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Lateinamerika – Eine Begriffsbestimmung

Autor:  | Oktober 2007 | Artikel empfehlen
Lateinamerika - Begriffsbestimmung

Lateinamerika ist ein relativ junger Begriff und erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrrhunnderts gebräuchlich. Zuerst wurde er in Frankreich verwendet, um mit Verweis auf die gemeinnsamen sprachlichen Wurzeln das außenpolitische Engagement vor allem in Mexiko zu legitimieren. Im Laufe der Zeit ersetzte er die bis dahin gebräuchlichen Begriffe Ibero­amerika und Hispanoo­amerika, die sich auf die Kolonialreiche der beiden iberischen Mächte bzw. Spaniens in Amerika bezogen. Heute bezeichnet er jenen Teil des amerikanischen Doppellkontinents, der sich südlich der USA bis Feuerland erstreckt. Mit ca. 20 Mio. km² ist Lateinamerika etwa so groß wie Angloamerika (USA und Kanada), das sich weitgehend mit Nordamerika deckt (vgl. Tabelle 1). Hinsichttlich einer klaren Begriffsbestimmung besteht die größte Schwieriggkeit darin, Lateinamerika gegenüber anderen Begriffen abzugrenzen, die Regionen bezeichhnen, welche oft Teil Lateinnamerikas sind oder daran grenzen, jedoch selten in Gänze als solcher angesehen werden oder im Laufe der Zeit einem Begriffswandel unterworfen waren.

Will man größere Klarheit über die historischen, geographischen und politischen Grenzen Lateinamerikas, die oft nicht deckungsgleich sind, gewinnen, dann ist es am sinnvollsten, zunächst jene Begriffe genauer zu bestimmen, die für diese Grenzziehung relevant sind.

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Eindeutig ist zunächst die Zugehörigkeit Lateinamerikas zum amerikanischen Doppelkontinent, wobei allerdings zu beachten ist, dass Amerika selbst inzwischen unterschiedliche Beedeutungen hat und nach unterschiedlichen Kriterien untergliedert wird. Der amerikanische Doppelkontinent erstreckt sich in seiner Nord-Südachse vom 83. Breitengrad Nord (Kap Columbia) bis zum 56. Breitengrad Süd (Kap Hoorn). Dies entspricht ca. 15.000 Kilometer Nord-Süd-Ausdehnung. Der östlichste Punkt liegt in Brasilien auf dem 35. Längengrad West und der westlichste in Nordamerika auf dem 172. Längengrad Ost auf Attu, einer Aleutenninsel. Geographisch wird er in die Kontinente Nordamerika (mit Mittelamerika) und Süddamerika untergliedert. Er hat eine Landfläche von etwa 42 Mio. km² und ist damit etwas kleiiner als Asien. Ungefähr 800 Millionen Menschen leben derzeit in Amerika (vgl. Tabelle 1).

Der Name Amerika wurde vom Vornamen des Italieners Amerigo Vespucci (1451-1512) abgeleitet, der als erster davon schrieb, dass der im Zuge der von Christoph Kolumbus enttdeckte Erdteil nicht Indien oder Asien ist, sondern vielmehr ein eigenständiger Erdteil sein könnte. Der Freiburger Kartograph Martin Waldseemüller trug deshalb für den aus euroopäischer Sicht neuen Kontinent auf seiner 1507 entworfenen Weltkarte den Namen „America“ ein. Alternative Bezeichnungen, die heute noch Verwendung finden, sind Westliche Hemiisphäre und Neue Welt. Zugleich ist zu beachten, dass im heutigen, westlich geprägten Sprachhgebrauch Amerika in inkorrekter Weise oft auf die USA oder Nordamerika reduziert wird.

Auch die Untergliederung des Doppelkontinents fällt selten eindeutig aus. Sowohl in Anglo- als auch in Lateinamerika werden Noo­rd- und Südamerika als getrennte Kontinente betrachtet und zur Bezeichnung des Doppelkontinents der Plural („The Americas“ bzw. „Las Americas“) verwendet. Die räumliche Abgrenzung beider Teile in Richtung Mittelamerika variiert jedoch entsprechend der fachlichen Perspektive (Geographie, Geschichte, Politik) oder der zeitlich-kulturellen Einordnung z.T. stark. Ähnliches lässt sich hinsichtlich der Verwendung des Begriffes Mittelamerika sagen. Aus politischer Perspektive hat sich nach Abschluß der territorialen Expansion der USA, die immerhin für Mexiko zum Verlust der Hälfte des ursprünglichen Territoriums geführt hat, die Südgrenze der USA als Abgrenzung Nord- bzw. Angloamerikas gegenüber Mittel- bzw. Lateinamerika durchgesetzt. Geographisch hingegen gelten Mexiko und oft auch Mittelamerika als Teil Nordamerikas. Relativ eindeutig fällt die Abgrenzung Südamerikas aus. Strittig ist lediglich die Grenze gegenüber Mittelamerika, die entweder historisch mit der Nordgrenze Panamas, das bis 1903 Provinz der südamerikanischen Republik Kolumbien war, zusammenfällt oder politisch (mit der Unabhängigkeit Panamas) etwas weiter nach Süden zur kolumbianischen Grenze gerückt ist und damit etwa der naturräumlichen Trennlinie zwischen Süd- und Mittelamerika (Istmus von Darién bzw. Atratosenke) entspricht.

