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Elektroauto entfacht Lithium-Fieber

Autor:  | März 2011 | Artikel empfehlen

Elektroauto auf einer Messe. Foto: PspechtenhauserDas Ende der niedrigen Ölpreise führte in der Automobilbranche zur Suche nach günstigeren Alternativen und nebenbei zu einer ökologischen Kehrtwende: das Elektroauto. Es steckt zwar noch in den Kinderschuhen, aber die Autoindustrie beginnt bereits mit der Suche nach Lithiumvorkommen für den Bau von Lithiumionen-Batterien. Das Metall kommt besonders häufig in Lateinamerika und möglicherweise auch in Afghanistan vor. Dort versuchen nun Regierungen, Bergbaukonzerne und Autohersteller, sich die Vorkommen zu sichern.

„Das ist die Zukunft“, prophezeite einer der obersten Vertreter von General Motors an Bord eines Elektroautos (Opel Ampera) beim NATO-Gipfel in Lissabon. Das lächelnde Gesicht in öffentlicher Mission war niemand anderes als der Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama. Obama erntet langsam die Früchte seiner bislang umstrittensten Rettungsmaßnahme, die Verstaatlichung der beiden größten amerikanischen Automobilhersteller General Motors und Chrysler. Beide mussten 2009 trotz staatlicher Hilfen in Höhe von insgesamt 110 Milliarden US-Dollar Konkurs anmelden. Der amerikanische Fiskus übernahm 60 % der GM-Anteile sowie einen geringeren Prozentsatz bei Chrysler, da dort auch Fiat mit eingestiegen war. Jetzt macht der Staat Kasse. Am 18. November kehrte GM an die Wall Street zurück und die US-Regierung verkaufte 35 % ihrer Aktien für 13 Milliarden Dollar.

Die Kommerzialisierung des Elektroautos ist die große Herausforderung für die Automobilindustrie. In den neunziger Jahren scheiterte der erste Versuch, doch nun ist das Elektroauto der neue Star in den internationalen Automobilsalons und ein grüner Hoffnungsträger für die Zukunft. Das Ende des billigen Rohöls und die allgemeine Auffassung vom Auto als Hauptverursacher von CO2-Emissionen und damit der globalen Erwärmung zwingt die Branche dazu, neue Märkte zu erschliessen und ihr Image aufzupolieren. Deshalb und um die Energieabhängigkeit des Landes zu reduzieren, stelle Obamas Regierung auch Kredite und Subventionen in Höhe von 11 Milliarden Dollar für Auto- und Batteriehersteller zur Verfügung, so das Bloomberg Markets Magazine.

Doch das Elektro- oder Hybridauto (das bisher am weitesten verbreitete System) weist im Moment noch große Nachteile auf. Zum einen sind die Batterien giftig und echte Schwergewichte, zum anderen werden für die Herstellung dieser Autos knappe Rohstoffe benötigt und sie sind sehr teuer.

Lithiumionen-Batterien

Die Lithiumionen-Batterien sind die große Hoffnung der Automobilindustrie für die Verbreitung des Elektroautos. Sie haben eine größere Speicherkapazität als Blei- oder Nickelbatterien, sind viel kleiner und leichter, entladen sich nicht so schnell, wenn sie nicht benutzt werden, und müssen auch nicht vollständig entladen sein, bevor sie wieder aufgeladen werden können – alles in allem ähnliche Vorteile wie bei Handy- oder Laptopakkus. Der Wissenschaft zufolge kommen allerdings die negativen Eigenschaften der Lithiumionen-Batterien bei Laptops und Handys nicht so stark zum Tragen, wie es bei Elektroautos der Fall wäre, womit die Lithiumionen-Technologie keine Alternative zum herkömmlichen Kraftstofffahrzeug darstellt.

