lateinamerika - Quetzal - Politik und Kultur in Lateinamerika


Interview mit Dr. Germán Muruchi Poma
Grünes Licht für Lithium-Abbau in Bolivien

Autor: und:  | September 2015 | Artikel empfehlen

Erster Teil

Bolivien: Germán Muruchi Poma - Vorsitzender von Ayni e.V. - Foto: Quetzal-Redaktion, rumiQUETZAL verfolgt seit Jahren die Debatte um die Ausbeutung der Lithium-Vorkommen in Südamerika. Der strategische Rohstoff erlangt aber nicht nur in Nordargentinien an Bedeutung. Die größten Vorkommen an Lithium finden sich im Salar de Uyuni. Mit der Unterzeichnung eines Vertrages zwischen der bolivianischen Regierung und dem thüringischen Unternehmen K-Utec im August 2015 rückt nun der Beginn einer großindustriellen Förderung in greifbare Nähe.

Deshalb befragte QUETZAL Dr. Germán Muruchi Poma zu den aktuellen Entwicklungen. Er ist seit 2011 Vorsitzender des Vereins „Ayni – Verein für Ressourcengerechtigkeit“, der sich um eine Systematisierung der Information zum Rohstoff Lithium und seiner Verarbeitung in Bolivien bemüht und die Öffentlichkeit für die ökologischen und sozialen Belange in den bolivianischen Anden sensibilisieren möchte.

————————————————

Wie kam der Kontakt von der bolivianischen Regierung zu K-Utec zustande, und warum wurde ausgerechnet dieses mittelständige Unternehmen aus Thüringen ausgewählt?

Man müsste vielleicht die Verantwortlichen von K-Utec und die bolivianische Botschaft fragen, wie es dazugekommen ist, dass sie sich an dieser Ausschreibung beteiligt haben, die es von der bolivianischen Regierung gab. So ganz genau kann ich das jetzt nicht beantworten, aber ich will Folgendes sagen. Die bolivianische Regierung ist sehr anspruchsvoll in Bezug auf die Souveränität des Landes angesichts der Embargopolitik der westlichen Länder. Man weiß, dass die westlichen Länder viel machen, damit die Entwicklungsländer immer abhängig bleiben. Dass Bolivien jetzt Lithium selbst produzieren will, finde ich schon anspruchsvoll.

Aber der Weg dahin ist nahezu an der Grenze der Realisierbarkeit. Ich will nur zwei Fakten nennen. Erstens ist es so, dass K-Utec nur die Aufbauplanung der Anlage für die Gewinnung von Lithium machen wird; das wird in zehn Monaten fertig sein. So sieht es nach der jetzigen Information aus. Ich kenne leider nicht den Vertrag zwischen der bolivianischen Regierung und K-Utec. Und die Konstruktion der Anlage wird wiederum von einem anderen Unternehmen in Angriff genommen. Ob das K-Utec sein wird, keine Ahnung. Es ist gut möglich, dass es so ist. Dann bleibt die Lithiumproduktion in den Händen der bolivianischen Regierung. Das ist das Erste.

Das Zweite ist, dass Bolivien anstrebt, seine eigene Technologie zur Ausbeutung des Lithiums fernab von den westlichen Technologien zu entwickeln. Das erinnert ein bisschen an die Politik der ehemaligen sozialistischen Länder. Ich finde es interessant, dass sie so etwas machen wollen. Man hat bis jetzt 150 Millionen US-Dollar ausgegeben, aber sie haben offensichtlich noch keine eigenen Patente. Ich habe gerade gestern einen Artikel gelesen von einem kritischen Analysten aus Bolivien, mit dem wir in Kontakt stehen und der auch schon bei uns hier in Leipzig war. Er hat in diesem Artikel geschrieben, dass seit 2009 eigentlich immer wieder davon gesprochen wurde, dass sie eigene Patente entwickeln wollen. Aber er hat sich dann beim Patentamt in Bolivien erkundigt. Es wurden zwar Patente beantragt, aber keiner der Anträge wurde angenommen. Wie das jetzt gelöst wird, weiß ich nicht.

Bolivien: Salzgewinnung im Salar de Uyuni, größter Salzsee der Welt sowie einer der Orte mit den weltweit größten Lithiumvorkommen - Foto: Quetzal-Redaktion: Maxim KarpilowskiVor Jahren war die Rede davon, die südkoreanische Firma Kores-Posco würde in großem Stile in die Lithium-Ausbeutung einsteigen. Was ist daraus geworden? Sie besitzen ja bereits ein Patent zur Gewinnung von Lithium-Karbonat aus den Salzlaken…

Kores hatte zunächst von GNRE [Gerencia Nacional de Recursos Políticos Evaporíticos, Anm. der Red.], das ist eine Unterabteilung des staatlichen Unternehmens COMIBOL, eine Menge Salzlaken geschenkt bekommen. Das ist 2008/09, glaube ich, geschehen, in der Hoffnung, dass sie eine Lösung finden, wie man am besten Lithium gewinnen kann. Dabei hat aber die bolivianische Seite vergessen, einen Vertrag zu machen. Kores hat Erfahrung auf diesem Gebiet, vor allem in der Verarbeitung von Meeressalzen, und da haben sie sicherlich schnell eine Lösung gefunden. Als Kores die Patente bekam, hat Kores gesagt, sie möchten selbst in die Ausbeutung einsteigen. Aber die bolivianische Verfassung verbietet es, dass ein ausländisches Unternehmen direkt bei der Produktion dieses strategischen Rohstoffes teilnimmt. Das ist das Eine.