Weitaus schwieriger ist die Abgrenzung Mittelamerikas nach Norden und Osten, wofür eine begriffliche Klärung gegenüber ähnlich lautenden Bezeichnungen (Zentral- und Meso­amerika) und die Beantwortung der Frage nach der Zugehörigkeit angrenzender Gebiete (Mexikoo­, Karibik) erforderlich ist. Im weitesten – auch geographisch gemeinten – Sinne versteht man unter Mittelamerika das gesamte Gebiet zwischen Nord- und Südamerika unter Einbeziehung Zentralamerikas, Mexikos und der Karibik.

Zentralamerika, das im deutschen Sprachgebrauch nicht selten als Mittelamerika (im engeren Sinne) bezeichnet wird, umfasst historisch gesehen jene fünf Staaten, die 1838 aus dem Zerfall der Zentralamerikanischen Föderation hervorgegangen sind – in Nord-Süd-Abfolge also Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua und Costa Rica. Nach Erlangung der Unabhängigkeit von Panama (1903) und Belize (1981), das früher Bestandteil Guatemalas war und dann britische Kolonie wurde, setzte sich zunehmend ein um diese beiden Länder erweitertes Verständnis des Begriffes Zentralamerika durch. Im geographischen Sinne bezeichnet er die Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika, als deren Grenzlinien der Isthmus von Tehuantepec (Südmexiko) und die Atratosenke (Kolumbien) gelten.

Innerhalb Mittelamerikas hat sich der Begriff Mesoo­amerika zur Kennzeichnung eines einheittlichen Kulturraumes durchgesetzt, der den nördlichen Teil Zentralamerikas sowie Süd- und Zentralmexiko umfasst. Paul Kirchhoff, der diesen Begriff erstmals 1943 geprägt und definiert hat, verweist dabei nachdrücklich auf die Dynamik der Grenzen Mesoamerikas, die sich im Lauf seiner Geschichte mehrfach geändert haben. Die historische Kulturregion Mesoamerika, in der u.a. die Olmeken-, Azteken- und Mayakultur beheimatet waren, zeichnet sich durch eine Reihe gemeinsamer Merkmale aus wie:

  • komplexe Gesellschaften auf der Basis von Bodenbau, die in einigen Fällen Herrschaftsstrukturen eines Staats erreicht haben;
  • ausgedehnte zeremonielle Zentren oder gar Städte mit aufwendigen Bauten (Pyramiden, Paläste, Ballspielplätze);
  • hohes kunsthandwerkliches Niveau. Bearbeitung von Stein, Keramik, Holz, Textilien, Malerei und Metallverarbeitung in der Schlussphase;
  • entwickeltes Kalenderwesen und zum Teil auch Schrift.

