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Interview mit Carola Saavedra
Schriftstellerin aus Brasilien (Teil 2)

Autor: und:  | Mai 2013 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Interviewt

Interviewt: Carola Saavedra - Foto: Quetzal-Redaktion, hlrQuetzal: Kann man sagen, der Titel Ihres ersten Buches Do lado de fora [Anm. d. Verf. dt.: „von Außen“] handelt genau von diesen Erfahrungen, die Sie hier in Deutschland gemacht haben?

Carola Saavedra: Was ich veröffentlicht habe, ist ein Buch von Erzählungen. Und es handelt von genau diesem Gefühl des Zuschauens. Denn meine Erfahrung als Fremde ist eine Erfahrung, die ich schon von Anfang an gemacht habe. Meine Familie ist aus Chile, und ich kam sehr jung, im Alter von drei Jahren nach Brasilien und war damals schon Ausländerin. Eigentlich ist meine Muttersprache Spanisch, nur dass es ein Spanisch ist, das nicht mehr in meinem Leben existiert. Ich bin mit Portugiesisch aufgewachsen. Aber dann kam ich nach Hause und traf dort auf Spanisch. Ich habe schon immer zwischen mehreren Sprachen gelebt. Später habe ich schon sehr jung in der Schule angefangen, Deutsch zu lernen. Als ich acht Jahre alt war, kam ich nach Hause und sprach Spanisch, wenn ich auf der Straße unterwegs war, sprach ich Portugiesisch, und wenn ich in die Schule ging, hörte ich Deutsch. Die ganze Zeit lebte ich so. Als ich dann nach Deutschland kam, um hier zu leben, verstärkte sich das nur.

Quetzal:  Also könnte man sagen, Sie leben in drei Sprachheimaten und haben das Portugiesisch fürs Schreiben ausgewählt?

Saavedra: Mehr als das. So wie ich in der Mehrsprachigkeit lebte, habe ich immer das Gefühl, zu allem und nichts zu gehören. Ich glaube, dass die portugiesische Sprache mir Heimat gegeben hat, um ein deutsches Wort dafür zu nutzen. Es ist der Ort, an dem ich daheim bin. Es ist das, was mir eine Identität gegeben hat. Ich könnte niemals in Spanisch schreiben, auch nicht in Deutsch. Das soll heißen, dass dort, in der Sprache, der Ort ist, an dem ich mich selbst treffe. Also, wenn es etwas gibt, was mich definiert, ist es wohl die portugiesische Sprache.

Quetzal:  Als wir von Quetzal über Sie im Internet recherchiert haben, sind wir auf eine kuriose Tatsache gestoßen: Sie tauchen lediglich auf der deutschsprachigen Wikipedia-Seite auf, nicht aber auf der portugiesischsprachigen. Könnte man diese Tatsache als weiteren Beweis für Ihre starke Verbindung zu diesem Land deuten und wie werden Ihre Werke in Brasilien und wie in Deutschland aufgenommen?

Saavedra: Also, ich glaube, es gibt auch einen Eintrag auf Portugiesisch, aber ich weiß es nicht. Aber davon habe ich keine Ahnung und weiß auch nicht, wie das entstanden ist. Ich habe gerade mein erstes Buch in Deutschland veröffentlicht und bin darüber sehr glücklich. Es ist interessant, den Buchdeckel zu sehen. Der Buchdeckel ist immer eine Interpretation, und ich finde diese sehr schön. Mit diesem Buch fängt jetzt meine Arbeit hier in Deutschland an zu wirken. Bis heute wurde ja noch nichts auf Deutsch übersetzt herausgebracht.