Neben den wissenschaftlichen Argumenten bezweifeln auch Umweltschützer, dass die Lithiumionen-Batterie eine ökologische und praktische Alternative zur Öl-Abhängigkeit sein könnte. „Natürlich kann es sein, dass die Elektroautos weniger Lärm-, Feinstaub- und Abgasbelastung in den Städten verursachen. Doch Autos verursachen darüber hinaus eine Reihe anderer Probleme: Verstädterung, Bau umfangreicher Infrastrukturen, Beschränkung des öffentlichen Raums und anderer, nachhaltigerer Verkehrsmittel, steigende Unfallhäufigkeit, etc. und das ohne eine Garantie, dass wirklich weniger Treibhausgase produziert werden“, erklärte Luis González Reyes (Ecologistas en Acción) dieser Zeitung. Selbst wenn das Elektroauto als solches weniger Treibhausgase ausstößt, so steigen doch die Emissionen bei der Energieproduktion und beim Abbau der Rohstoffe. „Die schwerwiegendsten Konflikte [um den Lithiumabbau] in Argentinien und Chile entstanden aufgrund von Schäden durch Wasserverschmutzung, das Austreten von Giftstoffen und durch Luftverschmutzung“, erklärt Arturo Landeros von Educación para la Acción Crítica, ein Netzwerk, das sozial-ökologische Konflikte in Lateinamerika analysiert.

Neben den möglichen Vorkommen in Afghanistan und den Abbauversuchen in Südkorea „befinden sich die größten Reserven im so genannten ‚Lithium-Dreieck’, bestehend aus dem Salar de Uyuni in Bolivien mit 5,4 Millionen Tonnen [noch nicht abgebaut], dem Salzsee Salar de Atacama in Chile mit 3 Millionen Tonnen und dem Salar del Hombre Muerto in Argentinien mit 850.000 Tonnen“, sagt Landeros. Auf dieses Gebiet richten sich schon seit Jahren die Blicke der Bergbau- und Automobilindustrie. Weitere umfangreiche Vorkommen befinden sich im Chabyer-See (Tibet, China), wie Ende der neunziger Jahre bekannt wurde, sowie in den USA, Australien und Mexiko. Credit Suisse zufolge ist der Lithiumpreis seit 1999 um das Dreifache gestiegen.

Neue wirtschaftliche Interessen

In Chile, wo derzeit das meiste Lithium abgebaut wird, findet im Moment eine Kampagne zur Liberalisierung des Abbaus statt. „Da es sich bei Lithium um einen strategischen Rohstoff für die Kernfusion und damit für die Gewinnung von Atomenergie handelt [s. kleines Textfeld], wurde es vom Konzessionsgesetz 1981 ausgenommen. Nur der Staat allein darf über die Lithiumvorkommen verfügen, mit Ausnahme derer, bei denen bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes Abbau betrieben wurde, etwa durch die SQM (die ehemalige Soquimich unter der Leitung von Julio Ponce Larrea, dem Schwiegersohns Augusto Pinochets) und die Sociedad Chilena del Litio (SCL)”, schrieb die alternative chilenische Zeitung El Ciudadano. Die stärkste Stütze dieser Kampagne ist der Bergbauminister Laurence Golborne. Im Sommer kündigte Gal Luft von der Lobby International Lithium Alliance an, dass das Interesse an Lithium steigen wird und Chile dabei zurückfallen könnte, wenn Fortschritte in Richtung Liberalisierung ausblieben. Er bezog sich auf das Beispiel des Erdöls in Aserbaidschan, das heute nur noch 1 % der globalen Erdöllieferungen ausmacht, während Mitte des 19. Jahrhunderts fast die Hälfte des Erdöls weltweit aus Aserbaidschan kam. In Mexiko gibt es diese Probleme nicht. Ende 2009 wurden Lithiumvorkommen in Zacatecas und San Luis Potosí entdeckt, die von Litiomex SA abgebaut werden. Mexiko hat einen Vertrag mit der chinesischen Citic Guoan Group (Nissan, Honda und GMC) für den Bau einer Fabrik für Lithiumbatterien in der näheren Umgebung unterzeichnet. Die mexikanische Zeitung La Jornada veröffentlichte im Juni einen Artikel demzufolge Litiomex von einer Gruppe spanischer Unternehmer mit Kontakten zur Banco Santander unterstützt werde, die sich die globale Kommerzialisierung des Lithiums zum Ziel gesetzt hätten.