Aber auf der anderen Seite ist es ja so, dass GNRE bisher immer behauptet hat, dass sie selber ihre eigene Technologie entwickeln und dafür eine Menge Geld ausgegeben haben. Und wie würden sie jetzt dastehen, wenn sie Patente kaufen müssten. Dennoch hat der jetzige Chef von GNRE angekündigt, dass sie die Absicht haben, eine Pilotanlage aufzubauen mit der Unterstützung von Kores für die Produktion von Kathoden für Lithiumbatterien. In Potosí wurde ja auch eine Pilotanlage für die Produktion von Batterien errichtet. Und dafür braucht man Kathoden von Lithium. Deshalb wollen sie diese Pilotanlage mit Kores aufbauen.

Apropos Pilotanlage. Kennst du die Ergebnisse der Pilotanlage in Rio Grande? 2008 wurde ja publik gemacht, dass Evo Morales die persönlich eingeweiht hat….

Man muss dazu sagen, dass die Pilotanlage eigentlich erst im Januar 2013 eingeweiht wurde. 2008/09 kam es erst zu einer Grundlagenuntersuchung, um eine eigene Technologie zu entwickeln. Die Pilotanlage wurde dann 2013 aufgebaut. Das ist das erste Ergebnis.

Das zweite Ergebnis ist, dass jetzt eine Pilotanlage für die Batterieproduktion errichtet wurde. Die haben die Chinesen in Potosí für ungefähr 3 Millionen US-Dollar gebaut. Zur Zeit experimentieren sie dort. Die bolivianische Regierung behauptet, dass schon kleine Batterien für Handys dort entwickelt wurden. Die Chinesen haben meines Erachtens richtig gehandelt, indem sie gesagt haben, okay, wenn ihr Batterien produzieren wollt, dann müsst ihr zuerst mal lernen, wie das gemacht wird. Und dann haben sie die Anlage verkauft. Es ist ein mittelständiges Unternehmen aus China gewesen. Ja, und wie ich auf der Internetseite von GNRE gelesen habe, will die bolivianische Regierung diese Pilotanlage nutzen, um später auch zu einer industriellen Produktion von Batterien zu kommen. Aber im Moment kommen alle hundert Bauteile, die diese Batterie hat, aus China. Selbst Lithium ist nicht aus Bolivien, sondern aus China selbst. Die bolivianische Regierung behauptet allerdings, dass sie später alles selber für die Batterien produzieren werden.

Und dann sind noch die anderen Ergebnisse zu erwähnen. Bolivien hat in 7 Jahren 18 Tonnen Lithiumkarbonat gewonnen. Das Ziel war, dass man 40 Tonnen monatlich erzeugen wollte, aber sie haben bis jetzt nur 18 Tonnen Lithiumkarbonat gewonnen. Und da wir von Kores sprachen; Kores hat wohl behauptet, diese Menge würden sie in einem Monat produzieren. Also, es ist schon peinlich für die bolivianische Seite, zunächst einmal 150 Millionen US-Dollar auszugeben und nur so wenig Lithium zu produzieren. Dann hat die bolivianische Seite behauptet, dass Lithium mit einer Reinheit von 95%, 97% und 99,5% gewonnen wurde, und sie streben an, 99,9% zu erreichen. Juan Carlos Suleta, unser Partner aus Bolivien behauptet, niemand kann das bestätigen. Es gibt keine internationalen oder nationalen Gutachter. Das ist so in Bolivien. Wir hoffen, dass K-Utec in diesem Sinne Klarheit will, wie das gemacht wird. Aber eins ist auch sicher, egal wie das Lithium in Bolivien weiterverarbeitet wird: Es wird auch als Rohstoff verkauft, weil doch die Nachfrage auf dem Weltmarkt existiert. Und selbst von der chilenischen Seite, also von der Atacama, habe ich gehört, dass sie auch ab und zu mal Lithium als Rohstoff zum Weiterverarbeiten verkaufen. Und insofern ist es kein Problem, wenn Lithium mit 95% oder 97% Reinheit produziert wird und Bolivien es dann so verkauft.

