lateinamerika - Quetzal - Politik und Kultur in Lateinamerika


Alles Banane
Kleine Geschichte eines krummen Gesellen

Autor:  | Dezember 2009 | Artikel empfehlen
Alles Banane

… la Compañía Frutera Inc.
se reservó lo más jugoso,
la costa central de mi tierra,
la dulce cintura de América.
Bautizó de nuevo sus tierras
como “Repúblicas Bananas”,
Pablo Neruda “Canto general”*

Alles Banane (Bildquelle: Quetzal Redaktion, gt)Andy Warhol hat sie zum Kunstwerk gemacht, Musiker haben sie besungen, Republiken werden nach ihr benannt, und sie muss für so manchen schlichten Scherz über die Ostdeutschen herhalten – die Banane. Es gibt sogar Leute, die meinen, die Frucht vom Baum der Erkenntnis sei gar kein Apfel gewesen, sondern eine Banane. Weshalb man diese auch einmal Paradiesfeige nannte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. (1 Mo 3,6) Kein Wort davon, dass die nicht näher benannte Frucht vor dem Verzehr geschält werden musste. Das hätte den offenbar nicht besonders hellen Adam vielleicht doch dazu gebracht, etwas nachzudenken, und sei es nur darüber, wie man das Ding eigentlich isst. Aber den Sündenfall kann man der gelben Krummen nun wirklich nicht anlasten. Die Autoren des “Buchs der Bücher” kannten die Banane vermutlich gar nicht, so weit war dieselbe seinerzeit noch nicht vorgedrungen.

Das Schälen zeichnet die Banane aus: Sie muss nicht abgewaschen werden, ist beim Transport immer gut verpackt und man kann sie ganz leicht von der ungenießbaren Schale befreien. Zudem schmeckt sie auch gut: das Fruchtfleisch nicht zu hart – also auch für Maulfaule leicht zu kauen – und nicht zu süß. Inhalt und Form bilden eine kongeniale Einheit. Fürwahr ein Meisterstück des Designs! Neben der Form vermag auch der Inhalt zu überzeugen: Die Banane enthält reichlich Vitamine und Mineralstoffe. Und entgegen anders lautenden Gerüchten macht sie nicht dick. Was will man mehr?

Musa paradisiaca – das klingt doch wirklich gut. Allerdings ist die hierzulande allseits beliebte Banane nur eine Variation aus der Gattung gleichen Namens. Und die Familie Musaceae ist mit 50 Arten noch deutlich größer und hat noch weitere Mitglieder, die von großer wirtschaftlicher Bedeutung sind. Die Textilbanane zum Beispiel, der Manilahanf, der von den Philippinen stammt und aus dessen Fasern sowohl Kleidung als auch Taue hergestellt werden. Taue aus Manilahanf sind die besten, habe ich zumindest gelesen.

Aber wir wollen bei der Banane bleiben, der wirtschaftlich bedeutendsten Frucht überhaupt. Um die 19 kg Bananen konsumiert ein Durchschnittsdeutscher pro Jahr, gleichermaßen in Ost wie in West. Damit sind die Deutschen Bananenweltmeister, so viele Bananen wie sie konsumiert keine andere Nation. Das, so muss hier einschränkend festgehalten werden, stimmt jedoch allein für die gelbe, krumme Frucht, die wir hierzulande allgemein als Banane bezeichnen. Der Fachmann nennt das Dessertbanane. Anderswo kennt man auch andere Sorten, wie z.B. die Kochbanane, die bei uns nicht besonders verbreitet ist. In zahlreichen Ländern Afrikas ist diese ein Grundnahrungsmittel. Mit anderen Worten: Dort werden viel mehr Bananen gegessen als in Deutschland. Da aber Länder wie Uganda nur für den Eigenbedarf produzieren, sind sie für hiesige Statistiken uninteressant. Also, noch einmal zum Mitschreiben: Die wahren Weltmeister im Bananenkonsum leben ganz woanders.

Musa ist botanisch gesehen eigentlich eine Beere, auch wenn sie für uns nicht so aussieht. Ihren Ursprung hat sie in Südostasien, wo sie vermutlich bereits 5.000 Jahre v.u.Z. kultiviert wurde. Vor 2.000 Jahren (manche gehen noch einmal 2.000 Jahre zurück) kam die Banane nach Afrika. Im 6./ 7. Jahrhundert u.Z. könnte die gelbe Frucht dann bereits in Arabien angekommen sein, zumindest glaubt man, dass der Religionsgründer Mohammed sie bereits kannte. Aus dem 10. Jahrhundert existieren dann bereits Belege für die Existenz der Banane in Texten aus Ägypten und Palästina. Mit den Arabern kam sie nach Europa, um genau zu sein, nach Spanien – das seinerzeit maurisch war. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erreichte die Banane schließlich Amerika, ein Dominikanermönch soll sie 1516 nach Mittelamerika gebracht haben.