In Brasilien wird meine Arbeit sehr gut aufgenommen. Ich habe den APCA Preis für den besten Roman (Verband der Kunstkritiker São Paulos) gewonnen. Dieses Buch [Paisagem com Dromedário, Anm. der Verf.] hat den Rachel de Queiroz Preis in der Kategorie beste Jungschriftsteller gewonnen. Das Buch landete auf der Liste der zehn besten Bücher für den Jabutí Preis und ist unter den zehn besten Büchern des São Paulo Preises genannt. Ich wurde also sehr gut von der Kritik angenommen. Eigentlich sind alle meine Bücher gut angekommen. Wenn die Kritik kommt, dann kann der Autor scheitern, aber ich bin glücklich damit, wie ich aufgenommen wurde. Hier in Deutschland gab es noch nichts von mir, deshalb bin ich um so neugieriger. Auch weil das Lesen in einer anderen Sprache, wie ich schon ausgeführt habe, eine andere Art des Betrachtens auf jene selbe Arbeit ist.

Quetzal: Haben Sie schon in Deutschland Lesungen gemacht?

Saavedra: Ich habe Lesungen eines Kapitels gemacht, das meine Übersetzerin Maria Hummitzsch übersetzt hat. Aber jetzt mit dem fertigen Buch werde ich am Sonntag die erste Lesung geben.

Quetzal: Sind weitere Veröffentlichungen Ihrer Bücher in Deutschland geplant?

Saavedra: Fürs erste nicht. Erst einmal kommt dieses heraus, aber wenn es klappt, werden wahrscheinlich noch weitere Übersetzungen folgen. Es gibt noch zwei weitere Romane. Und nebenher schreibe ich gerade auch noch an einem neuen Roman.

Quetzal: Um zum Ende des Interviews zu kommen, würde ich Sie bitten, eine kurze Zusammenfassung Ihres gerade auf deutsch erschienenen Buches “Landschaft mit Dromedar” zu machen.

Saavedra: Jedes Mal wenn ich über das Buch spreche, erzähle ich eine andere Geschichte, weil es ehrlich gesagt sehr schwierig ist, es zusammenzufassen. Ich würde es so sagen: Das Buch handelt von einer Frau, die sich Érika nennt. Sie ist die Hauptfigur und hat einen Partner, der zugleich ihr Geliebter oder Ehemann ist, das weiß man nicht so genau. Sie sind ein Künstlerpaar und machen gemeinsam eine Arbeit. Sie trennt sich und erfährt eine Krise, weil sie nicht weiß, wie viel von der Arbeit, die ein großer Erfolg ist, ihm geschuldet ist und wie viel von ihr selbst stammt. Als sie sich als Künstler trennen, gerät sie in eine Krise und beginnt sich zu fragen, ob sie wirklich eine Künstlerin ist. Sie geht auf eine Insel, wo sie diese Frage überdenken möchte. Auf der anderen Seite waren sie zusammen und trennten sich, weil sie eine Dreiecksbeziehung führten. Ihr Mann führte eine Beziehung mit seiner Schülerin, die dann an Krebs stirbt. Ein vernichtender Krebs. Auch sie ist ein Grund für die Trennung. Als sie stirbt, kommt der Moment der Trauer, und um diese Trauer zu erleben, geht Erika auf die Insel. Sie hat ihre Schuld, weil sie es nicht schafft, in der Nähe von Karen zu bleiben, als diese ihr erzählt, dass sie Krebs hat. Sie verweigert einfach, mit ihr zu reden und lässt sie alleine sterben. Also versucht sie gleichzeitig mit der Trauer umzugehen, aber auch mit ihrer eigenen Grausamkeit oder mit der eigenen Feigheit. Sie ist auch eine Frau in einer Krise in vielen verschiedenen Lebensrichtungen. Somit geht sie auf jene Insel, die ein Ort ist, von dem man nicht fliehen kann. Und sie beginnt, andere Bewohner der Insel kennen zu lernen. Sie erlebt also in gewisser Weise, wie sie sich als Künstlerin und als Frau wiederentdeckt. Ich glaube, das ist es mehr oder weniger. Aber jedes Mal erzähle ich eine andere Geschichte.

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Bildquelle: Quetzal-Redaktion, hlr


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