Während Zentralamerika – abgeleitet aus seiner geographischen Bestimmung – begrifflich den Fest- landgebieten vorbehalten bleibt, hat sich für die im Osten angrenzende Inselwelt die Bezeichnung Karibik durchgesetzt. Zu dieser gehören die Großen Antillen (in West-Ost-Abfolge: Kuba, Jamaica, Hispaniola mit Haiti und der Dominikanischen Republik sowie Puerto Rico), die Kleinen Antillen (Inseln über dem Wind und Insel unter dem Wind) und die Bahama-Inseln. Der auf den Irrtum von Kolumbus, der 1492 Indien entdeckt zu haben glaubte, zurückkgehende Begriff Westindien gerät zunehmend außer Gebrauch. Die Spezifik der Karibik in Abgrenzung zu Anglo- und Lateinamerika besteht in erster Linie darin, dass sich hier kulturelle, ethnische, sprachliche und historische Merkmale beider Großregionen überschneiden und vermischen. Ursprünglich gehörte die Karibik zu den Kerngebieten des spanischen Kolonialreiches in Amerika, in dem sich jedoch seit dem 17 Jahrhundert konnkurrieerende Kolonialmächte wie England, Frankreich und Holland festsetzten. So konnte England 1652 Barbados, 1655/60 Jamaica, 1718 die Bahamainseln und 1797 Trinidad erobern, während sich Frankreich 1635 den Besitz von Guadeloupe, Martinique und des heutigen Haiti sicherte. Ein Jahr zuvor war Curacao an die Niederlande gefallen. Im Ergebnis des Siebennjährigen Krieges verloren die Franzosen die Inseln Dominica, St. Vincent und Grenada an die Briten. All dies hatte zur Folge, dass sich die Kolonialreiche der führenden europäischen Mächte in der Karibik auf engstem Raum trafen und diese „ihre“ Kolonien kulturell-politisch auf ganz unterschiedliche Weise prägten. Abgesehen vom historischen Sonderfall Haiti, das bereits 1804 im Ergebnis der ersten und einzigen siegreichen Sklavennrevolution unabhängig geworden war, errangen die karibischen Inseln entweder ihre Unabhängigkeit im Vergleich zu den Festlandgebieten der iberischen Kolonialmächte (1810-1826) spät (Kuba 1902, Jamaica und Trinidad 1962, Barbados 1966, die meisten anderen britischen Kolonien bis 1983) oder verharren bis heute im Kolonialstatus (die Cayman-Inseln, die Brit. Jungfern-Inseln, Montserrat sowie die Turks- und Caicos-Inseln als britische Kolonien; Martinique und Guadeloupe als französische Übersee-Departements sowie die Niederrländischen Antillen mit weitgehender Autonomie; vgl. Tabelle 3). Damit liegen 14 von welttweit 39 abhängigen Gebieten in der Karibik, gefolgt vom Pazifik, auf den 13 entfallen. Aufgrund der gemeinnsamen Kolonialgeschichte mit den nicht- spanischen Kolonien der Karibik und ähnlicher sich daraus ableitender Merkmale werden Belize (Zentralamerika) und die „Drei Guayanas“ (Guyana, Surinam, Französisch-Guayana in Südamerika), die als Festlandterritorien an die Karibik grenzen, nicht selten zur Karibik gezählt. Auch die atlantischen Küstengebiete einiger mittel- und südamerikanischer Staaten gelten im weiteren, naturräumlich-kulturell definierten Sinne oft als Teil der Karibik.

Für den Begriff Lateinamerika ergeben sich aus den obigen Darlegungen folgende Schlussfolgerungen:

  1. Lateinamerika ist in erster Linie ein politisch, teilweise auch kulturell definierter und verwendeter Begriff, der dazu dient, die spanisch- und portugiesischsprachigen Länder Amerikas gegenüber Angloamerika abzugrenzen. Aufgrund der Überschneidung mit anderen Begriffen und verschiedener Varianten der Untergliederung sind mehrere Verwendungen und Bestimmungen möglich.
  2. Unstrittig sind die Zugehörigkeit Südamerikas (ohne die „Drei Guayanas“), Mexikos, Zenntral- amerikas (ohne Belize) und der spanischsprachigen Gebiete der Karibik (Kuba, Dominikaanische Republik, Puerto Rico).
  3. Im weiteren Sinne kann man auch die gesamte Karibik hinzuzählen, die jedoch in gesamt-regionalen Zusammenhängen (Statistiken, UNO-Regionalorganisationen etc.) meist gesondert genannt wird (Lateinamerika und Karibik). Wichtigstes Kriterium für eine gemeinsame Beetrachtung Lateinamerikas und der Karibik sind die Kolonialgeschichte und die Zugehörigkeit zu einem klar definierten Teil der Peripherie des kapitalistischen Weltsystems mit enttsprechennder ökonomisch-politischer Prägung.
  4. Legt man die engeren kulturell-sprachlichen Kriterien zugrunde, dann beschränkt sich Lateinamerika auf die spanischsprachigen Länder Amerikas und Brasilien. In Anbetracht der engen historisch- territorialen Verwobenheit Haitis mit diesen Ländern (Unabhängigkeitssrevolution; gemeinsame Geschichte und Landgrenze mit der Dominikanischen Republik; bedeutsame Unterschiede gegenüber allen anderen Teilen der nichtspanischen Karibik) erscheint es sinnvoll, dieses Land als Teil Lateinamerikas zu betrachten. Daraus ergibt sich eine Unterteilung in drei Subregionen (vgl. Tabelle 2): Mittelamerika (Mexiko, Zentrallamerika ohne Belize), die spanischsprachige Karibik mit Haiti (Karibik I) und Südamerika (ohne die „Drei Guayanas). In diesem Sinne umfaßt Lateinamerika 20 unabhängige Staaten und Puerto Rico als von den USA abhängiges Gebiet.

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