Den Arabern hat die gelbe Köstliche übrigens ihren Namen zu verdanken. Ja gut, es gibt auch eine andere Theorie, wonach das Wort Banane ursprünglich aus einer westafrikanischen Bantu-Sprache, dem Wolof, stammt. Die Experten streiten sich da noch. Mir persönlich ist die arabische Version sympathischer: banan (arab.) heißt auf Deutsch schlicht und einfach Finger. Und das ist nun wirklich ein treffender Name. Eine Bananenpflanze, Staude genannt, besteht aus mehreren Händen, die ihrerseits 10 bis 20 Finger, also Bananen, haben. Die Pflanze selbst kann sechs bis elf Meter Höhe erreichen, und sie ist in ihrer Kulturform ein absolut ungeschlechtliches Wesen. Eine vom Menschen kultivierte Bananenstaude (nicht die Wildform!) hat keine Samen – also klont sie sich ständig selbst. Der Stamm, der eigentlich ein Scheinstamm ist (aber lassen wir das), trägt nur ein einziges Mal und bildet dann selbst neue Schösslinge aus. Nach der Ernte wird der Stamm abgeschlagen, und die Schösslinge werden kultiviert. Und immer so fort.

Diese Form der Fortpflanzung hat Vor- und Nachteile für die Nutzung der Pflanze. Da die Staude sich selbst vervielfältigt, muss sich der Mensch nicht um ihre Vermehrung kümmern. Ständiges Klonen bedeutet aber auch genetischen Stillstand. Und wenn sich Pflanzen mehr als 100 Jahre nicht genetisch verändern, nicht auf veränderte Bedingungen reagieren müssen (und können), dann sind sie über kurz oder lang ein gefundenes Fressen für allerlei Schädlinge. Vor 50 Jahren bekamen das die Bananenpflanzer in Mittelamerika zu spüren, als sich die Fusarium-Welke, die so genannte Panama-Krankheit, über die damalige Einheitsbanane Gros Michel hermachte und den Bestand fast völlig vernichtete. Als Ersatz wurde Cavendish gezüchtet, die heute in Mittel- und Südamerika die Rolle der Einheitsbanane übernommen hat und ebenfalls als Monokultur gedeiht. Aber auch sie weckte mittlerweile Begehrlichkeiten: Black Sigatoka, ein Pilz, bedroht Cavendish heute ebenso wie die Panama-Krankheit einst Gros Michel. Experten gehen davon aus, dass es spätestens in zwei Jahrzehnten auch mit dieser Banane vorbei sein wird – wenn die Produzenten keine wirksamen Abwehrmaßnahmen gegen den Pilz finden. Zur Zeit versucht man noch, der Schwarzen Bananen-Pest mit Pestiziden Herr zu werden, ob es langfristig hilft, ist fraglich. Bis zu 30% der Ausgaben der Bananenkonzerne entfallen inzwischen auf die chemische Keule, deren Einsatz kaum noch ausgeweitet werden kann. Und trotzdem – in manchen Regionen vernichtet Black Sigatoka 50 bis 80% der Ernte.

Alles Banane (Bildquelle: Quetzal Redaktion, gt)Nun gut, ich weiß nicht, ob der Verlust von Cavendish für den Verbraucher wirklich eine Katastrophe wäre. Diese genormte, makellose Einheitsbanane, mindestens 14 cm lang und 2,7 cm im Durchmesser, schmeckt doch irgendwie fade. Ich habe einmal in einem Film gesehen, dass Arbeiter auf den Bananenplantagen Mittelamerikas hinter ihrer Hütte selbst einige Bananenpflanzen anbauen. Sie würden nie auf die Idee kommen, das Zeug von der Plantage zu essen – das schmeckt ihnen einfach nicht. Und sie haben Recht. Die deutlich kleineren, nicht makellosen, für den Eigenbedarf angebauten Bananen sind einfach köstlich.