Bolivien: Lithiumgewinnung im Salar de Uyuni mit Kegeln der TU Freiberg - Foto: Quetzal-Redaktion, Robert SielandWenn wir jetzt schon über die Technologie sprechen, wo wird das Lithium weiterverarbeitet? Du hast gerade gesagt, ein Teil, das ist schon absehbar, wird exportiert werden müssen, aber um das Lithium in Batterien zu verwenden, habe ich gelesen, braucht es eine Reinheit von mindestens 99,95%, also sehr, sehr rein. Verfügt Bolivien überhaupt über diese Technologien oder wird es wieder nur als Rohstoff exportiert, d.h. der Mehrwert wird im Ausland geschaffen, man kommt in neue Abhängigkeit? Was ist der Stand?

Nach meiner Auffassung hat Bolivien nicht gezeigt, dass sie über diese Technologie verfügen. Und auch Experten haben Zweifel. Vor Jahren, ich glaube im Jahr 2010, habe ich mit Professor Dr. Wolfgang Voigt von der Bergakademie Freiberg gesprochen. Er sagte mir, sie könnten höchstens Lithium für die Verwendung in Handys produzieren, und mehr können sie im Moment nicht. Und dann haben sie in Zusammenarbeit mit Universität Potosí diese Kegeltechnologie entwickelt…

Also, es gibt größere Probleme, so zum Beispiel, woher kommt die Energie? Bolivien müsste eigentlich eine Stromleitung vom Oriente nach Uyuni legen. Andere Experten sagten, es wäre besser, dass man selbst in der Nähe von Uyuni eine andere Art von Technologie für die Energiegewinnung einsetzen sollte, um den Energiebedarf für den Lithiumabbau zu decken.

Dann gibt es fast nichts, um eine chemische Anlage zu betreiben. Man braucht ja nicht nur Karbonat. Man braucht auch viele andere chemische Produkte, die für die Produktion von Lithium notwendig sind, und vor Ort gibt es fast nichts. Das ist die eine Sache.

Die andere Sache ist, dass man auch die technischen Ausrüstungen braucht, und die hat die bolivianische Regierung noch nicht. Man sieht dies ja auch auf der Internetseite von GNRE. Ich glaube, die zeigen dort mit Absicht, dass sie zum Beispiel Maschinen von Siemens gekauft haben. Also, das ist dann schon ein technologischer Prozess, der lange dauern wird.

Ist die Batterieproduktion ein strategisches Projekt in Bolivien? Oder ist das auch wieder nur ein Schnellschuss von der Regierung?

Es ist so, dass bei der Batterieproduktion zunächst einmal an Bolivien gedacht wird. Das ist vielleicht gut, denn es ist ja ein riesiges Land. Man kann sich vorstellen, dass man im Oriente oder auch auf dem Altiplano riesige Batterien aufbaut, um Energie zu speichern. Man kann praktisch an jedem beliebigen Ort Sonnenkollektoren aufbauen, und dann kann man viel damit machen. Aber man muss bedenken, dass Bolivien kaum 10 Millionen Einwohner hat. Der Markt ist daher zu klein. Die Produktion von Großbatterien oder Batterien für Handys wird einen Überschuss ergeben. Deshalb muss die bolivianische Regierung unbedingt an einen lateinamerikanischen Markt denken. Ich habe einen Artikel von einem Journalisten bei Deutschland-Funk gelesen. Er sagt, dass bei diesem subventionierten Projekt viel Geld ausgegeben wird; aber er sieht keine zukunftsfähige Produktion von Batterien in Bolivien.

Und wirklich, es gibt im Moment in Bolivien keine technischen Kapazitäten und auch keine Fachkräfte. Deshalb hat die bolivianische Regierung gesagt, dass jetzt viel Geld investiert wird, um Leute auszubilden. Nach Japan, China und überall hin werden jetzt Leute geschickt. Sie machen dort ein postgraduales Studium mit Schwerpunkt auf die ganze Palette der Batterieproduktion, damit sie dann später die Produktion in Bolivien selbst in Angriff nehmen können. Diese Idee, also auch die eigene Souveränität zu entwickeln und zu bestätigen, ist natürlich sehr gut. Evo Morales hat einmal gesagt, wir wollen nicht nur Toyotas mit bolivianischen Lithiumbatterien haben, sondern wir wollen auch selber Autos produzieren. Das war eine großartige Idee, ein guter Traum. Aber wir sehen, dass wir auf dem Weg dahin plötzlich vor Problemen stehen. Zum Beispiel werden Fachkräfte, hochqualifizierte Fachkräfte, die in Deutschland in den letzten 10, 20, 30 Jahren ausgebildet wurden, nicht benutzt. Stattdessen versucht man jetzt, neue Leute auszubilden. Also, ich finde das wirklich eine Blindheit, ein politische, eine parteipolitische Blindheit. Die Politiker versuchen ihre eigenen Interessen oder die ihrer Gruppe durchzusetzen und verhindern damit eine nationale Entwicklung.

—————————————————

Den zweiten Teil des Interviews finden Sie hier.

Bildrechte: [1] Quetzal-Redaktion, rumi; [2] Quetzal-Redaktion, Maxim Karpilowski; [3] Quetzal-Redaktion, Robert Sieland


Weitersagen:

Kommentar schreiben




top