In Argentinien macht die Lithium-Industrie trotz des gesellschaftlichen Widerstands gegen den Bergbau Fortschritte. Koreanische Unternehmen wie LG oder GS Caltex unterzeichneten im November Verträge für den Abbau in Catamarca. Toyota und die australische Orocobre bauen in Jujuy Lithium ab, während die kanadische Lithium Americas Corp. gemeinsam mit Mitsubishi und dem Automobilzulieferer Magna Abbaugenehmigungen für die Vorkommen in Cauchuri haben. Die chinesischen, südkoreanischen und japanischen Fabriken für Lithiumionen-Batterien, die 98 % des Marktes kontrollieren, erhalten ab Beginn der Produktion im März Lithiumcarbonat aus Bolivien. Daher haben in den vergangenen Monaten zahlreiche Unternehmen und Delegationen der Regierung Evo Morales einen Besuch abgestattet.

Salar de Uyuni in Bolivien. Foto: Quetzal-Redaktion, mkIm Jahr 2008 begann das Lithium-Projekt für den Abbau und die Nutzung von Lithium als rein staatliche Initiative. Die Opposition im Departamento Potosí, wo sich der Salar de Uyuni befindet, brachte das Projekt jedoch zum Erliegen, da sich der Sitz des eigens gegründeten staatlichen Unternehmens in La Paz befand. Der Regierung Morales zufolge ermöglicht die Positionierung des Unternehmens in La Paz eine bessere Kontrolle der Verhandlungen mit den internationalen Interessenten. Den Sitz in La Paz besuchten bereits Vertreter aus Frankreich (vom Konzern Bolloré, dessen Besitzer Präsident Sarkozy eine Yacht und einen Privatjet für seinen Urlaub zur Verfügung stellte), aus Brasilien (vom ehemals staatlichen Unternehmen Vale do Rio Doce) und aus dem Iran. Vor allem die iranischen Interessenvertreter stehen nach Morales’ Teheranreise kurz vor einem Abkommen, das die Produktion von Lithiumbatterien in Bolivien und möglicherweise sogar von Atomenergie vorsieht.

Weitere „Absichtserklärungen“ wurden mit Brasilien und dem staatlichen koreanischen Lithiumunternehmen unterzeichnet. Der bolivianischen Bergbaubehörde (Observatorio Boliviano de Industrias Extractivas) zufolge sei die Regierung bereits dabei, die Öffentlichkeit darauf vorzubereiten, dass unter bestimmten Bedingungen der Lithiumabbau in Zusammenarbeit mit einem internationalen Konzern stattfinden soll. Zurzeit weichen Konzerne wie Toyota oder Mitsubishi noch nach Argentinien aus, doch sie kämpfen weiter um den Zugang zum Salar de Uyuni. Auch der bolivianische Magnat Marcelo Claure (Brightstar Corp., Dienstleister im Mobiltelefonbereich) hat noch keinen Zugang zu diesem Markt gefunden. Er gibt sich zunächst mit einer Beteiligung am Global X Lithium (ETF), einem Investmentfonds an der Börse, zufrieden, der ihm allerdings nur die Hälfte des Profits einbringt.

42 NEUE MODELLE IM JAHR 2012

PricewaterhouseCoopers zufolge kündigte die Automobilindustrie die Entwicklung von 42 neuen Elektroautomodellen bis 2012 an. Auch wenn diese Modelle noch teilweise mit herkömmlichem Kraftstoff betrieben würden, hätten sie doch bereits zusätzlich Lithiumbatterien. Der Präsident von Renault (und Nissan) prophezeit für 2020 einen Elektroautoanteil von 10 % an der weltweiten Autoproduktion, während beispielsweise GM bereits einen Anteil von 40 % voraussagt.

USA SETZEN AUF LITHIUM-RECYCLING

Das Energieministerium der Vereinigten Staaten vergab im Sommer 2009 9,5 Millionen Dollar an Toxco, ein kalifornisches Unternehmen, das den Bau der ersten Anlage für das Recycling von Lithiumionen-Batterien aus Elektroautos in den USA plant. Ziel ist, durch Recycling der Batterien einer Lithiumknappheit und damit der Monopolbildung bei den Lithiumproduzenten vorzubeugen.

Der Artikel wurde unter der Lizenz CC BY 3.0 in der Onlinezeitschrift Diagonal web, Ausgabe vom 8. Dezember 2010, Nummer 138 veröffentlicht.

Übersetzung aus dem Spanischen: Ariane Stark

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Bildquelle: [1] Pspechtenhauser; [2] Quetzal-Redaktion, mk


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