Von den eher kleinen feigenähnlichen Wildfrüchten bis zu den hochgezüchteten Bananen, die in unseren Supermärkten landen, war es ein weiter Weg. Kommerzielle Bananenprduktion im großen Stil gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts. Zunächst erfolgte ein umfangreicherer Anbau vor allem zur billigen Versorgung der Arbeiter beim Bau der ersten Eisenbahn in Costa Rica. Doch sehr bald brachte der Verkauf der Bananen den US-amerikanischen Erbauern der Bahn mehr Gewinn als die Bahn selbst, so dass diese ins Fruchtgeschäft einstiegen. 1899 taten sich Minor C. Keith (der von der Bahn) und sein Konkurrent Lorenzo Dow Baker (von der Boston Fruit Company) zusammen und gründeten die United Fruit Company. Doch erst als 1903 der erste Bananendampfer mit Kühlmöglichkeit in See stach, stand der weltweiten Ausbreitung der leicht verderblichen gelben Frucht nichts mehr im Wege. Riesige Plantagen entstanden, auf denen in Monokultur Bananen ausschließlich für den Export angebaut wurden. Die Folgen von Monokulturen auf die Umwelt und die Entwicklung der betroffenen Länder sind bekannt und müssen hier nicht referiert werden. Ebenso aktenkundig ist der Einfluss des Bananenkonzerns United Fruit auf die politische Situation der Staaten Mittel- und Südamerikas. In den Erzeugerländern übernahm die Company faktisch die Macht. Sie beherrschte das Transportwesen, die Post, die Telekommunikation – alles Dinge, die man braucht, um ein Bananenimperium zu leiten – und ein Land zu kontrollieren. Alles, was dem Profit im Wege stehen könnte, wurde unterdrückt, vertrieben, ausgemerzt. Das Massaker unter streikenden Bananenarbeitern im kolumbianischen Ciénaga 1928 hat Gabriel García Márquez in seinem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ literarisch verarbeitet. Die United Fruit hatte natürlich nicht selbst Hand angelegt, die von der Company abhängige Regierung schickte ihren General Carlos Cortés Vargas.

Und als Guatemalas Präsident Jacobo Árbenz Anfang der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts im Zuge einer Landreform begann, unbebautes Land zu enteignen und an arme Bauern zu verteilen, holte man sich die Hilfe der CIA, um die „kommunistische Bedrohung“ zu beseitigen. Àrbenz wurde gestürzt und Guatemala unter verschiedenen Diktatoren wieder ein willfähriges Land. Es waren die Bananenkonzerne, neben United Fruit, das sich heute Chiquita nennt, auch United Brand, die die mittelamerikanischen Länder beherrschten. Die Bezeichnung „Bananenrepublik“ steht bis heute als Synonym für ein korruptes, abhängiges Regime.

Bis nach Deutschland schaffte es die United Fruit zunächst nicht so richtig. Dort wurden vor allem Bananen aus Kamerun verkauft, das bis 1919 deutsche Kolonie war. Doch auch nach dem 1. Weltkrieg sicherte die Afrikanische Frucht-Compagnie die Lieferung der „deutschen Banane“. 1957 hatte Kanzler Adenauer bei der Gründung der EWG durchgesetzt, dass Deutschland – und nur Deutschland – zollfrei amerikanische Bananen (Dollarbananen) einführen darf. Die Frucht sollte billig und für jeden erschwinglich sein. Die Banane als Freiheits- und Wohlstandshoffnung der Deutschen, die Geschichte wiederholt sich irgendwie doch. Mit diesem deutschen Bananenprivileg ist es allerdings inzwischen auch weitgehend vorbei, nachdem die EU-Bananenverordnung von 1993 die allgemeine Zollfreiheit der Dollarbananen für Deutschland abschaffte. Die EU wollte die eigenen Bananenproduzenten schützen und erlaubte den Produzenten auf Dollarbasis, also im wesentlichen Lateinamerika, nur bestimmte Quoten zu günstigen Zöllen nach Europa zu exportieren. Der „Bananenkrieg“ um die Folgen dieser Richtlinien ist zwar offiziell beendet, aber die Auseinandersetzungen sind noch nicht ausgestanden. Mit weiteren Veränderungen muss also gerechnet werden.

Vorerst hat die EU erst einmal ihre Vorschriften über die zulässige Größe und Krümmung der Banane aufgehoben, jetzt dürfen auch kleinere Bananen nach Europa einreisen. Die Produzenten dürfte es freuen, und die Verbraucher wohl ebenfalls. Die kleineren Bananenproduzenten scheren sich nicht um das (gewesene) europäische Gardemaß, zumal sie nicht selten Sorten anbauen, die per se kleiner sind als Cavendish, in einigen Enklaven wird sogar Gros Michel wieder angebaut. Andernorts kultiviert man Sorten, die gegen Sigatoka resistent sind. Inzwischen sind die Großen auf die kleinen Produzenten aufmerksam geworden. Deren Konzept verspricht Erfolg und könnte die Zukunft der gelben Krummen sichern. Aber, was heißt hier gelbe Krumme? Es gibt sehr viele Bananensorten, von Cavendish und Co. in Form und Farbe deutlich verschieden. Hoffen wir also, dass die Bananenmultis sich nicht auch dieser „Exoten“ bemächtigen und in altbewährter Manier daraus Einheitsbananen machen. Warten wir‘s ab. Vielleicht ist der Bananenmarkt der Zukunft wirklich bunt.

—————————————————————

*… die United Fruit Company reservierte sich das Gehaltvollste, meines Kontinents Zentralküste, Amerikas lieblichen Gürtel. Sie taufte ihre Ländereien in “Bananenrepubliken” um. (Pablo Neruda: Der Große Gesang. Verlag Volk und Welt, Berlin 1977)

Bilquelle: Quetzal-Redaktion, gt


Weitersagen:

Kommentar schreiben




top