauptet wird, ist wohl eher umstritten. Auf jeden Fall aber bestieg er, begleitet von einer Gruppe Indios und bis an seine körperlichen Grenzen gelangend, den 5822 m hohen Vulkan Misti bei Arequipa.

Auf seinen Forschungstouren fertigte der begabte Zeichner Haenke topographische Landkarten an, darunter die ersten des heutigen Boliviens, auf denen er auch den genauen Verlauf der Flüsse festhielt. Diese Karten waren die Voraussetzung für die stärkere Besiedlung des bolivianischen Tieflands.

Bereits während der Malaspina-Expedition hatte er, abweichend von seinen eigentlichen Aufgaben als Botaniker, die Chunchos am Ufer des Mantaro besucht und sie beschrieben. Diese ethnographischen Forschungen unter den Urwaldindianern am Amazonas sollte er auch später fortsetzen.

Was hat dieser Mann eigentlich nicht gemacht? Ach ja, er war ja auch Astronom. Wie man weiß, bietet die Atacama bis heute nachgerade paradiesische Bedingungen für die Himmelsbeobachtung. Es kann daher nicht verwundern, dass der wissbegierige Forscher seine Blicke auch auf den Sternenhimmel richtete. Mit seinen Beobachtungen über die Bewegungen der Himmelskörper am südlichen Firmament leistete er wahre Pionierarbeit.

Und trotzdem blieben seine Forschungen außerhalb Lateinamerikas weitgehend unbeachtet oder gerieten schnell in Vergessenheit. Jetzt einmal ehrlich, hatten Sie den Namen Thaddäus Haenke schon einmal gehört? Dass wir diesen großartigen und vielseitigen Forscher nicht kennen, hat seinen Grund zweifellos auch darin, dass er sich, im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Alexander von Humboldt, kaum mit der europäischen Forschergemeinschaft austauschte. Die Entscheidung, in Südamerika zu bleiben, bedeutete für ihn schlussendlich den Verzicht auf eine traditionelle wissenschaftliche Laufbahn und Anerkennung.

Seine Hoffnung, als Forscher bleibenden Ruhm zu erlangen, erfüllte sich letztendlich nicht. Nicht einmal, als er den Auftrag erhielt, einen neuen Handelsweg zum Amazonas zu erkunden. Bis nach Europa drang die Kunde von seinen Entdeckungen nicht. Viele seiner Sammlungen und Aufzeichnungen gingen verloren oder wurden vernichtet. Doch inzwischen hat man auch festgestellt, dass in zahlreichen Archiven und Sammlungen – in Tschechien, Spanien, Lateinamerika – noch viele Ergebnisse seiner Forschungsarbeit zu finden sind. Es gibt für die Europäer also viel Material aufzuarbeiten.

In seiner Wahlheimat Lateinamerika jedoch wird der Böhme aus der k.-u.-k-Monarchie bis heute hoch verehrt.

Die Fragen bleiben

Wenn man weiß, wie viel man über Thaddäus Haenke nicht weiß, dann überrascht es nicht, dass auch sein Tod noch Rätsel aufgibt, und diese mit dem Tod nicht enden. Bis heute scheint nicht einmal sein Todesdatum eindeutig feststellbar zu sein. Sicher ist, dass er mit gerade einmal Mitte 50 in Cochabamba starb. Doch war das am 4. oder 14. November 1816 oder gar erst am 31. Oktober 1817? In den Kirchenbüchern der Stadt findet sich kein Eintrag über sein Ableben, lediglich eine später hinzugefügte Notiz. Und wie starb der Forscher eigentlich? War er ein weiteres Mal nur ein Pechvogel, als ihm von einem Dienstmädchen aus Versehen Gift statt einer Arznei gereicht wurde. Oder starb er doch in einem Gefängnis?

Die Biografen sind sich nach wie vor in dieser Frage nicht einig. Die Geschichte von dem versehentlich verabreichten Gift war wohl schon vor 200 Jahren die offizielle Version über seinem Tod, zu der sich sehr schnell die inoffizielle mit dem Gefängnisaufenthalt gesellte. Eine englische Zeitung hatte wohl dergleichen gemeldet. Seine Nachkommen, so war in einer österreichischen Dokumentation über den Forscher zu hören, sind fest davon überzeugt, dass man ihn absichtlich vergiftete. Doch wenn die These von dem Mord an Haenke stimmt, in wessen Auftrag und warum geschah dieser? Andererseits wurde Haenkes Vermögen Berichten zufolge nach seinem Tod von den Behörden eingezogen, was bei Rebellen seinerzeit allgemein üblich war. Hat der Wahlbolivianer aus Böhmen doch die Unabhängigkeitsbewegung unterstützt und landete deshalb im Gefängnis?

Selbst hinsichtlich seiner letzten Ruhestätte gehen die Meinungen auseinander: Für die einen ist sein Grab unbekannt, andere hingegen berichten, er sei im Franziskanerkloster in Cochabamba beigesetzt. Fragen über Fragen, die man wohl niemals wird klären können.

Doch gibt es eine Legende um Thaddäus Haenke, die auf jeden Fall so gut zu seinem außergewöhnlichen Leben passt, dass man wünschte, sie sei wahr: Indigene, so heißt es, haben den Leichnam ihres Freundes gestohlen und nach geheimen Riten beigesetzt; irgendwo in seiner geliebten Atacama.

 

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Quellen:

Gickelhorn, Renée: Neue Dokumente zum Beginn der Forschungsreisen von Thaddäus Haenke. In: Phyton (Austria) Vol. 14 Fasc. 3-4 295-308. 28. I. 1972; www.biologiezentrum.at (letzter Zugriff: 23.11.2020)

González Montero de Espinosa, Marisa: La Ilustración y descripciones etnológicas de Tadeo Haenke.  http://niqolas.de/tadeo/espinosa.htm (letzter Zugriff: 23.11.2020)

Ramos, Victor A./Alonso, Ricardo N.: Tadeo Haenke: Primer naturalista del Virreinato del Río de la Plata. n: Anales Acad. Nac. de Cs. Ex., Fís. y Nat., tomo 70 (2018): 117-146

Schmuck, Thomas: Haenke und Humboldt – Gedanken zu einem Vergleich. http://niqolas.de/tadeo/schmuck.htm (letzter Zugriff: 23.11.2020)

Söhne der Wüste. Durch die Atacama. Regie: Stephan Koester (Österreich/Deutschland 2002), 43 Minuten

 

Bildquellen: [1] Der junge Thaddäus Haenke. Kuperstich von Vinzenz Raimung Grüner (Snapshot); [2] Botanische Zeichnung von Thaddäus Haenke (CreativeCommons); [3] Tafel am Geburtshaus von Thaddäus Haenke in Chřibská (Mirek256_CreativeCommons).

 


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